Montag, 21. Mai 2018

Ein Tag im Leben des Bundesbeamten Aemisegger im Jahre 2045

Leon Aemisegger hatte einen sicheren Job. Solche waren begehrt, nachdem die künstliche Intelligenz und die Robotik dazu geführt hatten, dass die allermeiste Arbeit nicht mehr von Menschen erledigt wurde. Aus juristischen Gründen durften jedoch die amtlichen Kontrollorgane ihre Überwachungsfuntkion nur in Ergänzung eines Kontrolleures aus Fleisch und Blut wahrnehmen. Die Rechtskonservativen wollten partout keine Bussen von Robotern bekommen.

Leon Aemisegger war einer dieser wenigen. Er überwachte die Kontrollinstallationen für öffentliche Veranstaltungen. Auf seinen Bildschirmen wurden alle Events des Landes in Echtzeit dargestellt. Video und Ton sowie ein paar andere Daten wurden aufgezeichnet: Infrarot, Rauchmeldedaten, Analyse der Radiofrequenzen sowie natürlich der Schallpegel.

Nach dem Inkrafttreten der neuen Schallschutzverordnung 2018 waren Lokalbehörden und Veranstalter dermassen überfordert, dass der Bund zwei Jahre später beschloss, ein flächendeckendes Kontrollsystem für öffentliche Veranstaltungen einzuführen.

Bei Unregelmässigkeiten leuchtete das Feld der Veranstaltung auf dem Bildschirm rot auf und Leon sah sich die Sache genauer an. Bei kleineren Delikten löste er die automatisch generierte Busse aus, bei schwereren meldete er es der Polizei.

Auch heute sass Leon wieder etwas gelangweilt vor seiner Bildschirmwand, ab und zu leuchtete ein Feld rot auf, aber seine Schicht näherte sich schon bald dem Ende. So ein Vierstunden-Arbeitstag war schon was Nettes. Der Bund hatte aufgrund der hohen Burnout-Rate unter der arbeitstägigen Minderheit eine 28h-Woche beschlossen. Als Nebeneffekt wurden so auch noch mehr Stellen geschaffen. Es war also allen geholfen. Trotzdem hatte Leon Sorge um seine Stelle. Es fanden nämlich immer weniger öffentliche Veranstaltungen statt, seit die Zulassungsbehörde eine weitere Verschärfung der Schallpegel auf 89 dB vorschrieb. Montags hatte er seither immer frei, und manchmal sogar Dienstags.

„Warum tun sie das?“, fragte Gianluca, welcher neben ihm sass und einen Demeter-Grüntee aus lokalem Anbau trank.
Gianluca war sein Assistent diesen Monat. Eigentlich war er völlig überflüssig, aber Leon war froh um etwas Gesellschaft. Das RAV verloste jeden Monat freie Assistenzstellen als Depressionsprävention, eine Win-Win-Win- Situation. Leon war etwas weniger alleine, Gianluca durfte eine Arbeitslosenpause einlegen und die Politik hatte ein „Instrument zur Durchmischung der Gesellschaft“. 
„Man hat herausgefunden, dass Pegel über 89 dB sich negativ auf die Stressresilienz auswirken “, antwortete Leon mild.
„Naja, mir egal, ich war schon lange nicht mehr an einem Konzert“, entgegnete Gianluca und nippte an seiner Tasse. Dann beugte er sich zu Leon und flüsterte: „Also - an einem Öffentlichen.“
Leon warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Kein Wunder, hast du keine Stelle, bei so einem Lebenswandel“, entgegnete er. „Möglicherweise hast du an deinen privaten Parties sogar Alkohol getrunken, oder … geraucht!“
„Alles legal!“, antwortete Gianluca gereizt, „ich könnte mir mein Max-Havelaar-Koks ja auch in der Drogerie kaufen, wenn ich wollte.“
 „Aha, deswegen macht man ja private Parties, weil es legal ist. Wegen Menschen wie dir funktioniert unser System nicht! Wer sich nicht eingliedern will, soll  auswandern, ich habe dieses Pack satt, welches den Bevölkerungsschutz unseres Landes untergräbt. Egoistische, asoziale Hedonisten seid ihr.“

In der Tat hatte der Staat alle Drogen legalisiert. Die Trennung zwischen privat und öffentlich wurde neu gezogen. Dies war eine Art Ausgleich zwischen den Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Persönliche Sicherheitsbedürfnisse wurden mit strengen Auflagen belegt. Wer medizinische Leistungen versichert haben wollte, der musste seinen Lebenswandel durchleuchten lassen und wurde gegebenenfalls von der Versicherung akzeptiert. Die Kassen durften jedoch bei einem Fehlverhalten des Versicherten Leistungen kürzen oder ihn im Wiederholungsfall ganz aus der Kasse ausschliessen. Der Kunde durfte natürlich keine Hochrisikosportarten betreiben, keine Suchtmittel konsumieren, musste genug schlafen und sich im Allgemeinen gesund verhalten. Alle öffentlichen Veranstaltungen hatten strenge Auflagen zu erfüllen, damit sie die Besucher nicht in ihrer Gesundheit gefährden würden. Algorhithmen auf den Smartwatches erfassten alle Tätigkeiten jedes Einzelnen und ermittelte die Risikofaktoren aufgrund dem Gesundheitsmonitoring.  Ruhe- und Bewegungsphasen, Umgebungslautstärke sowie Puls- und Blutdruckwerte wurden permanent überwacht, vierteljährlich musste man bei einem Blutwertautomaten vorbei und den Arm hineinhalten. Das war keine grosse Sache, denn es gab sie überall. Nachdem die Geldautomaten überflüssig geworden waren, ersetzte man diese einfach durch einen sogenannten Medirob.

Es stand jedem Bürger frei, sich entweder einer Krankenkasse
anzuschliessen und die damit verbundenen Auflagen zu erfüllen, oder seine Privatsphäre zu behalten. Dann konnte er zwar tun und lassen was er wollte, war aber nicht versichert. Für Vermögende gab es noch private Kassen, welche eine Ausnahme bildeten. Für sie galten andere Regeln.

Eine Stelle bekam grundsätzlich nur jemand, welcher beim Gesundheitsscreening keiner Risikogruppe angehörte. Wer sich gegen diese Screenings entschied, der hatte auch kaum Chancen auf Arbeit. Um dies abzufedern bekamen unversicherte eine bedingungsloses Grundeinkommen. Man hatte ausgerechnet, dass die dadurch verursachten Kosten geringer waren, da die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Gruppe ohnehin tiefer lag. 

„Und wenn du keine Stelle mehr hast, weil es keine Veranstaltungen mehr gibt, weil wir uns zu Tode versichert und beschützt haben? Das Leben ist lebensgefährlich. Und wer nicht auf sich selber aufpassen kann, ist unmündig.“ Gianluca sah ihn ernst an.

„Diese Haltung ist in höchstem Masse undankbar! Jeden Monat stolpert mir wieder so ein weltfremder Fatalist in den Kontrollraum und erzählt mir etwas von seinem ach so bunten Leben! Wieso hast du überhaupt an der Verlosung teilgenommen beim RAV?“

„Ich wollte diesen Kontrollwahnsinn einmal mit eigenen Augen gesehen haben, bevor er sich selbst abschafft. Es ist beeindruckend, wie weit es der Staat getrieben hat. Der Schorsch Orwell würde sich im Grab umdrehen.“

Man hatte sich nichts mehr zu sagen. Um die gespannte Stille zu unterbrechen klickte sich Leon durch die verschiedenen Veranstaltungen auf seinem Bildschirm. Ambiencekakophonie plärrte aus seinen Lautsprechern.

Plötzlich leuchtete ein Feld permanent rot auf. Doch bevor Leon darauf klicken konnte, wurden noch mehr Felder rot. Innert kürzester Zeit war der ganze Bildschirm wie in Blut getränkt. Alarm! Scheinbar auf Kommando wurde in der ganzen Schweiz gelärmt, was das Zeug hielt. „Lärmterroralaaarm!“,Leon griff zum Telefon. Doch Gianluca war schneller. Mit einem Spanset zurrte er Leon an seinem Bürostuhl fest und gab ihm einen Tritt. Leon rollte schreiend von dannen. 

„Das sind aber mehr als 89 dB!“, Gianluca kramte ein Taschentuch hervor und stopfte es Leon in den Mund. „Ihr wohlstandssedierten, sicherheitssüchtigen Bünzlibürger meint wohl, wir überlassen euch das Feld kampflos…“
Danach griff er zu seiner Smartwach und textete: Feiert schön, alles ok hier!

Der Bildschirm tauchte das ganze Büro in ein rötliches Licht. Gianluca ging nachhause und wurde dort später verhaftet.

Die Aktion wurde von der Politik als orchestrierter Sabotageakt an der öffentlichen Sicherheit verurteilt und Gianluca mitsamt seiner Guerilliatruppe der Prozess gemacht. 


Leon erholte sich schnell wieder, allerdings wurde er bald darauf entlassen und seine Funktion automatisiert.

Freitag, 23. März 2018

Ich hab's satt- über die Fettsucht im Tonstudio




Der War of Loudness scheint in letzter Zeit abgelöst worden zu sein durch einen War of Fatness.
Die audiologische Fettsucht macht vor gar nix mehr Halt. 

Fett und verzerrt ertönt es landauf, landab aus den Lautsprechern. Röhren-, Transistoren- und Bandemulationen gehören inzwischen zum must-have im Angebot der meisten Plugin Hersteller und definieren ein neues Zeitalter der Klanggestaltung; Sättigung für alles und jeden.

Vielleicht liegt es daran, dass wir seit ein paar Jahren mit der Lautheitsskala "LUFS" dem War of Loudness einen Riegel schieben konnten.
Es ist eine kühne Theorie, aber ich vermute, dass man mit Sättigung - also der Anreicherung des Originalsignals mit harmonischen Obertönen - mehr "Druck", mehr "Lautheit" erzeugen kann ohne im selben Masse technisch höhere dB Werte zu erzeugen und damit den LUFS-Wert zu erhöhen.
Im besten Fall führt das zu einem höheren Musikgenuss, im schlechteren Fall wird einfach verzerrt um der Lautheit willen, und das finde ich absurd. 



Die Streamingplattform Spotify hat erst vor einem halben Jahr die Pegel aller Streamings von -11 LUFS auf -14 LUFS reduziert  und sich damit den anderen Anbietern angeglichen. 
(YouTube -13 LUFS, Tidal -14 LUFS und Apple Music -16 LUFS) - dynamisch ist das neue laut? Nicht ganz. Wer will denn schon die ganze Zeit am Volumeregler rummfummeln beim Musikhören...Abhilfe bei der Durchsetzungskraft des Stückes bringen obgenannte Plugins, welche inzwischen nicht mehr aus der DAW wegzudenken sind.

Der Brickwall-Limiter am Ende der Kette wird dadurch entlastet, der Mix wird nicht unnötig von den Streamingdiensten heruntergerechnet, damit er den LUFS-Vorgaben entspricht. Mehr Druck mit weniger hohem Crest-Faktor. Das ist in etwa meine Vermutung. Ich lasse mich übrigens gerne belehren, wenn es ein Irrtum wäre. Koinzidenz und Korrelation seien ja zwei verschiedene Dinge...

Natürlich kann, ja muss man Sättigung als Stilmittel betrachten. Vielleicht werde ich einfach nur alt, aber manchmal denke ich mir schon - musste das jetzt sein? Andauernd verzerrte Stimmen, Bässe, Loops so weit das Ohr reicht. 
Muss denn immer alles larger than life sein? Ich gebe zu, ich finde die Audiofettsucht zwar das kleinere Übel als eine Lautheit mit Crestfaktor ≃ 1, aber es gibt ja noch etwas zwischendrin. Etwas zwischen dem blutleerbleichen -  und dem Superadipositas Mix.

Ich bin genauso Fan von Sättigungseffekten wie ich ein scharfes Thaicurry mag. Das soll dann mal so richtig scharf sein - gerne. Aber nicht jeden Tag; erstens veröden dann meine Geschmacksnerven und zweitens ist scharf nur in Abwechslung mit anderen Geschmäckern lustig. 
Verzerrt gezielt! Ich bin froh um die neuen Tools, aber nicht jeder fettsüchtige Mix klingt automatisch so wichtig, wie er tut.


Montag, 5. März 2018

No Billag ist Geschichte

Nun, da die Abstimmung vorbei ist, möchte ich es nicht versäumen, mir ein paar Gedanken über die Medienlandschaft zu machen:

Wie soll es weitergehen?

Hier meine Vorschläge:


Politisch:
Von der Billag werden wir nächstes Jahr keine Rechnung mehr bekommen, da der Auftrag der Gebührenerhebung vom Bund neu vergeben wurde. Sinnvoller jedoch wäre aus meiner Sicht das niederländische Model, welches die Einkommensverhältnisse der Konsumenten berücksichtigen würde. Sozialhilfebezüger gehören gebührenbefreit.
Der Auftrag an die SRG muss differenzierter sein. Private Medienunternehmen sollen mehr Mittel bekommen (z.B. 10% statt derzeit 6%), damit verbunden sollen sie jedoch auch einen geschärften Auftrag erhalten, zum Beispiel im Bereich der Regionalinformation.
Onlinewerbung soll besteuert werden. Die Pfründe von fb, google etc dürfen guten Gewissens angezapft werden, schliesslich bezahlen wir ja mit unseren Informationen dafür.

Betrieblich:
Die SRG seinerseits hat jahrelang das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Manchmal kam es mir fast so vor, wie wenn man Armee-like die Munitionsration verschiessen müsste, um im nächsten Jahr wieder gleich viel zu erhalten. Die goldenen Jahre sind wahrscheinlich vorbei, doch vor allem in strategischen Fragen sollten Investitionen gut geprüft werden. Wer interessiert sich noch für DAB, wenn in gleicher Qualität Radio gestreamt werden kann?

Z.B. 4k Produktionen werden zwar mittelfristig nicht teurer sein als HD, doch die Infrastruktur für die Distribution in Echtzeit ist überflüssig. Nur weil etwas technisch machbar ist, heisst das noch lange nicht, dass es sinnvoll sei. Der technische Fortschritt sollte primär zur Konsolidierung der Kosten genutzt werden und nicht zu aufwändigeren Produktionen führen.

Das tpc soll aus der Knechtschaft der SRG entlassen werden. Wer behauptet, das tpc arbeite nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen soll sich einmal die überschaubaren Referenzen auf der Homepage anschauen. Produktionsaufträge der SRG sollen öffentlich ausgeschrieben werden.
Hier ist einerseits Sparpotential vorhanden, andererseits würde die Transparenz gefördert.

Distribution:
Alle Inhalte sollen online abrufbar werden. Ausser bei Nachrichten und Sportsendungen ist die Echtzeitverbreitung von Inhalten sekundär. Das Archiv- und Rohmaterial soll zumindest privaten Medien, Universitäten und Forschern zur Verfügung stehen.

Inhaltlich:
Gewisse Produktionen aus den verschiedenen Landesteilen sollen untertitelt, synchronisiert oder zumindest in den anderen Sprachen verwertet werden, so wie das der Kassensturz regelmässig mit dem welschen Konsumenten-TV macht.

Die grösste Herausforderung wird wohl sein, "ausgeglichen" zu informieren - wie dies die Verfassung fordert. Die zweitgrösste "den kulturellen Zusammenhalt fördern". Oder umgekehrt - wie will man solches schon messen?

Meine Fragen:
Eine Frage an Journalisten: Welche harten Parameter sind für eine Berichterstattung vorhanden, welche diese in ihrer Relevanz, Objektivität und Wahrhaftigkeit einordnen lassen können?
Provokativ gefragt, jeder Kühlschrank hat ein Energielabel, wieso hat Journalismus keines?

Donnerstag, 25. Januar 2018

Zu verkaufen: Öffentliche Meinung an bester Lage


Seit ein paar Wochen treibt mich ein Thema um, welches mich mehr politisch als tontechnisch beschäftigt, das jedoch sehr handfeste politische Konsequenzen haben kann: Die Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Medien in der Schweiz. Am 4. März 2018 stimmt das Schweizervolk über die Abschaffung jeglicher Rundfunksteuern in der Schweiz ab. In Deutschland bezahlt jeder "beitragsschuldige Inhaber einer Wohnung" rund 210 Euro pro pro Jahr in einen Topf. Mit etwa 8 Mia. Euro betreiben die Deutschen rund 22 TV Kanäle, 67 Radiokanäle und viele Onlineangebote. Rund 25'000 Arbeitnehmer werden hierbei beschäftigt.

In der Schweiz bezahlt jeder Haushalt ca 400 Euro pro Jahr, die ca 1.1 Mia Euro fliessen zum grössten Teil in die SRG - ein privatrechtlicher Verein mit öffentlichem Auftrag (was im Endeffekt für den Zuschauer einer öffentlich-rechtlichen Anstalt  gleichbedeutend ist -  die Schweizer nennen das "service public"), jedoch bekommen von diesen Gebührengeldern auch viele kleine Regionalsender einen Teil ab.
Die Gewerkschaften berechneten, dass von einer Abschaffung der Gebührenpflicht 13'000 Stellen im Medienbereich betroffen wären, 6000 Stellen alleine bei der SRG.

Deutschland ist mit der Höhe der Beitragspflicht eher am unteren Ende im europäischen Vergleich, die Schweiz klar an der Spitze. Jeder Zahlende fragt sich automatisch, wenn er die Rechnung bekommt, für was er da jetzt nun genau bezahlt. Am meisten fragen sich das diejenige Personen, welche gar keine Sendungen konsumiert haben. In Deutschland wurde deswegen geklagt und im Oktober 2017 gab ein deutsches Gericht erstmals einer Klägerin Recht nach dem Grundsatz "Keine Leistung - keine Bezahlung". Die Debatte über Sinn und Zweck öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten ist also nicht nur in der Schweiz im Gange, sie wird wohl früher oder später auch im gesamten europäischen Raum zum polarisierenden Politikum werden.

Die Frage ist auch für diejenigen berechtigt, welche das Programm konsumieren. Für was bezahlen wir hier eigentlich? Ich kann ja keinen direkten Einfluss nehmen auf das Programm. Nützt mir ja auch nichts, wenn ich bei ARD und ZDF in der ersten Reihe sitze, das Gebotene aber langweilig bis überflüssig finde.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben also seit dem aufkommen der Privatsender -zumindest teilweise- ein Legitimationsproblem, welches sich akzentuiert, je mehr Gratisangebote im Rundfunk, im Netz oder als Zeitung auftauchen. Unterhaltung ist Unterhaltung, und Information ist Information, egal woher, egal von wem. So einfach ist es. Nicht.

Es geht eigentlich um Folgendes: Wer entscheidet darüber, welche Informationen verbreitet werden- und welche totgeschwiegen? Und Zweitens: Wie werden diese Nachrichten interpretiert, gewertet, eingeordnet? Meinungsmache à la Foxnews? Das wäre Gift für die direkte Demokratie, denn diese setzt Kompromissfähigkeit und Konsensbereitschaft voraus. Aufgeklärte, umfänglich informierte Bürger, welche in konsensorientiertem Ton über eine Sache debattieren und einen politischen Kompromiss suchen. Will man hingegen die öffentliche Meinung effektiv manipulieren, dann muss man die Medien kontrollieren und filtern.

Das ist alles nicht neu. Das wusste schon der Adolf und sein Joseph Goebbels. 1933 schränkten sie die Medienfreiheit ein, brachten den Hörfunk unter ihre Kontrolle und verkauften nur noch Radios, welche genau diesen einen Sender empfangen konnten. Wer an der Radioelektronik herumfummelte um andere Sender ("Feindsender") zu hören, dem drohte Zuchthaus oder gar die Todesstrafe.

Der Nazi-Propagandamaschine verdanken wir nicht nur die Bandmaschine und Röhrenmikrofone, sondern auch die Einsicht, dass gleichgeschaltete Medien ein unglaubliches Manipulationspotential haben.

Das Gegenteil von Propaganda ist wohl Aufklärung, "objektive" Information als Hilfe zur freien Meinungsbildung, pro und kontra eben. Genau diesen Informationsauftrag haben die öffentlich-rechtlichen Sender. In der Schweizer Gesetzgebung steht das folgendermassen: (Hier der Link)

Konzession
für die SRG SSR idée suisse
1
(Konzession SRG)
vom 28. November 2007 (Stand 1. Oktober 2017)
Der Schweizerische Bundesrat,
gestützt auf Artikel 25 Absatz 1 des Bundesgesetz vom 24. März 2006über Radio und Fernsehen (RTVG)
und in Ausführung der Radio- und Fernsehverordnung vom 9. März 2007(RTVV),
erteilt der SRG SSR idée suisse (SRG) die folgende Konzession:
1. Abschnitt: AllgemeinesArt. 1 Konzessionärin und Gegenstand
Die SRG veranstaltet nach den Vorschriften des RTVG, der RTVV und dieser Konzession Radio- und Fernsehprogramme und erbringt weitere Leistungen im übrigen publizistischen Angebot.
Art. 2 Programmauftrag
Die SRG erfüllt ihren Programmauftrag in erster Linie durch die Gesamtheit ihrer Radio- und Fernsehprogramme; die Programmleistungen werden gleichwertig in allen Amtssprachen erbracht.
In ihren Programmen fördert sie das Verständnis, den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen, Religionen und den gesellschaftlichen Gruppierungen. Sie fördert die Integration der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz, den Kontakt der Auslandschweizerinnen und -schweizer zur Heimat sowie im Ausland die Präsenz der Schweiz und das Verständnis für deren Anliegen. Sie berücksichtigt die Eigenheiten des Landes und die Bedürfnisse der Kan- tone.
Innerhalb des vorgegebenen programmlichen und finanziellen Rahmens berücksich- tigt die SRG die unterschiedlichen Anliegen und Interessen des Publikums.
Die SRG trägt bei zur:
  1. a)  freien Meinungsbildung des Publikums durch umfassende, vielfältige und sachgerechte Information insbesondere über politische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge; 
  2. b)  kulturellen Entfaltung und zur Stärkung der kulturellen Werte des Landes so- wie zur Förderung der schweizerischen Kultur unter besonderer Berücksich- tigung der Schweizer Literatur sowie des Schweizer Musik- und Filmschaffens, namentlich durch die Ausstrahlung von veranstalterunabhängigen Schweizer Produktionen und eigenproduzierten Sendungen; 
  3. c)  Bildung des Publikums, namentlich durch die regelmässige Ausstrahlung von Sendungen mit bildenden Inhalten; 
  4. d)  Unterhaltung. 
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19073; 2013 3291 2016 59; 2016 4645; 2017 5821
BBl 2007 8557, 2008 5779, 2009 4811 6829, 2010 7913; 2011 7967; 2011 7969; 2012 SR 784.40
SR 784.40120071789 1

Konzession SRG SSR
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Damit soll verhindert werden, dass diese Medien für andere Zwecke missbraucht werden. Im Gegensatz zu den privaten Medien sind diese öffentlichen Medien also strengen Kriterien in punkto Ausgewogenheit unterworfen. Wenn sie diese Kriterien nicht erfüllen, dann hat man als freier Bürger verschiedene Möglichkeiten, gegen die Berichterstattung zu klagen. Zuerst kann man sich an die Ombudsstelle der SRG wenden. Wer einmal Zeit und Lust hat, darf sich da gerne die Klagen und die Antworten dazu ansehen (Am spannendsten sind übrigens die Schlussberichte). Man darf ob der Fülle von Reklamationen behaupten, dieses Instrument sei den Schweizern bekannt. Im Durchschnitt flattert knapp eine Beanstandung pro Tag herein. In rund 20% der Fälle gibt der Ombudsmann den Klägern teilweise oder vollständig recht und es kommt daraufhin zu einer öffentlichen Richtigstellung und/oder Entschuldigung.

Funktioniert doch, alles wunderbar!

Leider nicht. Offensichtlich hat der finanzielle Druck auf Herr und Frau Schweizer dermassen zugenommen in den letzten Jahren, dass man die Initiative für eine de facto Abschaffung dieser Institutionen problemlos zustande brachte. Mit nur 100'000 gültigen Unterschriften kommt eine Vorlage in unserem kleinen Land "vor das Volk", so geht direkte Demokratie in der Schweiz.

Und hier, genau hier liegt der Hund begraben. Ein Land welches per Volksabstimmungen theoretisch  die Todesstrafe wieder einführen oder einen Krieg anzetteln könnte- der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt - so ein Land ist auf verantwortungsvolle Bewohner angewiesen. Mündige Bürger. Menschen mit Vernunft, welche den Konsens suchen, den berühmten gutschweizerischen Kompromiss zustande ringend und bringend. Und es braucht Menschen, die sich nicht über eine versprochene Einsparung von 400 Euro im Jahr zur Abschaffung der wichtigsten Quelle objektiver Information verführen lassen.

Wenn aber das soziale Gefälle zunimmt, dann werden die weniger Wohlhabenden empfänglich für destruktive Initiativen wie "no-Billag", deren Konsequenzen weit über die eingesparten 400 Euro pro Haushalt hinausgehen.

Wenn man diesen Menschen die einzigen Medien, welche per Gesetzt zur Objektivität verpflichtet sind, entzieht, dann wird nicht mehr der Konsens gesucht, sondern dann wird polarisiert.



Das beste an der Initiative ist wohl die Debatte über unsere Medienlandschaft und deren Wert in einer Demokratie. Ich persönlich hoffe auf eine klare Ablehnung der Initiative - die SRG wird nach dem 4. März sowieso nicht mehr dieselbe sein wie vorher, die Debatte selbst war schon Kritik genug. Vielleicht reicht sie sogar aus, die zukünftige Medienlandschaft der kleinen Schweiz politisch so zu gestalten, dass wir nicht völlig vergoogelt und facebookisiert werden. Filterblasen begegnet man am besten mit der Schwarmintelligenz einer unabhängigen Institution. Oder hat jemand eine bessere Idee?





Sonntag, 7. Januar 2018

Meine beste Entscheidung seit langem

Es mutet anachronistisch an, oder womöglich gar sentimental: Ich habe mir eine analoge Konsole gekauft.
Vor einiger Zeit habe ich euch gefragt, was für eine analoge Konsole ihr euch kaufen würdet, wenn Geld keine Rolle spielte. Keine grosse Überraschung war, dass die Neve, SSL, MCI oder (die von Übervater Rupert gebauten) Focusrite Pulte an erster Stelle erschienen. Weiter wurden auch wenig überraschend API, Trident, Helios oder auch Studer genannt.

Leider spielt Geld aber eine sehr wichtige Rolle, und so kamen die obgenannten Marken nicht in Frage. Ich gebe gerne zu, dass ich mich deswegen schon vor längerer Zeit vom Gedanken verabschiedet hatte, eine analoge Konsole in mein Studio zu stellen. Nicht in Frage kam für mich eine digitale Livekonsole, oder eine analoge Livekonsole. Rauschen können Plugins ja auch, bei Bedarf.

Die Konsole sollte mindestens so gut sein wie meine  Rackpreamps, soviel war klar. Die Avid C24 arbeitete bis anhin zuverlässig als Controller, aber alles an diesem "Pult" was auf analoger Seite geschah, war für meine Ansprüche seit je her ungenügend - mit Ausnahme der wunderbaren Talk Back Funktion.
Ich hatte mir im Laufe der Zeit ein paar schöne Preamps zugelegt, mit denen ich wunderbar aufnehmen konnte - es gab also keinen triftigen Grund, an diesem Setup etwas zu ändern.
Da ich aber mehrmals die Woche an Livemischpulten arbeitete, vermisste ich in meinem Studio ein paar ganz wesentliche Dinge: Struktur, Übersicht, sprich einen schnellen Workflow.

Weiter stellte sich die Frage nach ein paar weiteren Preamps, analogen EQ's, einem analogen Summing und nicht zuletzt einer schnellen (!) Möglichkeit, mein analoges Outboard einzubinden. Das Budget mit gut 6'000- 7'000 Euro war zwar nicht superklein, aber es fehlte halt doch noch eine Dezimalstelle oder zwei, um ein Pult der oben genannten Marken erwerben zu können, je nachdem, ob man sich für einen Gebrauchtkauf oder einen Neukauf entscheiden würde.

Auch klar war mir, dass es eine gebrauchte Konsole in gutem Zustand sein musste - ich hatte echt keinen Bock, die nächsten paar Jahre mit einem Elektronikworkshop zu verbringen.

Mein Freund Lukas brachte mich auf die Idee: CADAC! Was für Freddy Mercury, die Scorpions oder Andrew Lloyd Webber gut war, konnte für mich ja nur recht sein. Diese Künstler und natürlich viele mehr hatten im Studio und Live auf diese Produkte vertraut. Mein Tonkollege Dani Dettwyler von ideeundklang arbeitet mit einer G-Type von CADAC und scheint davon auch restlos begeistert zu sein.

Lukas hatte sich eine J-Type gekauft und dank seinen Programming-Skills ein Steuerungsprotokoll programmiert, damit er die Konsole aus seiner DAW heraus steuern kann. Hier lag schon einmal ein entscheidender Vorteil von Cadac: Die J-Type gibts als total recall Version. Es ist keine deziedierte Studiokonsole. Das Inline Konzept ist ihr fremd. Es gibt auch keinen Masterbus. Es gibt "nur" 16 Busse und 32 Matrixausgänge - je nach Konfiguration. Diese ist nämlich voll modular, es gibt Frames zwischen 24 und 63 Slots - und wem das nicht reichen würde, könnte mehrere Frames auch noch kaskadieren!
Es gibt verschiedene Einschübe: Mono- und Stereo oder Dualinputchannels, Bus- und Matrixmodule, Auxmodule, Logikmodule und noch einige mehr. Es ist auch keine klassische Livekonsole, denn eine J-Type kostete neu im sechsstelligen Bereich - und klang auch so. Nein, das J-Type ist eine Theaterkonsole -  quasi eine Livekonsole mit Studiospezifikationen. Dieser Industriezweig ist zumindest in der Schweiz unbekannt, denn Theater touren hier eigentlich nicht. In England wurde das Equipment klassischerweise von einer Produktion gekauft und ging dann mit ihr auf Tour.

Für mich waren folgende Punkte wichtig:

1. Der Klang sollte qualitativ im Feld meiner Lieblingspreamps liegen: Noch nie hatte ich eine Live Konsole mit einem THD von  0.009% @ 1kHz, (10dB gain, +4dBu), mit 105dB Rauschabstand und einer Phasenabweichung von max. 9 Grad bei 20 Hertz gesehen. 

Übersetzt heisst dasin etwa: unverfärbter Klang, direkte Bässe und sehr, sehr wenig Rauschen. Das sind heutzutage keine Traumwerte, aber es zeige mir mal jemand eine andere analoge Konsole in dieser Preisklasse mit diesen Werten.

2. Kompakt und übersichtlich sollte meine Konsole sein. Was ich an analog immer geliebt habe: ein Blick aufs Pult und alles ist klar, das gilt auch hier, jeder EQ, jeder Filter und auch die gesamte EQ-Sektion sowie alle 12 (!) Auxwege lassen sich einzeln ein- und ausschalten. Alle aktivierten Kreise werden mit einer dezenten Status-LED angezeigt. Kompakt bedeutet: auf gut 1.2m finden in meiner Konfiguration 36 Preamps und eine Mastersektion bequem Platz.

3. Die Einbindung auf meine Patchbay und das Pro Tools System soll problemlos möglich sein. Dies ist aufgrund aller vollsymmetrierten Ein- und Ausgänge mit XLR und Jack- Buchsen problemlos möglich und schnell bewerkstelligt.

4. Das Budget muss eingehalten werden - was soll ich sagen:-)

5. Servicefreundlichkeit und Zugang zu Experten. Channels sind hot-swapable, absolut geräuschlos. Alle IC's sind gesockelt. Das Design der Platine ist quasi mustergültig. In der geschlossenen Facebook-Gruppe "Cadac Desks" tummeln sich andere Studiobetreiber und ehemalige Ingenieure der Firma.

6. Weniger profan als es klingt: Man muss das Pult ein- und ausschalten können, ohne dass sich aufgrund der Hitzeenwicklung das Frame verbiegt und Wackelkontakte auftreten.
Dazu eine kleine Anekdote: Vor Jahren hatte ich einmal eine 56 Kanal Konsole eines anderen Herstellers im Studio. Da dieser empfahl, die Konsole grundsätzlich immer in Betrieb zu halten wegen dieses Problems, war es in der Regie immer kuschlige 30 Grad warm - trotz laufender Klimaanlage. Die Stromrechnung nach einem Quartal war dann rund 3'000 Euro höher als vorher - denn nicht nur die Konsole blieb ab dem Moment dauernd in Betrieb, sondern natürlich auch die Klimaanlage ohne welche man es gar nicht mehr ausgehalten hätte in der Regie.



All diese Kriterien werden von der J-Type problemlos erfüllt. Auch wenn nun in meinem Studio kein prolliges SSL oder Neve steht profitieren meine Produktionen nun von all den Vorteilen, welche die Cadac bietet, und der Spass, welcher beim Mischen ohne Maus entsteht, der ist unbezahlbar.

Ironischerweise las ich drei Monate nach dem Kauf diesen Artikel im TapeOp, für alle, die des Englischen mächtig sind und noch eine weitere Meinung lesen möchten.