Dienstag, 21. März 2017

Wie unterscheidet man gute von weniger guten Studios? Teil 1


Ich hatte einmal eine Kundin, die hat auf meiner Homepage unter Inventar einen Lexicon L480 entdeckte und daraufhin entschied, dass dies ein gutes Studio sein müsse, da dieses Gerät in den meisten guten Studios zu finden sei (Ja, es ist ein paar Jahre her). Ich fand dies ein ziemlich originelles Auswahlverfahren.  Der Besitz eines bestimmten Hallgerätes sagt über die Qualität des Studios etwa soviel aus wie der Besitz eines Teslas über die Fahrkünste dessen Halters.

MERKE: Die Auststattung eines Studios sagt mehr über das Vermögen oder die Kreditwürdigkeit des Inhabers aus als über die zu erwartende Tonqualität.

Braucht ein Tonstudio heute noch ein Pult? 
Wie findet man denn ein gutes Studio in Zeiten des Studiosterbens? Viele prominente Beispiele aus den USA beweisen, dass ein grosszügiges Raumangebot und seitenlange Listen von state-of-the-art-Equipment nicht vor dem Untergang schützen. Übrigens auch eine blendende Reputation oder eine Kundenliste voller Grammygewinner nicht. (Ist das nicht schön? "blendende Reputation"...)

Es kann auch nicht am Alter eines Betriebes liegen. Ob ein Studio brandneu, uralt oder irgendwas dazwischen ist, sagt nichts über die Qualität aus, welche einem erwarten wird.

Nicht einmal der Preis ist in irgendeinem Masse aussagefähig über die zu erwartende Dienstleistung. Ein Studio in Geldnot wird versuchen, seine Preise nach unten anzupassen um Leerzeiten zu füllen. Ein eher teureres Studio mag stark gebucht sein, was nie ein schlechtes Zeichen ist - jedoch vielleicht mit Kundschaft aus einem anderen Segment. Die teuersten Studios in unserer Gegend sind nicht in der Lage, ein Schlagzeug aufzunehmen...

Ach, Stiftung Warentest, wieso bist du nie da, wenn man dich braucht.
Es gibt eigentlich nur ein verlässliches Kriterium für die Güte eines Studios, und dieses ist für den Laien schwer erkennbar: die Qualität der Akustik. Aber auch ein Studio mit geschmackvoller Akustik kann einem nicht viel helfen, wenn der Techniker dort selber keinen Geschmack hat.

Wie geht man denn vor, wenn man ein Auto kauft?

1. Ich definiere meine Bedürfnisse.
2. Ich suche online nach Angeboten und frag mal ein bisschen rum in meinem Bekanntenkreis.
3. Ich setze mich persönlich mit den Anbietern in Kontakt.
4. Ich mache Probefahrten.
5. Ich verhandle und schliesse das für mich passende Geschäft ab.

Wieso der Vergleich mit einem Auto? Weil die Preisspanne beinahe gleich gross ist wie bei einem Studio. Von "kostet fast gar nix" bis zum sechstelligen Bereich ist alles drin.

Die Bedürfnisse:
Ich kann nur von mir ausgehen: Wenn ich in einem Studio meine Musik aufnehmen würde, wären folgende Punkte wichtig:
Der Betreiber/Engineer macht einen interessierten Eindruck. Ich möchte einen erfahrenen und motivierten Dienstleister. Einer, der weiss, was er tut und trotzdem nicht bei allem sagt "das machen wir hier seit 20 Jahren so, das hat immer geklappt". Ich möchte als Musiker verstanden werden.
Die Musik als "universelle Sprache" bietet viele Gelegenheiten für Missverständnisse, gerade bei ihrer Entstehung. Deshalb ist es wichtig, dass man einen guten Draht hat zum Mann hinter dem Mischpult.


Welche Ansprüche habe ich an das Produkt: Mach ich ein Demo oder eine Produktion. Muss das nur mir und meiner Familie gefallen oder soll das veröffentlich werden.

Bin ich überhaupt selber in der Lage als Musiker, diesen Ansprüchen zu genügen? (Text aus einem Studiovertrag: "You bring your own talent"...)

In welchem Zeitraum soll die Produktion stattfinden. Habe ich eine knallharte Deadline oder habe ich da Spielraum (wichtig für die Verhandlungen am Ende)

Ist es mir wichtig, Zeit zum experimentieren zu haben im Studio oder muss es einfach in möglichst kurzer Zeit eingespielt sein?

Je genauer ich meine Bedürfnisse kenne, desto differenzierter kann ich die verschiedenen Angebote beurteilen.

Im nächsten Teil gehts um die Angebotssuche. Ich freue mich auf eure Kommentare!

Euer Ton Meister :-)