Freitag, 28. Oktober 2016

Wo ein Mic - da ein Zuhörer


Immer wieder hören wir von Politikern, deren private Gespräche ans Tageslicht kommen, weil versehentlich ein Mikrofon an war. Mitunter können solche Originaltonaufnahmen eine Präsidentschaftswahl beeinflussen, wie wir einmal mehr erfahren mussten im amerikanischen Wahlk(r)ampf 2016.

Gerade für Politiker, welche naturgemäss daran interessiert sind, authentisch und integer zu wirken, ist die Tontechnik eine nicht zu unterschätzende Stolperfalle. Einerseits wollen und müssen sie dauernd von Sprachverstärkung gebrauch machen, andererseits sind private Gespräche, welche an die falschen Adressaten gelangen unter Umständen eine politische Guillotine.


Es ist eine Binsenweisheit: Wer ein Headset trägt oder auf einem Podium sitzt muss damit rechnen, dass Menschen zuhören, die nicht direkt angesprochen sind - und sei es nur der Tonmensch mit seinem Kopfhörer.

Kinder, Kinder, ich könnt' euch was erzählen... Als die Geschichte von Donald Trump mit seinen sexistischen Äusserungen bekannt wurde dachte ich, irgendein unbekannter Tonkollege hat sich nun an ihm gerächt, als er dieses Tontechnikerbashing gesehen hat:

Trump bashes soundguy

Es ist zumindest technisch absolut kein Problem, daraufhin solche Aufnahmen zu veröffentlichen:

Donald Trump On Tape: I Grab Women "By The Pu**y” Trump & Billy Bush

Wahrscheinlich besteht zwischen diesen beiden Clips kein direkter Zusammenhang, aber die Koinzidenz entbehrt nicht einer gewissen Ironie - wie dem auch sei. Ich möchte hier auf jeden Fall klarmachen: Wer in einer Umgebung mit Mikrofonen arbeitet MUSS davon ausgehen, dass alles gehört und aufgenommen werden kann. Vom Besuch der Toilette bis zum nasalen Konsum illegaler Substanzen vor dem Auftritt -Alles (Kinder, Kinder...)

Jeder Techniker wird das Headset vor dem Auftritt selber anschalten, den Power-Lock einschalten und den Mute-Button deaktivieren. Solche Mikrofone kann nur noch der Techniker am Mischpult regeln.
Wir sind nämlich dafür verantwortlich, dass es läuft, wenns draufankommt, und es gibt diese paar Minuten vor dem Auftritt, welche wir Tonmenschen das Signal auf dem Pult anliegen haben und es im richtigen Moment auf die Anlage schalten. Das ist unser Job!
Ich möchte hier klarmachen, dass mir mein Ehrenkodex verbietet, diese Gespräche abzuhören oder sogar aufzunehmen. Ich recorde immer nur "Programm" - sprich, was auf die Lautsprecher geht. Mein Marktwert wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass ich zuverlässig "laut und leise" machen kann- ich kann genau so wenig daran interessiert sein, dass private Gespräche im Raum zu hören sind wie daran, dass ein Referent während seinem Auftritt nicht verstanden wird. Wer aber sicher gehen will, dass nichts ungewollt nach aussen dringt, dem sei geraten: Fresse halten! Was nicht gesagt wird, kann auch nicht abgehört werden.

Aber auch im Studio kann es zu sehr peinlichen Sitationen kommen. Stichwort "Auto Talk Back": Wenn die Aufnahme gestoppt wird, schaltet unverzüglich das Gegensprechmik von der Regie zu den Kopfhörern der Musiker ein. Das Ding ist so krass eingestellt, dass der Musiker hört, wenn sich der Produzent hinten auf dem Sofa am Bart kratzt.
Wenn ich Zuhörer in der Regie habe, erkläre ich ihnen zuallererst, dass das Talk Back GRUNDSÄTZLICH AN ist (auch wenn es während der Aufnahme zu ist). Ein falsches Wort kann eine ganze Session zerstören. Und es geht mir hier um mehr als nur den Musiker selber, welcher unter Umständen durch eine unbedachte Lästerei "vernichtet" wird.
Es geht darum, dass despektierliche Kommentare im Studio keinen produktiven Wert haben und wirklich nur stören. Es geht um die Haltung.

Wir alle Lästern ab und an, aber gewarnt seien alle, welche um Mikrofone und Lautsprecher herum arbeiten. Vor einiger Zeit an einem Jugendmusical in Baden lästerte der Lichtkollege während des Soundchecks übers Hausintercom ungebremst über die Tänzerinnen ab: "Diese fette Kuh da vorne bewegt sich dermassen untalentiert, die hätte man besser im Chor versorgt."
Die Bühneninspizienz kam daraufhin zu uns an den FoH und klärte ihn darüber auf, dass die Gespräche übrigens über Lautsprecher in den Garderoben zu hören seien... So hat man mit einem einzigen Satz 90 Bekanntschaften und den eigenen Ruf beschädigt.

Es ist übrigens eine gute Übung, sich bei Privatgesprächen auch einmal vorzustellen, andere würden mithören. Hoppla! Der inhaltliche Hochpassfilter wird eingeschaltet, so dass Äusserungen unter der Gürtellinie gezielt herausgefiltert werden.
Auch ich betreibe verbale Psychohygiene, das muss schon sein! Aber manchmal ist es wohl am besten, man ist sein einziger Zuhörer.


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