Donnerstag, 8. September 2016

"Die Gage ist unterwegs" - stimmt... nie


Mein Tonkollege Beat hat mich darauf hingewiesen, dass er ihn rund 25 Jahren nur dreimal um seine Gage geprellt wurde, und dieser Spruch deswegen nicht stimme.

Das inspirierte mich, ein paar kleine Anekdoten zu diesem Thema preiszugeben.
Natürlich stimmt der Titel so nicht, sonst wären Tontechniker schon lange verhungert und ausgestorben.

Die Branche hat sich in den letzten Jahren sehr professionalisiert und meistens arbeiten Freischaffende heute auf Rechnung, ganz normal, wie jeder andere Handwerker auch.
Aber es gibt ein paar Warnhinweise, welche nicht nur uns, sondern vor allem auch Musiker und Bands betreffen. Üblicherweise werden Musiker auch heute noch in bar bezahlt.

Das klassische Setting, bei dem Vorsicht geboten sei, ist etwa Folgendes:
Der Kunde ist einem persönlich nicht bekannt. Der Anlass ist einmalig und es wurde im Voraus Barzahlung vereinbart. Wenn dann am Ende des Gigs der berühmte Satz kommt: "Die Gage ist unterwegs", "Ich überweise dir morgen das Geld dann, gib mir noch deine IBAN", (meistens betont beiläufig und mit irgendwelchen Hinweisen à la "Habs leider gerade nicht dabei") etc...
Spätestens dann MÜSSEN ALLE ALARMGLOCKEN LÄUTEN!

Wer jetzt nachhause fährt ohne Geld in der Tasche, der sollte besser Lotto spielen.

Barzahlung scheint veraltet, ist aber deswegen fair, weil es für beide Parteien die übersichtlichste Abgeltung ist. Bei Vorauszahlung bleibt das Risiko beim Kunden, bei Rechnungstellung beim Leistungserbringer. Barzahlung ist Leistung gegen Geld. Tipp: Der Moment der Geldübergabe muss konkret (schriftlich) definiert sein: Ob vor oder nach der Show ist entscheidend, vor allem bei jemandem, den man nicht kennt.

Ich mag mich da an einen Event erinnern, vor Jahren in Konstanz. Mein Kunde war der Chef eines Technikverleihs, der Alex. Wir fuhren hin, luden die Cases aus und dann sagte Alex zu mir: "So, wir machen hier erst mal gar nix, bevor die Kohle nicht hier ist. Wir haben vereinbart, Bezahlung bar bei Arbeitsbeginn."
Der Endkunde kam, sah uns, man besprach die Sache. Kunde:"Ja, das Geld ist unterwegs"... Alex so: "Nix unterwegs! Wir machen hier nix, bevor wir die Kohle nicht haben". Das Spielchen ging so etwa eine gute Stunde, und als Alex mir schliesslich befahl, die Cases wieder einzuladen wurde der Kunde leicht panisch, verschwand und kam 15 Minuten später wieder zurück mit dem vereinbarten Betrag.

Oder damals in Chur: Heinz, der Chef einer Veranstaltungstechnikfirma, war mit seiner Mannschaft vor Ort für eine Musicalgruppe aus Osteuropa. Die Gruppe war auf Europatournee und hatte dort ihre einzige Show in der Schweiz.
Ich war als Tonoperator gebucht. Der Aufbau lief planmässig, der Soundcheck war vorbei.

Der restlos ausverkaufte Saal füllte sich langsam, wir bezogen Stellung hinter den Pulten und waren stand by.
Da rief mich Heinz übers Intercom an und sagte:"Du startest die Show erst, wenn du das OK von MIR hast. Wir warten noch auf die Gage."

Gulp.

Offensichtlich war Barbezahlung vor Showbeginn vereinbart worden. Offensichtlich hatte die Bezahlung jdeoch noch nicht stattgefunden.

19.30: 1500 Menschen sitzen in der Halle, offizieller Showbeginn
19.35: 1500 Menschen sitzen in der Halle, Saallicht immer noch an. Heinz schweigt
19.40: 1500 Menschen werden langsam etwas ungeduldig.
             Ich frage Heinz, ob ich denn nun..."NEIN!"
19.45: 1500 Menschen beginnen zu klatschen, zu stampfen und zu rufen (Ja, Schweizer stehen auf                                               Pünktlichkeit...)
19.50: Jede einzelne Minute fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Die ersten Menschen stehen auf und beschweren sich, kommen zu uns und wollen ihr Geld zurück.
19.55: Es wird ungemütlich im Saal, die Stimmung gespannt, in Gedanken bereit ich mich darauf vor, gleich mit dem Abbau zu beginnen, dann endlich höre ich die erlösenden Worte von Heinz: "Sodeli, alles in Ordnung, wir können nun die Show starten."


Wer meint, solche Probleme habe man nur an Events, der irrt sich leider.

Kürzlich erschien bei mir im Studio ein Bling-Bling-Rapper wie er im Buche steht. Schmuckbehangen und ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein eines texanischen Rodeokönigs erzählte er mir von seinen Wundertaten  - gespickt mit Namedropping von den ganz ganz Grossen der Branche. "Yea know, I have a vision, yea know- this project will sale worldwide, yea know, and I want YOU to do it, yea know, budget is not an issue.."

So so. Aha.

Richtig lustig wurde es aber, als Assistent Stefan unseren neuen Bling-Bling-Kunden durch das Regiefenster sah. Ich wusste gar nicht, dass Stefan so grosse Augen machen kann vor Schreck. Kaum war mein neuer Kunde nämlich wieder verschwunden (leider blieb seine Parfumwolke dabei in der Regie stehen), stürmte Stefan herein und erklärte mir, dass eben dieser Rapper seinem Kollegen noch einen fünfstelligen Betrag schulde von einer Konzerttournee und er wolle mich nur warnen.

Als ob ich nicht schon genug gewarnt war: Je aufgeblasener der Neukunde, desto Vorkasse.

Beat hat schon recht, auch in meinen 20+ Jahren  in der Branche haben sich nur eine Hand voll solcher Szenen abgespielt. Die allermeisten Kunden sind korrekt, freundlich und ehrlich.
Aber es bleibt dabei, wer Barbezhalung vereinbart und den Termin dann nicht einhält, bei dem ist grösste Vorsicht geboten.

Es gibt aber auch Kunden, die es gar nicht darauf abgesehen haben, einem zu prellen, sondern statt Barzahlung lieber eine "Gegenleistung" erbringen. Da war vor einigen Jahren einmal diese hübsche Dame, welche eine CD aufnehmen wollte... Das erste Mal kam sie mit Freundin und Ring am Finger ins Studio, das zweite Mal alleine ohne Ring, beim dritten Studiotermin rief sie an und fragte, ob wir uns nicht in einem Hotel treffen wollten, gerne würde sie das für mich arrangieren.

Trotz zwei gewichtigen und wohlgeformten Gründen lehnte ich dankend ab. Glücklich verheiratet sind solche Angebote eben wertlos. Als die Dame dies dann auch realisierte war sie eben so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Die ersten zwei Termine wurden übrigens in bar bezahlt... ;-)