Freitag, 9. Dezember 2016

Was schenke ich einem Musiker zu Weihnachten?



Was schenke ich einem Musiker zu Weihnachten?
Ganz einfach: Nichts natürlich! (Schenkelklopfemoji - es gibt doch viel zu wenig Emojis, nicht?)

Nun, Baby, think twice! Kleine Geschenke erhalten ja bekanntlich die Freundschaft, und wer einer langjährigen Bandfreundschaft etwas Gutes tun möchte, darf sich auch mal dankbar über die treue Geschäftsbeziehung zeigen.

Auch wenn ich manchem Sänger schon gerne ein Autotune, dem Gitarissten neue Saiten, dem Schlagzeuger ein Metronom und dem Bassisten endlich mal neue Vorstufenröhren  schenken wollte, empfehle ich hier, über den eigenen Teller- bzw Mischpultrand hinauszudenken.
Auch ich hätte manchem Trompeter schon gerne einen Dämpfer, dem Keyboarder einen Leveller und dem Perkussionisten ein neues Tambourine mit nur viereinhalb Schellen geschenkt, der Geigerin etwas Instrumentalunterricht und dem DJ ein -30 dB Pad.

Aber man sollte ja nicht unbedingt etwas verschenken, was in erster Linie einem selber das Leben verschönert. Man schenkt ja der eigenen Freundin auch keinen Kochkurs und dem Tonkollegen einen Free Download von Golden Ears (oder "ein Kind im Ohr"...) So mancher Wink mit dem Zaunpfahl entpuppt sich im Nachhinein als Boomerang.

Nachdem ich mich nun zu einigen No Go's geäussert habe, hier meine ernsthaften Empfehlungen:
Man kann übrigens auch mir ein kleines Weihnachtsgeschenk machen, und das kostet keinen Cent! Wenn du die hier angegeben Links benützt zu diesen Webshops unterstützt du damit meinen Blog, ganz herzlichen Dank!

Ich habe mich etwas umgeschaut und ein paar originelle, unverfängliche Geschenke zusammengetragen.

Das kleine Beauty-Kit für Gitarissten; haben die wenigsten und da freut sich jeder drüber.

Fender Custom Shop Acoustic Tool kit
Für alle Cajon-geplagten hier eine Alternative:

Ich muss anfügen, ich bin kein Cajon-Fan. Sie klingen meistens unbefriedigend, vor allem verstärkt.
Weiter finde ich Sitzkonzerte etwas uncool. Dieses Ding passt in jede Jackentasche und macht auch noch ein paar andere Sounds als ein Cajon. Ist ja nur eine Idee :-)



Hab ich letzthin bei einem Schlagzeuger entdeckt: das Apfelschälercymbal. Klingt schön und ist ein Eyecatcher.



Für Bands mit In Ear und Backing Vocals ein Segen: die Optogate. Sieht nicht wahnsinnig schön aus, ist aber unfassbar praktisch und räumt den Sound auf. Die Optogate wird über 48V Phantom gespiesen, wobei sie sich öffnet, wenn keine Spannung anliegt. Aktiviert arbeitet das Gerät als klassische Noisegate, sobald der Backgroundsänger jedoch vor das Mic steht, öffnet der Infrarotsensor den Signalweg. Der Infrarotsensor ist dabei in seiner Empfindlichkeit verstellbar.






Zugegeben, das sind natürlich zum Teil schon recht kostspielige Ideen. Es ist gar nicht so einfach, originelle Geschenke zu finden, welche das Budget nicht übermässig strapazieren. Es kann ja unter Umständen einfach auch ein Päckchen selbstgemachte Bruchschokolade sein. Hier mein Geheimrezept:

Zutaten:
200 gr. Haselnüsse, ganz
400 gr. weisse Schokolade guter Qualität
400 gr. dunkle Schokolade guter Qualität
1 EL. Kaffeepulver, gemahlene Bohnen oder Instant Kaffee (Für Weihnachten darf es auch mal eine prise Zimt, Nelken und/oder Muskatnuss sein, mein Favorit ist Zimt und etwas Chilliflocken:-))

Zubereitung:
Den Backofen auf 180 Grad vorheizen Die Haselnüsse auf ein mit Backpapier belegtes Backblech ausbreiten und in der Ofenmitte ca. 15-20 min. rösten. Nach dem Backen etwas auskühlen lassen. Die Nüsse auf dem Backblech belassen.

Derweil im Wasserbad langsam die Schokolade schmelzen. Zu der dunklen Schokolade 1 EL. Kaffeepulver geben und gut umrühren.

Vorgehen: Die Haselnüsse in 2 Reihen nebeneinander legen, mit ca. 2 cm. Abstand zwischen den Reihen. Dann abwechselnd mit einem grossen Esslöffel Schokolade über die Nüsse verteilen, beginnend mit der dunklen Schokoladenmasse. 1 Reihe Dunkel, eine Hell, so bis alle Nüsse bedeckt sind. Gesamthaft sollte es 4 Schokoladenlinien geben und die Nüsse sollten vollständig bedeckt sein. Dann mit einem Holzstäbchen oder dem Stiel von einem Esslöffel (es sollte schmal sein) mit Kreisenden Bewegungen die Schokolade mischen bis ein schönes Muster entsteht. Danach mit dem Backblech im Kühlschrank fest werden lassen.

Zum schneiden ein grosses glattes Messer mit heissem Wasser erhitzen und nach belieben in grobe Stücke schneiden. Die Schokolade eignet sich nicht zum brechen da Fingerabdrücke sichtbar bleiben.

Am besten schmeckt die Schokolade frisch. Also nicht wochenlang lagern und erst dann verschenken. Wenn sie einmal beim Beschenkten angekommen ist, wird sie meistens nicht alt ;-)

Jeder kennt ja seine Musiker am besten, und manchmal geht es eher um die Geste als den Materialwert. Ein ehrlicher Rotwein oder ein eine Flasche Single Malt ist mir allemal lieber als übertriebene Geschenke, welche mir anzunehmen fast schon peinlich ist.

Wem aber Wein oder Schokolade zu langweilig ist, und wen die Ideen oben nicht inspirieren, der darf sich auch gerne mal im Proberaum der Band umschauen. Ich dachte in manchem Bandraum schon, eine Kaffeemaschine oder ein kleiner Kühlschrank wären passende Geschenke - oder ein Staubsauger, aber da winkt ja dann schon wieder der Zaunpfahl...







Freitag, 28. Oktober 2016

Wo ein Mic - da ein Zuhörer


Immer wieder hören wir von Politikern, deren private Gespräche ans Tageslicht kommen, weil versehentlich ein Mikrofon an war. Mitunter können solche Originaltonaufnahmen eine Präsidentschaftswahl beeinflussen, wie wir einmal mehr erfahren mussten im amerikanischen Wahlk(r)ampf 2016.

Gerade für Politiker, welche naturgemäss daran interessiert sind, authentisch und integer zu wirken, ist die Tontechnik eine nicht zu unterschätzende Stolperfalle. Einerseits wollen und müssen sie dauernd von Sprachverstärkung gebrauch machen, andererseits sind private Gespräche, welche an die falschen Adressaten gelangen unter Umständen eine politische Guillotine.


Es ist eine Binsenweisheit: Wer ein Headset trägt oder auf einem Podium sitzt muss damit rechnen, dass Menschen zuhören, die nicht direkt angesprochen sind - und sei es nur der Tonmensch mit seinem Kopfhörer.

Kinder, Kinder, ich könnt' euch was erzählen... Als die Geschichte von Donald Trump mit seinen sexistischen Äusserungen bekannt wurde dachte ich, irgendein unbekannter Tonkollege hat sich nun an ihm gerächt, als er dieses Tontechnikerbashing gesehen hat:

Trump bashes soundguy

Es ist zumindest technisch absolut kein Problem, daraufhin solche Aufnahmen zu veröffentlichen:

Donald Trump On Tape: I Grab Women "By The Pu**y” Trump & Billy Bush

Wahrscheinlich besteht zwischen diesen beiden Clips kein direkter Zusammenhang, aber die Koinzidenz entbehrt nicht einer gewissen Ironie - wie dem auch sei. Ich möchte hier auf jeden Fall klarmachen: Wer in einer Umgebung mit Mikrofonen arbeitet MUSS davon ausgehen, dass alles gehört und aufgenommen werden kann. Vom Besuch der Toilette bis zum nasalen Konsum illegaler Substanzen vor dem Auftritt -Alles (Kinder, Kinder...)

Jeder Techniker wird das Headset vor dem Auftritt selber anschalten, den Power-Lock einschalten und den Mute-Button deaktivieren. Solche Mikrofone kann nur noch der Techniker am Mischpult regeln.
Wir sind nämlich dafür verantwortlich, dass es läuft, wenns draufankommt, und es gibt diese paar Minuten vor dem Auftritt, welche wir Tonmenschen das Signal auf dem Pult anliegen haben und es im richtigen Moment auf die Anlage schalten. Das ist unser Job!
Ich möchte hier klarmachen, dass mir mein Ehrenkodex verbietet, diese Gespräche abzuhören oder sogar aufzunehmen. Ich recorde immer nur "Programm" - sprich, was auf die Lautsprecher geht. Mein Marktwert wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass ich zuverlässig "laut und leise" machen kann- ich kann genau so wenig daran interessiert sein, dass private Gespräche im Raum zu hören sind wie daran, dass ein Referent während seinem Auftritt nicht verstanden wird. Wer aber sicher gehen will, dass nichts ungewollt nach aussen dringt, dem sei geraten: Fresse halten! Was nicht gesagt wird, kann auch nicht abgehört werden.

Aber auch im Studio kann es zu sehr peinlichen Sitationen kommen. Stichwort "Auto Talk Back": Wenn die Aufnahme gestoppt wird, schaltet unverzüglich das Gegensprechmik von der Regie zu den Kopfhörern der Musiker ein. Das Ding ist so krass eingestellt, dass der Musiker hört, wenn sich der Produzent hinten auf dem Sofa am Bart kratzt.
Wenn ich Zuhörer in der Regie habe, erkläre ich ihnen zuallererst, dass das Talk Back GRUNDSÄTZLICH AN ist (auch wenn es während der Aufnahme zu ist). Ein falsches Wort kann eine ganze Session zerstören. Und es geht mir hier um mehr als nur den Musiker selber, welcher unter Umständen durch eine unbedachte Lästerei "vernichtet" wird.
Es geht darum, dass despektierliche Kommentare im Studio keinen produktiven Wert haben und wirklich nur stören. Es geht um die Haltung.

Wir alle Lästern ab und an, aber gewarnt seien alle, welche um Mikrofone und Lautsprecher herum arbeiten. Vor einiger Zeit an einem Jugendmusical in Baden lästerte der Lichtkollege während des Soundchecks übers Hausintercom ungebremst über die Tänzerinnen ab: "Diese fette Kuh da vorne bewegt sich dermassen untalentiert, die hätte man besser im Chor versorgt."
Die Bühneninspizienz kam daraufhin zu uns an den FoH und klärte ihn darüber auf, dass die Gespräche übrigens über Lautsprecher in den Garderoben zu hören seien... So hat man mit einem einzigen Satz 90 Bekanntschaften und den eigenen Ruf beschädigt.

Es ist übrigens eine gute Übung, sich bei Privatgesprächen auch einmal vorzustellen, andere würden mithören. Hoppla! Der inhaltliche Hochpassfilter wird eingeschaltet, so dass Äusserungen unter der Gürtellinie gezielt herausgefiltert werden.
Auch ich betreibe verbale Psychohygiene, das muss schon sein! Aber manchmal ist es wohl am besten, man ist sein einziger Zuhörer.


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Donnerstag, 8. September 2016

"Die Gage ist unterwegs" - stimmt... nie


Mein Tonkollege Beat hat mich darauf hingewiesen, dass er ihn rund 25 Jahren nur dreimal um seine Gage geprellt wurde, und dieser Spruch deswegen nicht stimme.

Das inspirierte mich, ein paar kleine Anekdoten zu diesem Thema preiszugeben.
Natürlich stimmt der Titel so nicht, sonst wären Tontechniker schon lange verhungert und ausgestorben.

Die Branche hat sich in den letzten Jahren sehr professionalisiert und meistens arbeiten Freischaffende heute auf Rechnung, ganz normal, wie jeder andere Handwerker auch.
Aber es gibt ein paar Warnhinweise, welche nicht nur uns, sondern vor allem auch Musiker und Bands betreffen. Üblicherweise werden Musiker auch heute noch in bar bezahlt.

Das klassische Setting, bei dem Vorsicht geboten sei, ist etwa Folgendes:
Der Kunde ist einem persönlich nicht bekannt. Der Anlass ist einmalig und es wurde im Voraus Barzahlung vereinbart. Wenn dann am Ende des Gigs der berühmte Satz kommt: "Die Gage ist unterwegs", "Ich überweise dir morgen das Geld dann, gib mir noch deine IBAN", (meistens betont beiläufig und mit irgendwelchen Hinweisen à la "Habs leider gerade nicht dabei") etc...
Spätestens dann MÜSSEN ALLE ALARMGLOCKEN LÄUTEN!

Wer jetzt nachhause fährt ohne Geld in der Tasche, der sollte besser Lotto spielen.

Barzahlung scheint veraltet, ist aber deswegen fair, weil es für beide Parteien die übersichtlichste Abgeltung ist. Bei Vorauszahlung bleibt das Risiko beim Kunden, bei Rechnungstellung beim Leistungserbringer. Barzahlung ist Leistung gegen Geld. Tipp: Der Moment der Geldübergabe muss konkret (schriftlich) definiert sein: Ob vor oder nach der Show ist entscheidend, vor allem bei jemandem, den man nicht kennt.

Ich mag mich da an einen Event erinnern, vor Jahren in Konstanz. Mein Kunde war der Chef eines Technikverleihs, der Alex. Wir fuhren hin, luden die Cases aus und dann sagte Alex zu mir: "So, wir machen hier erst mal gar nix, bevor die Kohle nicht hier ist. Wir haben vereinbart, Bezahlung bar bei Arbeitsbeginn."
Der Endkunde kam, sah uns, man besprach die Sache. Kunde:"Ja, das Geld ist unterwegs"... Alex so: "Nix unterwegs! Wir machen hier nix, bevor wir die Kohle nicht haben". Das Spielchen ging so etwa eine gute Stunde, und als Alex mir schliesslich befahl, die Cases wieder einzuladen wurde der Kunde leicht panisch, verschwand und kam 15 Minuten später wieder zurück mit dem vereinbarten Betrag.

Oder damals in Chur: Heinz, der Chef einer Veranstaltungstechnikfirma, war mit seiner Mannschaft vor Ort für eine Musicalgruppe aus Osteuropa. Die Gruppe war auf Europatournee und hatte dort ihre einzige Show in der Schweiz.
Ich war als Tonoperator gebucht. Der Aufbau lief planmässig, der Soundcheck war vorbei.

Der restlos ausverkaufte Saal füllte sich langsam, wir bezogen Stellung hinter den Pulten und waren stand by.
Da rief mich Heinz übers Intercom an und sagte:"Du startest die Show erst, wenn du das OK von MIR hast. Wir warten noch auf die Gage."

Gulp.

Offensichtlich war Barbezahlung vor Showbeginn vereinbart worden. Offensichtlich hatte die Bezahlung jdeoch noch nicht stattgefunden.

19.30: 1500 Menschen sitzen in der Halle, offizieller Showbeginn
19.35: 1500 Menschen sitzen in der Halle, Saallicht immer noch an. Heinz schweigt
19.40: 1500 Menschen werden langsam etwas ungeduldig.
             Ich frage Heinz, ob ich denn nun..."NEIN!"
19.45: 1500 Menschen beginnen zu klatschen, zu stampfen und zu rufen (Ja, Schweizer stehen auf                                               Pünktlichkeit...)
19.50: Jede einzelne Minute fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Die ersten Menschen stehen auf und beschweren sich, kommen zu uns und wollen ihr Geld zurück.
19.55: Es wird ungemütlich im Saal, die Stimmung gespannt, in Gedanken bereit ich mich darauf vor, gleich mit dem Abbau zu beginnen, dann endlich höre ich die erlösenden Worte von Heinz: "Sodeli, alles in Ordnung, wir können nun die Show starten."


Wer meint, solche Probleme habe man nur an Events, der irrt sich leider.

Kürzlich erschien bei mir im Studio ein Bling-Bling-Rapper wie er im Buche steht. Schmuckbehangen und ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein eines texanischen Rodeokönigs erzählte er mir von seinen Wundertaten  - gespickt mit Namedropping von den ganz ganz Grossen der Branche. "Yea know, I have a vision, yea know- this project will sale worldwide, yea know, and I want YOU to do it, yea know, budget is not an issue.."

So so. Aha.

Richtig lustig wurde es aber, als Assistent Stefan unseren neuen Bling-Bling-Kunden durch das Regiefenster sah. Ich wusste gar nicht, dass Stefan so grosse Augen machen kann vor Schreck. Kaum war mein neuer Kunde nämlich wieder verschwunden (leider blieb seine Parfumwolke dabei in der Regie stehen), stürmte Stefan herein und erklärte mir, dass eben dieser Rapper seinem Kollegen noch einen fünfstelligen Betrag schulde von einer Konzerttournee und er wolle mich nur warnen.

Als ob ich nicht schon genug gewarnt war: Je aufgeblasener der Neukunde, desto Vorkasse.

Beat hat schon recht, auch in meinen 20+ Jahren  in der Branche haben sich nur eine Hand voll solcher Szenen abgespielt. Die allermeisten Kunden sind korrekt, freundlich und ehrlich.
Aber es bleibt dabei, wer Barbezhalung vereinbart und den Termin dann nicht einhält, bei dem ist grösste Vorsicht geboten.

Es gibt aber auch Kunden, die es gar nicht darauf abgesehen haben, einem zu prellen, sondern statt Barzahlung lieber eine "Gegenleistung" erbringen. Da war vor einigen Jahren einmal diese hübsche Dame, welche eine CD aufnehmen wollte... Das erste Mal kam sie mit Freundin und Ring am Finger ins Studio, das zweite Mal alleine ohne Ring, beim dritten Studiotermin rief sie an und fragte, ob wir uns nicht in einem Hotel treffen wollten, gerne würde sie das für mich arrangieren.

Trotz zwei gewichtigen und wohlgeformten Gründen lehnte ich dankend ab. Glücklich verheiratet sind solche Angebote eben wertlos. Als die Dame dies dann auch realisierte war sie eben so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Die ersten zwei Termine wurden übrigens in bar bezahlt... ;-)





Mittwoch, 27. April 2016

"Wie bekommt man als junger Produzent eine Chance?" Der Tonmeister antwortet:

Immer wieder bekomme ich Rückmeldungen zu Posts oder Fragen. Das freut mich natürlich und ich werde hier ab und an die eine oder andere Frage beantworten.




"Hey. Wie bekommt man eine Chance als unbekannter Produzent? Ich habe eine gute Spürnase bei verschiedenen Stilen. Pop, EDM, Metal, Hip Hop, Latin usw. Ich mag alles Gute.
Ich bin selber auch Tontechniker und Musiker seit Jahrzehnten."

Lieber Thomas,

vielen Dank für deine Fage. Obwohl dieser Blog "Tonmeisterblog" heisst und nicht "Producerblog" werde ich versuchen zu Antworten: Eine Chance bekommt man nicht, man schafft sie sich selber. Doofe Antwort erstmal, ich weiss. Deswegen hier ein paar Erklärungen.

Vielleicht zuerst einmal: Was funktioniert eher nicht:

1. Sich ein Studio zusammenkaufen und denken, mit dem passenden Equipment kommen auch die passenden Kunden. Im besten Fall und mit viel Geld wirst du dann Studiobetreiber, aber nicht erstinstanzlich Produzent. Viel wahrscheinlicher ist es, dass dir auf halbem Weg die Kohle ausgeht und du dich mit anderen Jobs über Wasser halten musst.

2. Eine Schule besuchen und dann behaupten, man hätte Produzent gelernt. Nichts gegen Schulen! Aber die beste Ausbildung nützt nichts ohne Erfahrung. Kein Diplom ist in dieser Branche soviel wert wie Arbeitsreferenzen. Am besten besitzt man beides. Deine Frage zielt natürlich darauf ab, wie man die Referenzen erhält. Dazu später. Nur noch eines hier:
Ich empfehle eine Schule im Ausland. Nicht weil unsere schlechter wären, sondern, weil ein Auslandaufenthalt immer persönlichkeitsbildend ist. 

3. Tontechnik studieren und dann hoffen, man hätte Musik verstanden, oder umgekehrt Musik studieren und dann glauben man könne danach im Studio hinter dem Mischpult sitzen. (Also man kann da schon sitzen, aber.. du verstehst). 

4. Professioneller Livetechniker sein und glauben, man könne ohne Weiteres im Studio mischen, und dann in der Folge auch produzieren. Nur weil man auf der Bühne und im Studio XLR-Kabel braucht und mit Lautsprechern und Mikrofonen zu tun hat, heisst das noch lange nicht, dass man einfach switchen kann. Diese Tätgikeiten sind weniger artverwandt als man denken würde.

Die Liste ist nicht abschliessend. Als ich mit 16 Jahren das erste Mal eine Band aufgenommen habe auf mein Vierspur-Kasettendeck von Fostex wusste ich davon überhaupt nichts und hab den einen oder anderen Fehler auch selber gemacht. Deswegen schreib ichs ja auf - es muss ja nicht jeder zwingend jeden Fehler selber nochmals machen.

Nun also, was hilft auf dem Weg zum Produzenten? Die Voraussetzungen dazu sind ziemlich hoch. 

Verstehe Musik
Vor allem die, die du produzieren willst. Verstehen heisst für mich, den theoretischen Hintergrund zu haben, aber auch Musik machen zu können, selber Instrumente spielen können. Also doch Musikstudium? Kann sein, muss aber nicht. Kommt darauf an, wie man sich selber bilden kann. Auf jeden Fall muss man selber Musik auf hohem Niveau machen können, je nach Stil auch am Computer. Aber ohne ausserordentliches musikalisches Talent sucht man sich besser einen anderen Beruf.

Werde Stilsicher
Entwickle den Instinkt für guten Stil und Kommerzialität. Aua. Ich hab lange gesucht, wie ich das schreiben soll. Aber letzten Endes ist es halt so, dass sich nur Musik verkaufen lässt, für die sich auch ein Publikum findet. Ich muss zugeben, dass ich nicht sicher bin, ob man das überhaupt lernen kann und soll oder ob es einem einfach gegeben ist. Man muss diese Fähigkeit aber auf jeden Fall besitzen und permanent weiterentwickeln. Es ist aber eben so klar, dass kommerzielle Überlegungen ein Todfeind der Kreativität sein können. Ohne den inneren Drang, im richtigen Moment der Kreativität Raum lassen zu können  wird man nicht erfolgreicher Produzent, glaube ich.

Werde Menschenkenner
Musiker, Künstler und Interpreten sind häufig ambivalente, sensible und eher komplexe Menschen. Wer keine Antennen hat für Befindlichkeiten, Stimmungen und Gruppendynamik (gerade bei Bands herausfordernd), der wird es schwierig haben, das Vertrauen zu finden. Wer kennt den Running Gag nicht: "Heute feiern wir unsere CD-Taufe und geben auch gleich die Bandauflösung bekannt." Mehr als einmal vorgekommen. Die Scheibe ist zwar veröffentlicht, aber die Band hat sich im Studio zerstritten. Das nützt dir dann als Produzent auch nichts, wenn sich die Referenz quasi in Luft auflöst. Die grösste Herausforderung als Produzent ist, den Laden zusammenzuhalten und dabei noch originelle und möglichst erfolgreiche Produkte abzuliefern.

Sei sattelfest in Musiktechnik
Verstehe Musiktechnik, nicht zwingend elektrotechnisch in jedem Detail, aber musikalisch. Was macht dieses Tool, wie klingt was? Je differenzierter, desto besser. Das ist mehr aus der Not geboren. Früher haben Produzenten mit der Technik nix am Hut gehabt. Das geht heute glaube ich nicht mehr. Ein Grundverständnis und ein schneller Worklfow sind zwingend. Viele Produzenten können aufnehmen, arrangieren, mischen und so weiter. Aber dies hat mehr mit dem Kostendruck zu tun. Wenn ich produzieren darf, versuche ich, den Mix auswärts zu geben. Aber wenn das nicht geht, dann zumindest das Mastering.

Zurück zu deiner Frage, wie kommt man nun ins Spiel?
Geh raus, an Konzerte, in Proberäume, lerne Musiker kennen.  Schau dich um auf Musikpages wie mx3.ch etc. Trete in Erscheinung, knüpfe Kontakte in der Branche, besuche M4Music etc. Besuche viele Studios, versuche dich als Assistent oder Co-Produzent nützlich zu machen. Biete deine Hilfe an. Investiere in deine Skills, beobachte genau, sei Gast oder Mitmusiker bei Sessions. Erwarte nicht, dass du in den ersten fünf Jahren substantiell verdienst. Es ist eine gute Idee, zu Beginn nicht finanziell von dieser Arbeit abhängig zu sein. Sehe es als Investement. Ich meine nicht generell gratis zu arbeiten. Dein Gespür wird dir sagen, wann es Zeit ist, für deine Arbeit welche Entlöhnung zu verlangen. Unter Wert verkaufen ist genauso gefährlich wie Hochstapelei. Aber es gilt der Satz: Tue Gutes und sprich darüber. 

Auch als "junger Produzent" muss man also schon über einiges an "eisernem Rüstzeug" verfügen - viele Stunden investiert haben und einen gewissen Erfahrungsschatz besitzen. Der Künstler oder die Band, die sich einem anvertraut geht ja zu einem Produzenten, weil dieser über diese Fähigkeiten verfügt - und diese erlernt man am besten in den eigenen Lehr- und Wanderjahren.  Es ist alles gleich wichtig; Know-How, Stil und Persönlichkeit, und dann braucht es auch etwas Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aber man kann seine Chancen erhöhen, wenn man nicht im eigenen Kabäuschen bleibt, sondern frisch und fröhlich auf die Menschen zugeht.







Samstag, 19. März 2016

Das Home Studio - des Tonmeisters Kaufberatung

Auf die Gefahr hin, dass sich vielleicht einige Leser jetzt dann gerade klar werden, dass ein Tonstudio nicht mehr zwingend nötig ist um gute Aufnahmen zu machen, schreibe ich heute von den essentiellen Tools, die für ein Homestudio nötig sind. Um im Proberaum eine ganze Band aufzunehmen braucht es natürlich einiges mehr an Equipment und da mag es sich schnell nicht mehr lohnen alles anzuschaffen, aber Vocal- oder Sprachaufnahmen lassen sich zuhause gut bewältigen. Ich nehme immer wieder Bands im Studio auf, welche dann die zeitaufwändigen Vocalrecordings zuhause oder im Proberaum selber machen, und mir dann die Tracks zum mischen wieder übermitteln.

Was braucht es?

1. Einen Computer: Für Recording braucht es inzwischen keine besonders starken Rechner mehr. Die meisten bewältigen diese Aufgabe im Halbschlaf. Wichtig ist, dass er keinen Lüfter hat und eine leise Hard Disk (z.B. SSD). Dann kann man ihn auch gleich selber bedienen, wenn man sich selbst aufnimmt und braucht ihn nicht in einen anderen Raum zu stellen.

2. Eine Software: Die üblichen verdächtigen sind hier Pro Tools, Logic/Main Stage, Cubase/Nuendo, Ableton Live, Pyramix und viele mehr. Mir hat es vor allem Reaper angetan. Auch wenn ich nicht regelmässig damit arbeite finde ich dieses Tool fantastisch im Handling - und es ist fast gratis (Lizenz kostet ca 60 Euro).
Für alle, die sich ernsthaft mit der Software auseinandersetzen wollen sei dieses Forum empfohlen.
Wichtig! In den Einstellungen die Audio Buffer Size auf Minimum stellen. Low Latency ist King!

3. Ein Audiointerface: Da gibt es tatsächlich schon USB Interfaces für unter 100 Euro, die alles können, was man braucht: Mic-Input/Kopfhörerausgang etc. Ich werde mich hüten, hier eine Kaufempfehlung abzugeben, aber dies ist auf jeden Fall ein Gerät, in welches ich etwas mehr Geld investieren würde. Vor allem ist zu prüfen, wie gut die dazugelieferte Software und die Treiber sind. Mit renommierten Marken wie RME, Motu, Apogee etc kann man eigentlich nichts falsch machen.

4. Das Mikrofon: Man kann es nicht genug oft sagen. Es gibt nicht DAS MIC. Es gibt ein paar wenige, sündhaft teure, die klingen immer gut, aber es gibt viele günstige, die für die eigene Stimme oder die jeweilige Aufgabe vollends den Zweck erfüllen können. Die Kunst ist also, das Richtige zu finden. Das ist schwierig, weil man es wirklich in der eigenen Umgebung ausprobieren und vergleichen können sollte. Gerade in einer akustisch weniger optimalen Umgebung kann ein dynamisches Mic wie das Shure SM7B grossartige Dienste für Sprache und für Gesang leisten, da es solide klingt und wenig Umgebungsgeräusche aufnimmt. Es wird häufig in Radiostudios benutzt und auch ich nehme damit viel Sprache und manchmal auch Gesang auf. Wer sich doch lieber für ein Kondensator Mic entscheiden möchte, sollte sich zwei Dinge klar sein: Ein teures Markenmic kann man nach Jahren auch noch zu einem anständigen Preis weiterverkaufen, ein günstiges Mic wird seinen Wert unter Umständen schnell verlieren auf dem Gebrauchtmarkt. Als Novize ein gebrauchtes Mic auf Ebay zu kaufen kann auch ziemlich in die Hose gehen, da man wissen muss, worauf zu achten ist. Ich empfehle entweder eine ausgedehnte Kaufberatung in einem oder besser mehreren Geschäften. Aber auch hier, mit ein paar bekannten Grössen kann man nichts falsch machen. Das AKG C414 oder das Neumann TLM 103 sind sichere Werte und werden immer solide Ergebnisse liefern, aber es kann sich auch lohnen, unbekannte Marken auszutesten. Empfohlen sei an dieser Stelle Advanced Audio.


5. Mic Preamp. Auch da gibts schon Geräte für wenige Euro. Ich muss es leider sagen - ich hasse billige Preamps. Diese vermaledeiten, rauschigen, harten, kratzigen Dinger...
Drei einfache Dinge kann man sich merken beim Preampkauf: Wie viel dB Verstärkung machen sie? Je mehr, desto besser: 40 dB ist das Minimum, 60 dB sind sehr gut, 70 und mehr sind astronomisch.
Man wird diese Verstärkung kaum je brauchen, aber sie klingen dann im Standgas einfach neutraler ;-)
Das zweite Qualitätsmerkmal ist das Rauschen. Man schliesst KEIN Mic an, dreht ihn langsam ganz auf und hört sich mal an, was jetzt aus dem Micpreamp kommt. Rauscht es gar nicht - hat man etwas falsch gemacht und hört sich den Preamp gar nicht an :-)  - jeder rausch irgendwann!
Ansonsten: Je weniger er rauscht, desto besser, man lasse sich jedoch nicht von Datenblättern täuschen; ausprobieren und hinhören.

Das letzte Merkmal ist: Wie verzerrt er, wenn er in den roten Bereich gefahren wird? Das kann man sehr einfach ausprobieren, indem man ein Mic anschliesst, dein Eingang aufdreht und den Ausgang runterdreht. Dann reinsprechen und aufdrehen bis er übersteuert. Achtung, bitte mit Kopfhörer arbeiten bei diesem Versuch und dessen Pegel zurückstellen  - Aua aua...

Also: Wieviel dB Gain, wie rauscht er und wie klingt er, wenn er verzerrt. Einige Preamps klingen richtig richtig toll, wenn sie etwas zerren (jaaa, das sind die teureren) und bei manchen wünscht man sich, dass man dieses Geräusch nie mehr erlebt (ja, das sind die billigen).
Müsste ich mich für einen Bezahlbaren entscheiden, würde ich wohl einen Portico wählen. Aber auch hier ist vieles Geschmackssache.

6. Die Akustik: Für Sprache und Gesang eignen sich Absorber wie diese von Aston oder solche von sE Electronics. Diese Dinger sind leider wirklich fantastisch und machen so manchen Studiojob überflüssig. Ein Muss für jeden, der zuhause aufnehmen will. Es lohnt sich, nicht im Badezimmer sondern in der Stube oder dem Schlafzimmer aufzunehmen, wo die Akustik dank Möbeln schon trockener ist - es sei denn, man will klingen wie auf'm Klo...

7. Der Kopfhörerverstärker. Ich hasse billige Kopfhörerverstärker. Wirklich. Weg damit. Zuwenig Pegel, schlechter Klang, rauschig, schlechte Anschlüsse, billige Potis... Nein, zu hülf!
Wer wirklich einmal den Unterschied gehört hat zwischen einem Lake Poeple und einem xxx-superbillig, dem wird die Entscheidung leicht fallen. Es gibt noch mehr gute Produkte neben dem obgenannten, aber auch hier gilt, was bei den Micvoverstärkern gilt - Qualität hat hier ihren Preis.

8. Der Kopfhörer: Man komme mir nicht mit diesen grossen farbigen Modeteilern mit dem "b" oder den Iphone Earplugs. Es ist aber letztendlich Geschmackssache. Einen der beliebtesten Studiokopfhörer ist der hier von monorpice für 39 USD. Er ist unglaublich robust, laut, leicht und schliesst gut. Mehr muss ein Kopfhörer nicht können. Für meinen Geschmack hat er etwas viel Bass, was beim Einsingen ein Nachteil sein kann. Ansonsten sind Sennheiser und Beyerdynamic sichere Werte, auch wenn man da schnell zehnmal soviel ausgibt für einen Kopfhörer.

9. Zubehör: Einen massiven Micständer (Tama oder K&M), ein Popschutz, eine anständige Verkabelung, vielleicht ein robuster Notenständer mit Lochplatte (!!), eine Mikrofonspinne (Halterung wie auf dem Bild) und je nachdem einen geräuscharmen Stuhl  - und schon hat man eigentlich alles beisammen, um absolut professionelle Aufnahmen zuhause machen zu können.

ABER: Know-How lässt sich nicht kaufen. Das professionelle Studio in der Umgebung wird einem gegen ein kleines Entgeld  bestimmt beim Setup helfen. Diese Jungs wissen meist mehr über Recording als der lokale Musikhandel. Das ist gut investiertes Geld. Man muss sich auch bewusst sein, dass das Handling der Recordingsoftware und auch die  richtige Nachbearbeitung verstanden und gelernt sein will. Noch Fragen? Der Tonmeister hat immer ein offenes Ohr :-) Happy Recording!

P.S. Ich pflege keine Beziehung zu einer der genannten Firmen und  bekomme auch keine Kohle. Wer andere Tipps hat für Equipment schreibe dies bitte in den Kommentar - man lernt ja nie aus!

Mittwoch, 2. März 2016

Die Wahl des Produzenten: Max Martin vs. Rick Rubin

Wer ein Album aufnehmen möchte, sollte sich gut überlegen, ob er dies mit oder ohne Produzent machen möchte. In der Popmusik auf einen zu verzichten vergleiche ich gerne damit, einen Film ohne Regisseur zu drehen. Das kann für den Heimgebrauch funktionieren, aber dass es ein Blockbuster wird, ist eher unwahrscheinlich. (Natürlich kommen jetzt all die Beispiele wie Lenny Kravitz, dass es auch ohne geht, verdammt- Lenny's a fuckin' genius you know?)

Um Produzenten ranken sich immer wieder Mythen, denn mit welcher Tätigkeit sie genau ihr Brot verdienen bleibt häufig unklar. Und ab und an ist es ziemlich viel Brot, welches sie da so verdienen...
Die weniger erfolgreichen (die mit den kleinen Brötchen) bleiben zwar zwangsläufig unbekannt, die erfolgreichen jedoch scheuen das Scheinwerferlicht ganz bewusst.
Sie bevorzugen es den Stars ihren Ruhm zu lassen. Denn sie kennen die Rollenverteilung  - und diese ist klar: Es gibt Songwriter, Interpreten und Produzenten. Der mit Abstand lukrativste Job hat der Songwriter; mit Bleistift, Papier und einer guten Idee Millionen scheffeln - das kann nur der Songwriter. ABER: Dazu braucht es zwingend einen Produzenten, der die Idee umsetzt und einen Interpreten, der sie glaubhaft verkauft. Für den Konsumenten sichtbar wird nur der Interpret.
Wer wissen möchte, wie Interpreten in Wirklichkeit heissen, oder wer welchen Song geschrieben und produziert hat, dem sei folgende Webseite empfohlen: Etwas versteckt auf der SUISA Hompage findet sich  ein Link zu einer Datenbank mit den Namen derer, welche man nicht auf dem roten Teppich sieht.

Nun, was machen Produzenten denn nun genau? Dass man diese Frage nicht pauschal beantworten kann wird einem sehr schnell klar, wenn man zwei der erfolgreichsten betrachtet. Rick Rubin und Max Martin. Beide sind im Olymp der Popmusik längst verewigt. Ihre Arbeitsweise aber könnte verschiedener nicht sein. Sie unterscheiden sich jedoch auch in ihrer Vision. Rick Rubin sagt in diesem Making of mit Black Sabbath: : "Mein Ziel ist es, etwas zu erschaffen, das man FÜR IMMER anhören kann." Musik für die Ewigkeit - bei seinen Zielen soll man ja nicht zu bescheiden sein...
Da lümmelt er mit einen Talk Back Mic auf seiner Couch rum und sagt der Band O-Ton:"Das war schon gut, aber das könnt ihr noch besser" (Wie ich das auch schon beschrieben habe). Das sieht einfach aus - ist es aber eben nicht. Richtig zuhören können ist bei seiner Arbeitsweise essentiell.  Ein guter Psychiater stellt die richtigen Fragen und kann gut zuhören - ähnlich funktioniert das bei Rick Rubin im Studio - die Musiker finden im Prozess zu sich selbst. Dann entseht authentische Musik und diese überdauert dann auch eher den Test der Zeit.

Das Streben nach zeitlos gültiger Musik jenseits des Stils wird bei ihm sichtbar, wenn man seine Diskographie anschaut: Von Eminem über Slayer bis zu Johnny Cash. Bei letzterem wird das Wirken eines guten Produzenten überdeutlich. In diesem Video erzählt Johnny Cash über seine Arbeit mit Rick Rubin.  Es war sein 81. (!!) Album, aber das erste mit Rick Rubin und es brachte ihm nach eher harzigen Jahrzenten seinen Ruhm der 50er zurück. Weitere Alben folgten, und wenn man sich "One" von Johnny Cash anhört dann steckt da  SEINE Essenz UND die des Songs drin. Mehr kann man als Zuhörer nicht erwarten und als Produzent nicht wollen.
Auch den jetzigen Hype um Mindfullnes - Achtsamkeit - hat er hier schon einmal vorweggenommen. 3 Minuten youtube, die sich lohnen.

Ganz anders Max Martin. Alter Schwede! Der Typ ist wohl in denselben Zaubertrank gefallen wie Björn und Benny von ABBA, deren Anteil am schwedischen BSP Ende 70er Jahre höher war als jener der dortigen Stahlindustrie.
Ob sich seine Werke für immer anhören lassen, sei dahingestellt. Seine Musik ist für das Jetzt. Jetzt jetzt. Die Smash Hit Maschine funktioniert mit einem Heer von Songwritern, Arrangern und Sound Designern. Er verdient sich sein Brot nicht - er hat sich eine ganze Bäckereikette zugelegt und bleibt als Person trotzdem quasi unsichtbar.
Dieser Zusammenschnitt zeigt eine Zeitreise des Plastickpops von 1990 bis Justin Bieber und Taylor Swift. Martins Diskographie ist angsterregend. Seit er durch die Decke ging kann man kein einziges Popradio hören ohne zwangsläufig über seine Werke zu stolpern.


Dass nun Rubin oder Martin eine Kollaboration mit Annegreth vom Thurbental eingeht,  ist also eher unwahrscheinlich - wenn auch nie ausgeschlossen. Vielleicht hat Annegreth ja das gewisse Etwas und ist unglaublichst talentiert. Aber die Resourcen solcher Titanen sind begrenzt und Annegreth wäre wohl gut beraten, sich erstmal einen Produzenten aus der Gegend zu suchen. Und auch bei der lokalen Produzentengarde könnten die Unterschiede nicht grösser sein. Zwei Beispiele:

Roman Camenzind, dessen Studio sinnigerweise Hitmill heisst, beschäftigt ein stattliches Team an Mitarbeitern und prodziert quasi am Laufmeter  lokale Hits.
Thomas Fessler, der seinen Arbeitsplatz "Playground" genannt hat, ist seit dreissig Jahren ein fester Bestandteil der Schweizer Musikszene und darf sich zugute halten lassen, den einen oder anderen Mundart- Evergreen erschaffen zu haben.
Zumindest in der Deutschschweiz kann man kein Popradio hören ohne diesen beiden jeden Tag zu begegnen. Ob Annegreth bei ihnen eine Chance hätte, hängt von ihrem Können ab.

Nun wird folgendes klar. Der Interpret wählt nicht den Produzenten, sondern umgekehrt. Oder etwas weniger extrem - die Zusammenarbeit muss gegenseitig erwünscht sein.
Wie also finde ich den passenden Produzenten, bzw wie findet er mich? :-)

Ganz einfach: Sich schlau machen ("was macht der so?"), anrufen, Demo verschicken, vorbeigehen. Wenn man nicht weiss wo suchen, dann hört man sich am besten lokale Musik an und sucht nach deren Produzenten. Den Link hab ich ja weiter oben geschrieben. Und dann empfiehlt es sich, zwei oder drei verschiedene zu besuchen und danach zu entscheiden. Immerhin geht es um die Frage: Wem vertraue ich meine Musik an?



Freitag, 5. Februar 2016

Gratis arbeiten

Das Thema gratis im Studio (oder live - oder überhaupt) zu arbeiten wurde schon in diversen Foren heftig diskutiert. Wie man sich vorstellen kann, finde ich das grundsätzlich eine schlechte Idee, und zwar aus folgenden Überlegungen:

1. Es führt in den allermeisten Fällen zu nichts. Wer sich unter Wert verkauft - und "gratis" wird wohl unter Wert sein - der wird sich damit weder Respekt noch Reputation aufbauen können. Vor allem, wenn man noch nicht etabliert ist und hofft, mit dieser Massnahme einen Schritt weiter zu kommen.
Begehe nicht den Fehler und denke, das sei nun ein guter Workshop für dich selber. Die Erwartungen des "Kunden" an das Resultat bleiben ja hierbei bestehen. Es wird ja Leistung erwartet.

2. Es schadet dem Selbstwert. Wie gesagt: Was nichts kostet ist nichts wert. Vielleicht merkt man die Nachteile nicht sofort, vielleicht ist man gebauchpinselt, dass man da eine Chance bekommt, die man sonst nicht erhalten hätte.
Aber spätestens im Nachhinein geschieht folgendes: Wird die Arbeit geschätzt und der Kunde profitiert davon, dann hat man selber eine Arbeit geleistet auf deren Lorbeeren sich nun andere ausruhen können. Von den Leuten, welche sich mit viel Geschick eine Gratisarbeit von euch ergattern werden, ist genau NICHT mit Loyalität in diesem Fall zu rechnen. Sie werden davon profitieren und weiter ziehen, zum nächsten Opfer. Dieser Kunde wird dich nie mehr ernst nehmen und wieso sollte er auf einmal gut bezahlen, wenn er es schon gratis (oder viel zu günstig) bekommen hat.
Wird die Arbeit nicht erfolgreich bewertet - aus welchen Gründnen auch immer - hat man zum Schaden auch noch das Unglück.

3. Es macht den Markt kaputt. Ok, der Markt ist schon kaputt. Vor allem der Musikmarkt, der ja mehr einer Tauschbörse oder einem Gratis- Selbstbedienungsladen gleicht. Ok, Musik ist nichts mehr wert. Ok, die Künstler darben sowie alle, die auch mit dranhängen. OK OK OK. Wir haben es verstanden. Aber deswegen müssen die Beschäftigten am Ende der Nahrungskette ja nicht für Gottes Lohn arbeiten.
Tut euch selbst und allen Arbeitskollegen einen kleinen Gefallen und dumpt euch nicht gegenseitig in Grund und Boden. UND ARBEITET SCHON GAR NICHT GRATIS.

4. "Man muss halt investieren, um weiterzukommen. Von nichts kommt nichts." Ein beliebtes Argument für Gratisarbeit.
Würde ja bedeuten, man hätte noch nicht vierstellige Beträge (natürlich nach oben offen) in Soft- und Hardware investiert, Wochen mit dem Einrichten eines Arbeitsplatzes und Jahre mit dem Erwerb seiner Fertigkeiten verbracht.
Man kann dieser Logik jedoch ein Stück weit folgen unter gewissen Bedingungen.
Besteht ein gegenseitiges (!) Interesse an einer grösseren Zusammenarbeit, bin ich bereit, einen Tag zu investieren, damit man ausprobieren kann, ob die Chemie stimmt. Dies gilt für beide Seiten.
Wird das Resultat verwendet, bezahlt der Kunde zumindest einen Teil dieser Arbeit. Sieht er davon ab, wars das. Dasselbe gilt für das Thema "Probemix"...

Wichtig dabei ist, dass dieser Deal immer VOR der Arbeit geklärt wird.


Es gibt also Ausnahmen, da arbeite auch ich gerne gratis. Das fühlt sich aber nicht wie eine Investition an, sondern wie eine Spende. Man erwartet nix zurück, macht es für einen langjährigen Freund oder ein unterstützenswertes Projekt, für welches man auch Geld spenden würde, oder einfach aus purem Spass. Ganz einfach.
Dies ist auch der Grund wieso ich lieber gratis arbeite als zu einem schlechten Preis. Ein Geschenk ist ein Geschenkt, und ich wähle, wer es bekommt. Ein schlechter Deal schwächt meinen Marktwert. Rabatte bleiben Rabatte, sie können den ideellen Wert eines echten Geschenkes niemals aufwiegen.

Wer gratis arbeitet und es mit Freude tut ohne irgendetwas zu erwarten, der darf das natürlich. Volontariate können einem auch eine Genugtuung bieten, wenn man darin einen tieferen Sinn sieht. Dann ist es ein Dienst am Nächsten, Entwicklungshilfe, ein Hobby, oder was auch immer.

Aber wer nur leise daran denkt, dass eigentlich eine Entschädigung fällig wäre für die eigene Leistung- und sei es nur ein Früchtekorb - der soll auf die innere Stimme hören und VOR der Arbeit den Deal abschliessen. Entweder freiwillig schenken oder fair handeln, aber sich ausnutzen lassen hat noch nie jemandem etwas gebracht.

Auf die Idee zu diesem Post hat mich Tony Maseratis Vlog gebracht. Hier der Link.

https://mixwiththemasters.com/video/working-free


Donnerstag, 21. Januar 2016

So kann man nicht arbeiten!!! Nummero MCXI

Tontechniker leben ja zu einem beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit in Hotels. Ein Leben "on the road" -  zum guten Glück jedoch leben wir ja nicht wortwörtlich auf der Strasse sondern schlafen entweder in Tourbussen oder Hotels. Nur in bestimmten Kreisen wird einem manchmal eine Unterkunft im Massenschlag angeboten. Dies lehne ich dann jeweils ab, denn wer sich schon den ganzen Tag den Trubel eines Events um die Ohren schlägt, schätzt ein paar Stunden Privatsphäre ganz besonders.
Die Zeiten, als man uns in Doppel- oder Mehrbettzimmern unterbringen wollte sind inzwischen zum Glück auch vorbei, und so war es auch dieses Jahr am WEF in Davos. Wir bekamen Einzelzimmer von unserem Auftraggeber.
Da man in dieser Zeit in Davos jedoch kein einziges Hotelzimmer mehr findet für den Staff, muss man kreativ werden und Alternativen suchen. Unsere Alternative dieses Jahr war, nun ja, sagen wir mal, unter aller Sau.


Die Ferienwohnung hatte ihre besten Zeiten hinter sich - vor 30 Jahren oder so. Das scheinen auch die Vermieter gemerkt zu haben und haben sie renoviert. Teilrenoviert. "Teil" im Sinne von "nicht fertig".
So war nur die Hälfte der Wohnung beheizt - mein Zimmer leider nicht. Strom hatte es, aber Lampen nicht. Von einer möblierten Wohnung zu sprechen wäre mit Verlaub etwas übertrieben gewsen, kein Kasten, kein Schrank, 1,5 Tische (immerhin) und, ach ja, die Betten waren auch noch aus den guten alten Zeiten (wie gesagt vor etwa 30 Jahren oder so). Das Ding wackelte dermassen, dass ich damit rechnete, es würde irgendwann in sich zusammenfallen.

Die Küche war renoviert, wirklich gut - nein echt jetzt! Über den Mangel einer Abwaschbürste konnte man jedoch getrost hinwegsehen, denn selbstredend hatte es auch kein Geschirr. Deswegen sog ich nun jeden Morgen mein Yoghurt aus dem Becher.
Und ganz egal, ob man um zwei oder drei Uhr morgens nachhause kam, - wach wurde man automatisch wenn es hell wurde, denn es hatte natürlich weder Fensterläden noch Vorhänge.
Ich glaube, ich darf ihn wieder mal bringen, meinen Lieblingssatz: SO KANN MAN NICHT ARBEITEEEEN!

Scheissfuckverdammtnochmals

Nach dem ich mich ein bisschen aufgeregt hatte ab meinem ach so aufregenden Leben "on the road" (muahaha) wurde ich still, ging in mich hinein - und da flötete eine leise Stimme: "Sei dankbar, du hast mehr als du brauchst, und wenn dir hier etwas fehlt, dann schätzt du es nachher zuhause umso mehr."

Ich hätte meinem inneren Zen-Meister am liebsten die Fresse poliert, aber er antwortete schneller als ich denken konnte, Gewalt sei ja auch keine Lösung.

Kleiner Bastard.

Ich hätte mich bei meinem Auftraggeber beschweren können - hab ich natürlich auch. Eine Alternative in Gehweite vom Arbeitsort zu finden wäre jedoch ohnehin unmöglich gewesen. Unterkünfte ausserhalb von Davos sind logistischer Selbstmord in der Polizeifestung des WEFs.

Ich hätte auch abreisen können, das wäre dann unter Umständen nicht nur der Verlust dieses Auftrages sondern auch des Kunden gewesen - da hört man vielleicht besser doch auf Meister Zen:

Er sprach: "Wirf deine Gedanken wie Herbstblätter in einen blauen Fluss, schau' zu, wie sie hineinfallen und davontreiben - und dann: Vergiss' sie!"