Sonntag, 13. Dezember 2015

Die Weihnachtsfeier

Hors d'Oevre


Es begab sich, dass die Redaktionsleitung einer Zeitung zum alljährlichen Mitarbeiterfest in Zürich lud. Ich wurde mit der Betreuung der Tonanlage beauftragt. Eigentlich keine grosse Herausforderung, aber so wie der Abend verlief, sollte er mir in dauerhafter Erinnerung bleiben.


Démarreur

Am Nachmittag nach dem Aufbau kam der Soundcheck der geladenen Musikgruppe, eine weltberühmte A Cappella Combo aus Übersee, welche sich gerade in den Charts tummelte. Sieben Sänger, ein Techniker und ein Laptop bezogen Stellung im Saal. Nach einer kurzen Zeit der Installation donnerte uns Gesang um die Ohren, als ob es kein Morgen gäbe. Beeindruckt schielte ich  auf den Laptop, auf dem - oh Wunder - ein Pro Tools mitratterte, um den Sängern etwas unter die Arme zu greifen. Mit dem Wort "natürlich", welches im Bandnamen vorkam, hatte das ironischerweise nicht mehr viel zu tun.


Wie dem auch sei, der Abend nahm seinen Lauf. Ansprache, Essen, ausgelassene Stimmung, Zwischengänge, Ansage und dann der sehnlichst erwartete Auftritt der Glorreichen - tschuldigung, "Natürlichen Sieben."

Plat principal

Klanggewaltig und thighter als Steve Gadd schmetterte uns der Beatboxsound entgegen, Sublows liessen die Weingläser auf den Tischen herumwandern und die Intonation der Chorstimmen hätte perfekter nicht sein können.

Bis... ja, bis schwupsdiwups das Klanggebilde in sich einstürzte wie ein Soufllée, dass man im falschen Moment aus dem Ofen nimmt. Von Rockkonzert zu "singen sie noch?" in 0.3 Sekunden.

Auf dem Laptop war der berühmte schwarze Bildschirm mit den chinesischen Zeichen zu sehen. Genervt fuchtelte der Bandtechniker irgendwelche Zeichen zur Bühne. Die Combo reagierte blitzartig, behauptete, sie hätte gerade keine Lust mehr auf den eben angespielten Song und intonierte  ein neues Stück. Scheinbar passierte das nicht zum ersten Mal.


Jetzt wurde es interessant: Wie klingen die live? Also wirklich live?

Gut klingen die, dass darf ich sagen, sehr gut sogar. Die können wirklich sehr gut singen - aber es klingt dann eben so, wie eine gute A Cappella Gruppe hierzulande klingt. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Der Laptop wurde in der Zwischenzeit wieder zum Leben erweckt und die Show wurde darauf mit Getöse zu Ende geführt. Die Zuschauer waren begeistert.

Dessert


Nach der Show wurde das Dessert serviert und ich hatte genug Zeit, darüber zu sinieren, wieso wir immer und überall Geschmacksverstärker brauchen. Liveplaybacks bei Konzerten sind völlig normal. Wenn ein Konzert nach CD klingt, spielt bestimmt auch irgendwo ein Laptop Teile davon mit - egal wieviele Leute auf der Bühne stehen. Es ist auch gut nachvollziehbar, dass eine A Cappella Gruppe nicht hunderte von Konzerten im Jahr in konstanter Qualität alleine mit den eigenen Stimmorganen absolvieren kann. Jeder Profisänger wird bestätigen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Aber eigentlich in allen Teilen unseres Lebens wird übertrieben: Auf Facebook und Instagram das Schaulaufen der getunten Eitelkeiten, in der Nahrung die Geschmacksverstärkerorgien, kein Bild ohne Photoshop, kein Film ohne Postpro. Überall wird nachgeholfen. Das ist auch nicht weiter schlimm, solange man sich bewusst ist, dass die persönliche Realität nix mit all dem zu tun hat. Ist halt nicht "alles so schön bunt hier". Ja, der Alltag ist schnell fad, langweilig und leer ohne Verstärkung.
So wurde denn auch bei der Weihnachtsfeier kräftig mit Alkohol an der Stimmung geschraubt. Gegen zwei Uhr morgens konnte ein Gast nur noch mit grösster Mühe zu seinem Motorrad wanken. Beherzt versuchte ich ihm ein Taxi zu empfehlen, doch der Herr reagierte agressiv und zeigte wenig Einsicht. Als er den Motor starten wollte, schnappte ich ihm die Schlüssel weg - sofort nahm er torkelbrüllend die Verfolgung auf. Glücklicherweise kam mir gerade ein Polizeiduo entgegen, so dass ich mich wieder meiner eigentlichen Arbeit widmen konnte.

Eine typische Weihnachtsfeier eben...





Freitag, 4. Dezember 2015

Ein Pamphlet gegen Lohndumping: Ich bin keine Lampe, verdammt nochmal.



Lampen und Lautsprecher haben einen Tagesmietpreis. Wird das Material länger als einen Tag gemietet, gibt es Rabatt - die sogenannten Mietfaktoren.
Freischaffende Techniker haben eine Tagespauschale - aber keine Mietfaktoren für mehrere Tage, ausser ein Auftraggeber überlegt sich, wie er noch mehr an uns verdienen könnte. Dann kommen sie manchmal auf kreative Ideen.

Letzthin kam eine Anfrage für einen viertages Job auf einem Event. Kann ich grunsätzlich sehr gerne machen. Vier Tage auf einem Job bedeutet bei uns normalerweise vier bis fünf Tage weg von zuhause (Anfahrt/Rückfahrt), man ist in einem Hotel untergrebracht, hat keine Zeit für Familie, Jogging, Hobbies oder sonstwas. Man ist dann da, hat im besten Fall noch den Laptop für den Bürokram dabei und sonst macht das ordentliche Leben mal Pause.
"Ja, bei Viertagesjobs müssen uns die Freelancer mit der Gage entgegenkommen", tönt es von der Personaldispo aus dem Hörer.  Pauschalrabatt.

Schluck.

So so.

"Dann kann ich den Job leider nicht annehmen, ich habe auf meine Fixkosten leider auch keinen Pauschalrabatt", beendete ich das Gespräch.

Veranstaltungstechniker sind eine Art moderne Taglöhner, und dies hat wohl historische Gründe, denn Freelancertum hat in diser Branche eine sehr lange Tradition. Früher war das so, dass man die Arbeitszeiten schlecht im Griff hatte, und so wurden wir seit je her auf Basis von Tagespauschalen bezahlt. Da gab es Jobs, die dauerten "nur" sechs Stunden und dann gabs auch mal Tage, die zwölf oder vierzehn Stunden dauerten. Die Tagespauschalen bildeten so eine Art Mittelmass welche dem Freelancer einerseits die Sicherheit nach einem bestimmten Tagesverdienst und dem Auftraggeber anderseits eine Art finanzieller Planbarkeit lieferten.

Je länger je mehr begannen aber die Personaldispos der Firmen, welche Freelancer anheuern, diese Arbeitszeiten zu ihren Gunsten zu optimieren. Seit ein paar Jahren werden die Arbeitstunden pro Tag bei Auftragserteilung per se aufs Maximum gesetzt. Es gibt also kaum mehr 8 Stunden Tage bei uns. Es sind immer zehn bis zwölf Stunden Präsenz. Man hat sich ausgerechnet, wann der Festangestellte billiger ist, und wann der Freelancer. Je nachdem schickt man dann den internen Mann oder sucht sich einen Freelancer. Das ist alles so weit nachvollziehbar. Aber es gibt Grenzen. Und eine dieser Grenzen heisst "Mengenrabatt". Die Tagespauschale ist ja schon eine Pauschale. Wir werden ja schon dort eingesetzt, wo das Arbeitsrecht immer wieder bis über die Grenzen strapaziert wird. Wir arbeiten auch 1.5 Tage, also 14 bis 18 Stunden und manchmal länger am Stück. Kein Freelancer wird sich selber anzeigen, weil er sich gegenüber das Arbeitsrecht verletzt hat. Es wird also nicht nur das gesamte unternehmerische Risiko auf uns übertragen sondern natürlich auch die Verantwortung über eine alfällige Selbstausbeutung.

Ein Musterbeispiel für dieses Problem findet im Moment bei vielen öffentlich/rechtlichen Rundfunksendern statt, bei welchen Produktionen ausgelagert werden müssen, weil das eben erwähnte Arbeitsrecht oder das Budget sonst nicht eingehalten werden können. Die internen Techniker dürfen gar nicht so lange arbeiten wie das nun halt eben nötig ist für bestimmte Produktionen und so werden dann private Firmen mit dem Job beauftragt. Diese wiederum heuern dann Freelancer an, welche für sich selber haften. Und dann sollten wir auch noch Mengenrabatt geben auf die Arbeitstage - ihr habt ja einen an der Waffel.

Wir tragen unser finanzielles Risiko selbst. Werden wir krank, gehen in die Ferien oder der Kunde bezahlt nicht, dann tragen wir den Lohnausfall selbst. Wir können auch keine Überstunden abbauen. Zusätzlich belastet uns, dass die Anfragen immer kurzfristiger werden ("hast du morgen noch Zeit?") - da können jetzt unsere Auftragsgeber nicht immer etwas dafür, mühsam ist es trotzdem.
Wenn dann aber die "exakten Arbeitszeiten" erst ein paar Stunden vor Get In eintrudeln per Mail, bedeutet das meistens: Es beginnt früher als angekündigt und wird womöglich dafür aber auch etwas später als ursprünglich vereinbart.  Man kann dann nur noch hoffen, dass man am folgenden Tag nicht noch ne Buchung hat, oder zumindest eine, welche sich zeitlich nicht nochmals verschiebt.

Freelancer anzuheuern ist in. Immer mehr auch in anderen Branchen. Gerade kürzlich habe ich einem Vortrag von Skype Mitgründer Morten Lund beigewohnt. Er vertrat die Meinung, dass man in Zukunft viel häufiger mit Freelancern arbeiten würde. Natürlich bezog er das primär auf Programmierer, Webdesigner oder sonstige Dienstleister, welche ihren Unterhalt alleine mit Köpfchen, Laptop und Internet verdienen können.

Die Vorteile für Firmen sind klar, tiefere Fixkosten, weniger Verantwortung für die Mitarbeiter, weniger unternehmerisches Risiko. Stolz stellte Morten seine Projekte in Bangladesh vor, bei welchen Freelancer mit Laptop ausgerüstet Programmier- und Designarbeiten ausführten.

Diese Programmierer kosten dann nicht mehr 180 Euro
auf die Stunde, auch nicht die Hälfte, und auch nicht einen Viertel. Für unsere Verhältnisse kosten die zweimal nichts. Für ihre Verhältnisse verdienen sie ein Vermögen. Und das sei Ihnen auch gegönnt. Es muss aber die Frage erlaubt sein, wer denn auch noch an ihnen verdient, und genau diese Frage stellt sich auch, wenn ich vier Tage am Stück im Auftrag einer Firma unterwegs bin.

Die Lösung? Wir müssen diese Dumpinganfragen konsequent ablehnen. Da es keinen Berufsverband gibt, müssen wir es selber machen. Jeder für sich. Dann kommt es auch zu erfreulichen Ergebnissen wie vor ein paar Tagen, als mich folgende E-Mail erreichte: "Geschätzte Freelancer, nach einer kurzen Versuchsphase mit Pauschalrabatten bei mehrtägigen Buchungen sehen wir von dieser Politik ab. Es werden in Zukunft keine Anfragen dieser Art getätigt."

Vielen Dank. Geht doch!