Montag, 26. Oktober 2015

Alter Haudegen oder altes Eisen?



Nach ein paar Jahren in einem Job kommt bei jedem irgendwann der Moment, in dem man zugeben darf- muss: Die Lehr- und Wanderjahre sind vorbei, man macht nicht mehr jeden Scheiss mit, dafür weiss man langsam, wie der Hase läuft.
Man lebt nicht mehr von roher Kraft und purer Motivation, sondern wird mit Routine und Erfahrung vom Sprinter zum Langstreckenläufer. Das wird wohl in fast jedem Job so sein, doch bei uns ist es etwas anders.
Schnell spürt man, die Jungspunde sind sich für nichts zu schade, scheinbar gefeit vor jeglichen Ermüdungserscheinungen und immer wieder fit in der Theorie, schnell in der Auffassungsgabe und fokussiert.
Da kann dann beim gesetzten Tontechniker schon einmal das Gefühl aufkommen, verdrängt zu werden. Der junge Kollege hat keine Familie durchzufüttern, lebt in einer WG, fährt Fahrrad, arbeitet auch mal freudig 20 h und ist sich für kaum etwas zu schade.
Keine Karriereleiter und keine Zusatzausbildungen schaffen einen messbaren Abstand zu den jungen Tonaspiranten. Ausser der mit den Jahren wachsenden Reputation ("ja, und dann hab ich noch X, Y und Z gemischt...")  gibt es keine Zertifikate oder sonst einen Leistungsausweis.

Wieso ich trotzdem keine Angst habe, gleich zum alten Eisen zu gehören zeigte mir kürzlich eine Session im Studio. Die Studentenband nahm ihren Studententechniker mit, um Geld zu sparen. Ich half die Session einzurichten und als alles soweit am Start war, zog ich mich zurück.
Im Minutentakt kamen nun die Fragen. Jede einzelne war mit einem einzigen Knopfdruck zu lösen. Alles reine Routine aus meiner Sicht. Totales Neuland für den armen Studi, welcher mit schwitzigen Händen am Pult sass. Wer mit Pro Tools auf dem Laptop arbeitet und einen 1176 nur als Plug In kennt, hat möglicherweise das eine oder andere analoge Routing noch nicht verinnerlicht....
Natürlich liess ich die Anfänger nicht alleine im Studio basteln (Liebe Mobiliar....), aber bei der zwanzigsten offensichtlichen Frage wurde mir wieder einmal bewusst, da war ich auch mal.
Und jetzt macht man das im Schlaf. Die Technik ist längst Mittel zum Zweck geworden. Produktion und musikalische Fragen, oder das, was ich auch als Recordingpsychologie bezeichne, interessieren mich viel mehr. Es ist wie Fahrradfahren. Wenn man das Gleichgewicht mal halten kann, beginnt man die Landschaft zu genissen.

Und trotzdem ist es eine Einstellungsfrage, ob man ab 40 eher zum alten Eisen oder zu den alten Haudegen gehört. Ich kenne beide Technikertypen. Es hat für mich aber weniger mit der Berufserfahung oder dem Wissen zu tun als mit der Bereitschaft zur Weiterbildung, dem Erhalt der eigenen Begeisterungsfähigkeit oder auch dem Wunsch nach fachlichem Austausch. Eine Logik, welche ich noch nie nachvollziehen konnte ist "Know-How-Management". Wem traue ich wieviele meiner Tricks an und welche bekomme ich dafür... Nennt mich naiv -  aber so habe ich noch nie gehandelt. Von mir dürft ihr alles wissen - tontechnisch, natürlich...
Tricks und Tipps nützen jedem nur so viel, wie er selber auch hören und nachvollziehen kann. Die Erfahrung eines gestandenen Technikers kann man nicht mit ein paar Kniffs kopieren. Wer sich jedoch isoliert und seine Geheimnisse hütet, muss isch nicht wundern, wenn andere Kollegen dasselbe dann auch tun werden. Alte Haudegen sind genug selbstsicher, ihre Erfahrungen weiterzugeben und im Gegenzug auch etwas von den jüngeren zu lernen. Altes Eisen muss sich wahrscheinlich irgendwann einen anderen Job suchen. Ich denke, es ist eine persönliche Entscheidung.

Dienstag, 6. Oktober 2015

Broadcast! Ich liiebe Broadcast


OK, was die Papierrolle auf dem Bild für ne Funktion hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht um die 530 Screens zu putzen, die da alle installiert sind. Ansonsten ist ein Ü-Wagen eigentlich einer meiner Lieblingsorte zum arbeiten. Das hat ganz einfache Gründe und hat auch mit meinem Werdegang zu tun. Ich habe angefangen als Tontechniker für Beschallungen: Also Konzerte, Presskonferenzen, Musicals etc.
Parallel dazu betreibe ich jedoch seit 15 Jahren ein Tonstudio und kenne auch diese Welt im Detail. Radio- oder TV- Ton zu mischen verbindet eigentlich viele Vorteile beider Arbeitsorte:

Als Konzertmischer ist man mitten im Geschehen. Man hat nur einen Versuch, es richtig zu machen. Der Moment zählt! Es ist halt so live wie es nur sein kann. Egal wie gut es herauskommt, nach dem Konzert ist es vorbei. Für immer. Egal wie schlimm die Halle geklungen hat, egal wie gut der Sänger drauf war. Irgendwann ist es aus und vorbei. Dieser Umstand zwingt einem, sich aufs hier und jetzt zu konzentrieren. Man muss extrem schnell sein, manchmal kommts mir vor wie Lucky Luke, schneller als der eigene Schatten. Man muss voraussehen, was gleich geschehen wird. Wenn das Mic bei nem Musical eine Sekunde zu früh auf ist, passiert nix (ausser der Darsteller erzählt gerade mitteilungsbedürftig intime Details hinter der Bühne). Wenn das Mic aber eine Sekunde zu spät auf ist, dann merkts jeder. Also, wer nur reagiert hat schon fast verloren:-)

Im Studio hat man soviel Zeit, wie man Geld fürs Studio hat. Auf jeden Fall hat man Zeit für mehrere Takes. Das heisst nicht, dass ich als Tonmeister einfach lustig "trial and error" spielen kann. Aber man hat soviel Zeit, dass man seriöserweise das passende Mic, den geeigneten Preamp etc aussuchen kann. Man arbeitet mit grösster Akribie in einer akustisch und technisch optimalen Umgebung. Das ist alles sehr schön, aber es kann nach 200 Vocaltakes und drei Tagen des Auswählens auch irgendwann nerven. Vom Mix ganz zu schweigen. Man kann einen Song sein ganzes Leben lang mischen, wenn man Lust hat. Meistens hab ich den Song jedoch so nach ein paar Tagen dann auch gehört und möchte zum nächsten gehen.

Broadcast ist so schnell wie live, weil eben live. Broadcast findet jedoch in einem akustisch passablen Setting statt. In der Betonhalle des Events wird es immer (!) nach Betonhalle klingen - egal, wieviel Molton man reinhängt. Es wird auf jeden Fall nie, nie, nie wie in einem Studio klingen. Ich kann im Ü-Wagen bei einer Lautstärke, die ich selber bestimme (nur schon dafür liebe ich es) unter akustisch guten Bedingungen eine exakte Arbeit abliefern, welche jedoch den Thrill des Moments hat. Das ist sehr fordernd, aber ungemein befriedigend.

Ein Studiotechniker wird möglicherweise Mühe haben, in Echtzeit 64 Kanäle zu verwalten und dabei noch das Geschehen im Saal zu antizipieren. Ein purer Konzertmischer wird dafür Mühe haben, einen  Sound zu mischen, welcher beim Hörer zuhause in Zimmerlautstärke transparent und druckvoll wirkt. Aber für mich persönlich ist diese Arbeit quasi das Beste aus zwei völlig verschiedenen Tonmeisterwelten.