Samstag, 19. September 2015

Perfect Take



Die Versuchsanordnung:

Zwei Räume mit einer Scheibe dazwischen. In dem einen Raum die Band, im anderen das Mischpult und der Produzent. Aus Gründen der Übersichtlichkeit lass ich jetzt mal den ganzen restlichen Kram weg.

Das Ziel: Der perfekte Take.

Und da haben wir schon das erste Problem: Was ist ein perfekter Take?
Nun, im besten Fall ist es ein Stück Kunst, welches originell, inspiriert und musikalisch eben stimmig ausgeführt ist. Form und Inhalt sind schlüssig,  es wirkt authentisch, transportiert Emotionen und so weiter - die typische Weihnachtsmannwunschliste eines Produzenten eben. Dabei ist es völlig egal ob es sich um ein Jodlerchörli oder eine Punkband handelt. Wenn die Musik berührt und nichts diesen Genuss stört, dann ist es eben der perfekte Take. Punkt.

Man erkennt diesen Take übrigens häufig an einer wohligen Gänsehaut beim Zuhören, oder wenn man mit dem Kopf mitnicken muss oder der Fuss von selbst mitstampft. Oder eben diese Form von Begeisterung, die einem fast aus dem Sessel haut. Ich reagiere körperlich auf einen perfekten Take, es ist eine Art musikalischer Orgasmus.

Leider, ja leider sind Produzenten aber häufig mit anderen Emotionen konfrontiert:
Fluchtreflexe, Ratlosigkeit oder gar Konsternation wegen dem Produkt, welches sich durch die ganze Technik hindurch auf die andere Seite der Scheibe zwängt.  Manchmal muss man die Latte halt tiefer hängen, wenn Anspruch und Wirklichkeit sich nur noch aus der Ferne zuwinken.

Ja, und dann editiert sich der Produzent in der Postpro den perfekten Take halt eben selber zusammen. So eine Art musikalische Masturbation -  nur wesentlich anstrengender Und wie im richtigen Leben gilt, dass es im Teamwork mehr Spass macht und besser wird als im Alleingang.
"Teamwork makes a dream work", wie ich kürzlich von Jessie J gelernt habe. Bei einer Pressekonferenz übrigens- keine Spekulationen jetzt...

Der Produzent trägt in diesem Team die Verantwortung für das Endprodukt und hat dieses Mandat häufig von der Band oder deren Plattenfirma direkt bekommen.
Er muss auf Teufel komm raus ein gutes Produkt abliefern, wobei der kommerzielle Erfolg letzten Endes entscheidend ist. Es nützt also nix, den perfekten Take eines schlechten Songs zu haben. Es geht auch nicht, einen perfekten Mix einer uninspirierten Aufnahme versuchen hinzumischen.

Die Aufgabe des Produzenten ist also, die Band zur bestmöglichen Performance hinzuführen. Es ist übrigens eine Aufgabe, welche mit steigenden kommerziellen Ansprüchen immer schwieriger wird.
Es ist also überhaupt nicht so, dass es komplizierter ist, eine talentierte Schülerband frisch und gut klingen zu lassen als einen Top Act - manchmal ist das Gegenteil der Fall.

Dafür gibt es  einige Beispiele. Von U2 gibts eine wunderbare Doku, bei welcher sich Bono sichtlich in Grund und Boden schämt, als die Spuren des Albums einzeln abgespielt werden. Vom Produzenten Bob Rock erzählt man sich die Geschichte, er hätte Bon Jovi drei Tage lang ein einziges Wort singen lassen, bis es zufriedenstellend im Kasten war...

Wenn der Produzent hinter der Scheibe also sagt: "Das war schon ganz gut, aber das geht noch besser". "Versuch mal, weniger zu spielen." "Das ist eine geiles Lick, aber kannst du mir noch etwas anderes anbieten"..., dann heisst das nichts anderes, als dass es noch nicht der perfect Take war.