Montag, 31. August 2015

Berufsberatung

Wöchentlich flattern bei mir Blindbewerbungen ins Studio.
"Die Liebe zur Musik führte zum Wunsch, mein Hobby zum Beruf zu machen, und so möchte ich gerne Tonmeister werden..." steht da immer wieder so oder in ähnlicher Form.
Je nach CV lade ich die Jungs (ich habe fast nur männliche Bewerber), dann zu mir zu einem Gespräch ein, und ab und zu kommt es tatsächlich dazu, dass jemand bei uns ein Praktikum absolvieren darf oder Assistent wird.
Doch bevor es soweit ist, muss ich die Interessenten etwas über die Realität aufklären. Hier ist mein virtueller Antwortbrief.


Lieber Tonmeister in Spe,

vielen Dank für deine Bewerbung, welche ich mit Interesse gelesen habe.

Ich darf vorweg nehmen, dass es ein fantastischer Beruf ist, abwechslungsreich, voller spannender Möglichkeiten, und natürlich für manch einen recht exotisch. "Und was machen Sie beruflich?", ist ein oft gehörter Satz, wenn man als One-Man-Show den Techniker in irgendeiner Laienproduktion gibt. Einmal davon ausgegangen, dass die Frage nicht rethorisch gemeint ist, weil man gerade die P.A. in die Luft gejagt hat, darf man ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass sich die meisten Menschen in unseren Breiten nichts unter unserem Beruf vorstellen können. Und das macht nichts.
(Man beachte dazu auch meinen Post: "Und Sie, kommen Sie da draus bei all den Knöpfen?")

Vielleicht hast du jetzt gestutzt bei "Laienproduktion". Ich liebe diese Produktionen, weil diese Menschen in aller Regel sehr dankbar sind, und man für seine Arbeit und Professionalität geschätzt wird. Immer wieder entstehen Freundschaften oder zumindest schöne Erinnerungen, weil da mit viel Hingabe und Herzblut gemeinsam an einem Projekt gearbeitet wird. Live wie auch im Studio.

Wir hören also nicht nur Kompressoren Ratios und Thresholds oder falsch eingestelle Gates, EQ's und Nachhallzeiten, Phasenprobleme oder halb defekte Mics. Wir kennen uns nicht nur mit Hardware und Software aus. Nein, denn das ist ist nur Handwerk, oder "Ohrwerk". Die Herausforderungen sind ganz anderer Art.

In erster Linie stehen wir für Sicherheit und verbreiten Ruhe, wenn es rundherum abgeht wie Sau. Wir behalten den Überblick und sind entspannt bei der Sache.

Wenn ein Sänger falsch intoniert, dann können wir häufig sagen, ob es ist, weil er sich selber schlecht hört, ob er aufgeregt ist oder stimmlich etwas überfordert. Für jeden dieser Fälle hat man mit der Zeit Lösungsansätze, welche helfen (können :-) ).

Wir wissen, was Musiker auf ihren Monitoren hören wollen und machen eine passende Voreinstellung. Und wir sind selbstverständlich bereit 1000 Mal diese Einstellung anzupassen, bis der Musiker dieses unverkennbare Lächeln trägt.

Wir fangen die Fehler anderer ab, bevor sie überhaupt bemerken, dass da etwas schief läuft und wir machen das selbstverständlich, ohne gerade die Ehrenmedaille zu erwarten. Und mindestens so wichtig: Machen wir einen Fehler, schieben wir es nicht aufs Equipment. Wir bleiben transparent, suchen keine Ausreden, und wir behaupten nicht etwas zu können, wovon wir in Wirklichkeit keine Ahnung haben. Als Hochstapler wird man sofort entlarvt, denn unsere Leistung ist immer sichtbar, bzw hörbar.

So vermitteln wir Sicherheit, so entsteht das Gefühl beim Kunden "Nie mehr ohne diesen Techniker".
Und ganz wichtig, wir tun das mit Geschmack und Stil.

Es geht also nicht nur um Musik. Es geht nicht nur um Technik. Es geht um die Arbeit mit den Menschen zusammen. Wir sind keine Sachbearbeiter. Wir sind keine Freaks. Wir sind auch keine Psychologen (auch wenn da Parallelen sind). Wir sind keine Kreativen, aber auch nicht unkreativ. Wir sind "in between". Und je nach Präferenzen oder Talent treibts einem dann mehr in die Entwicklung von Geräten, ins Operating, ins Recording oder was auch immer.

Aber Vorsicht, der Werbeblock ist vorbei.

Ich muss dich warnen, wer sein Hobby zum Beruf macht, wird mit Sicherheit dieses Hobby verlieren,  und im schlimmsten Fall auch "die Liebe zur Musik".
Es ist nicht ausgeschlossen, dass du dich selber verwirklichen kannst und sich deine Träume erfüllen, aber die Chancen sind gering, dass du GENAU DAS, was du liebst, zu deinem Brötchenwerberb machen kannst, und dass du dies bis zu deiner Pensionierung lieben wirst, steht nochmals auf einem ganz anderen Blatt.
Die Frage, die sich stellt, ist also: Was genau stellst du dir unter idealen Bedingungen vor zu tun - und welchen Einsatz bist du dabei bereit zu leisten. Denn dieser wird unverhätlnismässig viel grösser sein als in einem "normalen" Beruf. Ich weiss wovon ich spreche, ich hatte früher auch mal einen.

Beispiel:
Du liebst es Hip Hop Beats zu produzieren? Das ist toll, aber jetzt mach mal 20 Beats + pro Woche ein ganzes Jahr lang. Immer noch cool?
Nun ist es aber leider so, dass du dann nicht Tonmeister bist, sondern Musiker oder Musikproduzent - die Grenzen verschwimmen da immer mehr.

Beispiel 2:
Du liebst es, Songs zu mischen? Ich auch! Aber bist du bereit, 3/4 der Zeit im Audio Editing zu verbringen und tagelang an Pitch und Timing zu feilen? Bist du dir bewusst, dass du von Tag 1 an mit Chris Lord Alge verglichen wirst?
Bist du dir auch bewusst, dass du nicht gleich "Muse" oder (die Band deiner Wahl) mischen wirst, sondern möglicherweise Musikanten, welche dir das Blut in den Adern gefrieren lassen?

Dann kommt aber noch etwas ganz anderes dazu: Der wirtschaftliche Zwang, Geld zu verdienen mit seinem Hobby, dass es ja nun nicht mehr ist. Das Problem bei Berufen wie dem unseren ist, dass wir ihn von Beginn an zu einer Herzensagelegenheit machen und dann womöglich wahnsinnig enttäuscht sind, wenn sich unsere tatsächliche Tätigkeit nicht mehr mit den ursprünglichen Vorstellungen deckt. "Wo bin ich denn da gelandet"...

Bist du bereit, die obligaten 10'000 Stunden an Lerntätigkeit zu investieren, ohne Garantie darauf, dass du danach tatsächlich deinen Lebensunterhalt bestreiten kannst?

Bist du bereit, dein soziales Leben aufs Spiel zu setzen, weil du (vor allem in der Eventtechnik) eigentlich immer dann arbeitest, wenn die anderen Feierabend haben oder im Ausgang sind?

Bist du bereit, dich immer wieder von Neuem beweisen zu müssen und ständig weiterzubilden?

Wieso sich nicht den Luxus einer zweckbefreiten Beschäftigung gönnen? Wieso sich nicht ein Stück Freiheit behalten und sich in seiner Freizeit dem widmen, was einem wirklich wirklich interessiert?

Willst du im Ernst deine Herzensangelegenheit aufs Spiel setzen, nur um davon leben zu können?

Wenn ja, dann herzlich Willkommen im Club! Es ist ein traumhafter Traumberuf. Ich würde nie mehr tauschen wollen!