Sonntag, 14. Juni 2015

Samstag Morgen auf dem Studioklo

Als wir unser Tonstudio bauten haben wir keine Kosten und Mühen gescheut. Dementsprechend gut ist es akustisch isoliert und lässt auch sonst kaum Wünsche offen. Bei den Sanitärinstallationen ging uns dann aber leider die Kohle aus und so wurden da nur noch mit M-Budget gebaut. Das stille Örtchen war zwar still, aber halt sehr klein, so klein, dass man alleine knapp drin stehen kann um sich "in Position" zu bringen (also sich hinzusetzen ;-) )

Da war ich nun also mit einer Kundin verabredet am Samstag Morgen. Ich war alleine im Studio und bereite die Session vor. Zufrieden mit mir und der Welt ging ich noch schnell aufs Klo und schloss die Tür ab, so wie man das aus Gewohnheit tut. Als ich wieder aufmachen wollte, öffnete die Tür. Nicht.

Schloss kaputt. Eingeschlossen auf dem kleinsten Klo der Welt. Äh.. Handy? Lag in der Regie. In 10 Minuten kam die Kundin. Nochmal drehen - nix. Nochmals, nochmals, nochmals. Nix, nix, und wieder nix. Das Schloss drehte leer und war nicht mehr in der Lage, den Riegel zu bewegen.

Emily (ja, so hiess sie wirklich!) wird läuten, 10 Minuten warten, mich anrufen, und danach wieder gehen. Ich sah mich schon mein Wochenende im klaustrophobischsten aller WCs verbringen zu müssen. Bis am Montag morgen ein Assistent kommen würde - oder auch nicht. So genau wusste man das nie.

Ich sah mich die nächsten zwei Tage das Wasser aus der Kloschüssel trinken. (Immerhin hatte ich ein Klo - ha ha).

Isolationshaft.

Panik. (Ja, ich bin auch so ein Flug- und Platzangst Mensch)

Ich entschied mich, die Türe aufzudrücken. Aha, die Türe geht nach innen auf. Schlecht.
Ich versuchte sie aufzureissen. Riss den WC Rollenhalter ab um ihn als Hebel zu benutzen. No way. Die Billigtüre war leider stabiler gebaut als das Schloss. Wie ein wild gewordener Affe zerlegte ich alles an der Türe, was irgendwie einen Weg nach draussen versprach, und verletzte mich dabei natürlich auch noch selber im Adrenalinrausch.

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte ich nochmals entnervt am Schloss. Tadaah! Das Gerüttel hatte offensichtlich einen positiven Einfluss auf das Innenleben des Schlosses gehabt. Ich war frei! Mein Hormonhaushalt machte noch zwei Loopings und dann läutete es auch schon.

Emily war zum Glück etwas verspätet. Den Schlüssel habe ich eigenhändig zerstört. Stattdessen hats jetzt einen einfachen Holzriegel zur Wahrung der Privatsphäre...

(Und ja, ich gehe nie mehr ohne Handy aufs Klo:-) )


Mittwoch, 3. Juni 2015

analog- digital, voll egal ?

Ich habe mich über die vielen Kommentare bei meinen Firmware-Post sehr gefreut. Vielen Dank! Es mag möglicherweise den Anschein erweckt haben, ich sei ein sentimentaler Audiofolklorist.
Bin ich nicht. Ich war immer sehr aufgeschlossen neuen Technologien gegenüber und bin es bis heute. Ich arbeite seit 1992 mit Computern und Musik -  Atari ST -  Cubase, dann Logic 4.0... (Niemand will dorthin zurück - also ich ganz bestimmt nicht). Ich verwende heute noch ein digitales Pult von Yamaha, das 03D, Firmware von 1997.  Das ist jetzt audiophil nicht das Gelbe vom Ei, aber es ist noch nie abgestürzt und läuft wie am ersten Tag. Nur die Preamps sollte man mal recappen :-)...

Ich bin also kein analog Fetischist, aber die Zuverlässigkeit neuer Systeme lässt zuweilen doch etwas zu wünschen übrig und deswegen schrieb ich ja auch den Post "Firmware from Hell"

Interessanterweise wird bei "analog-digital" immer auch gleich über die Klanqualität diskutiert. Aber es gibt noch viele andere Kriterien. Die einen sind Fakten (Kanalzahl, Gewicht, Preis etc) die anderen weniger griffig - Workflow, Struktur, Übersichtlichkeit, Zuverlässgikeit, Road-tauglichkeit etc.

Es gibt eben alles:

Supergeil Analog         I         Supergeil Digital
                                     I
--------------------------------------------------------------
                                     I
Voll Scheisse Analog   I        Voll Scheisse Digital


In diese Grafik  kann man nun alle möglichen Qualitätskriterien des jeweiligen Equipments reinschreiben. Klang, Worklflow, Stabilität etc.

Was ich damit sagen möchte: Man sollte keine Äpfel mit Birnen vergleichen. Supergeil (und suuuperteuer) analog wird klanglich wohl auch heute noch alles Digitale schlagen. Aber halbgut analog... oje..- man verschone mich damit...
Dazu kommt, dass viele Produktionen im Eventbereich, und eigentlich auch im Studio, nicht mehr durchführbar wären mit analoger Technik. Es wird alles immer grösser und komplexer - bis vielleicht aufs Streichquartett Recording oder die Arbeit im  Masteringstudio. Also was muss man den tun, damit digital möglichst angenehm klingt?



Ein paar (zum Teil schon recht alte) Tipps, gelten für Live und im Studio:

-Gain-Struktur:  Kanäle auf - 18 dB Fs auspegeln (bei Soundcraft auf 0dB), "gelb" ist bei digital das neue "rot".

-Interne Busse und Plugins niemals überfahren.

-Nichts klingt digitaler als digitales Clipping.

-Eine sehr gute Wordclock hilft jedem digitalen System -  bzw schadet nicht.

-Unnötiges hin und her Wandeln vermeiden. (Ich habe den Direktvergleich gemacht mit Digitalpult und digitalen Amps in einem Theater. Einmal analog aus Pult in den Amp rein und einmal digital aus dem Pult in den Amp rein. Das zweite klang massiv besser.)

- Höhere Taktraten (96kHz, 192 kHz) klingen meines Erachtens immer besser als tiefe (44.1 kHz, 48 kHz). Der Qualitätsunterschied wird leider sogar mit jedem eingeschlauften Plugin grösser. Es geht darum wohl weniger um die Auflösung alleine, sondern um die Fehler der Plugins. Aber das ist wirklich nur eine Vermutung.
 
-Der Sound sollte vor dem Wandler schon stimmen. Digital ist grundsätzlich neutraler in der Klangverarbeitung, wer also harmonische Verzerrungen will, mache dies zum Beispiel mit einem analogen Preamp/Kompressor etc: Röhren, Trafos, Tape,  was auch immer, helfen, den "digitus" zu beseitigen. Natürlich muss man dann schon im Voraus wissen, was man will :-)



Digital klingt nicht per se steril, sondern analog klang grundsätzlich schon immer eher obertongeschwängert. Da es bei moderater Anwendung nicht Obertöne im kHz-Bereich sind sondern im Mittenbereich, empfinden wir den Sound dann als "warm" (auch wenn ich mit solchen Adjektiven sehr vorsichtig bin)

Man wird also den digitalen Pulten immer mehr beibringen, analoger zu klingen. Das hat den schönen Vorteil, dass man dann auch wählen kann zwischen Neve, API oder SLL- Style ohne immer gleich Unsummen für ein Pult dieser Marken auszugeben.

Bis dahin tut jeder gut daran, seinen Sound selber so zu gestalten, dass er nicht auf ein Mischpultklangwunder angewiesen ist.