Freitag, 29. Mai 2015

No Show wegen no shows?

Da waren wir nun, in einem Luxushotel in Zürich. Alles stand bereit, schöner Event, schick angezogen, in Anzug und Krawatte.  Da kam der Kunde mit steinerner Miene und erklärte uns, dass der Event möglicherweise nicht stattfinden könne, weil die Polizei mal schnell ein paar Boardmembers verhaftet habe.

Hoppala.

Das passiert zugegebenermassen doch eher selten. Warum ausgerechnet bei diesem Verband, der sich den Weltfrieden vom Fussball verspricht? (Man könnte an dieser Stelle auch eine Diskussion über mögliche Willkür ausländischer Behörden lostreten, aber das masse ich mir nicht an. Trotzdem, ziemlich ironisch, das Ganze.)

Es zeigte mir einmal mehr, dass Eventtechniker manchmal näher am Geschehen sind, als ihnen möglicherweise bewusst ist.

Und weil alle Events Tonmenschen brauchen ist vom Hells Angels Festival bis zum World Economic Forum die ganze Bandbreite an Brennpunkten vorhanden. Wir sitzen auch dann noch im Saal, wenn man die Journalisten schon lange nach draussen begleitet hat. Geschlossene Gesellschaft - und ein paar Techies - sonst niemand.

Als Tonmeister bedient man dabei immer wieder Kreise, welche mit der eigenen Ausrichtung so gar nichts zu tun haben. Manchmal ist es lustig oder lehrreich an solchen Events, manchmal ist es auch etwas langweilig, aber ab und zu ist es schlichtweg widerlich. Manchmal möchte man am liebsten wie an den Oscars das Mic zudrehen und die Musik einfaden.

"Für wen arbeite ich da eigentlich genau? In wessen Dienst stelle ich mich?" Es geht nicht darum, mich hier wichtig zu machen und es geht auch nicht darum, aus dem Nähkästchen plaudern zu können. Es ist eine persönliche Frage. Manchmal ist es eine Gewissensfrage. Welche Informationen werden durch mein Mic in die Welt hinausgetragen? Gewisse freischaffende Kollegen sind in dieser Angelegenheit völlig schmerzfrei, aber wer über den eigenen technischen Tellerrand schaut, kommt früher oder später unweigerlich in einen inneren Konflikt. Hab ich denn überhaupt eine Wahl, für wen ich arbeite? Job ablehnen bedeutet Lohnausfall, Kundenverlust...!

Ich finde, ich habe eine Wahl:
Da war diese Band im Studio mit den rechtsradikalen Texten. Oder der esoterische Wunderheiler mit seinem  -sagen wir mal- möglicherweise etwas manipulativen Hörbuchtext. Die habe ich alle nachhause geschickt. Sorry, nicht mit mir. Das geht zu weit.

Aber wie ist das mit der Wahlkampfveranstaltung der Partei, die ich niemals wählen würde?
Wie ist das mit der GV der Bank, die immer wieder Milliardenbussen bezahlen muss? Wie ist das mit einem Fussballverband, der zulässt, dass in Katar womöglich hunderte von Gastarbeitern ihr Leben lassen werden für eine WM-Infrastruktur?

Der hübsche Event im Luxushotel fand übrigens trotzdem statt. Man sprach über den völkerverbindenen Sport und Fussball als Religion bis die Journalisten den Saal verlassen mussten.
Ein paar Stühle auf der Bühne blieben leer. Ich weiss auch nicht genau, wieso. Geht mich ja nix an... oder doch?
Wie würdest du entscheiden?




Montag, 25. Mai 2015

Firmware Update from hell

Ich kann den Post nicht anders beginnen: Früher war alles besser.
Da hatte man ein ein analoges Mischpult mit 48 Inputs (350 kg), ein paar Sideracks (200kg) ein analoges Multicore (je nach Länge auch nochmals 200kg).
Ein Fader, ein Taster oder ein Poti hatten je eine Funktion, ein Blick aufs Pult beantwortete alle Fragen. Input 1 war auf Kanal 1 (was sonst?),  Input 2 war auf Kanal 2 etc ... Ich denke, diese Logik ist, ähm - logisch. War auch nötig, weil es sonst schnell etwas unübersichtlich wurde:


Man wusste: entweder es spielt, oder es spielt nicht. Wenn nein hatte man zwei Möglichkeiten: Voltmeter und Lötkolben rausholen oder ganz einfach neues Equipment ordern. Soweit so gut. Dann kam digital. Das Zeug ist zwar keine 200 kg mehr schwer, kann aber zehnmal soviel und kostet dafür  nur einen Viertel. Sehr geil! Aber wehe, weeehe, es spielt nicht.

Wir Tonmeister haben uns daran gewöhnt, dass ein Fader auf einem digitalen Pult knapp 200 Parameter anzeigen kann. Wir haben uns an Touchscreens gewöhnt, welche unlesbar sind bei Sonnenschein, wir haben uns halbwegs daran gewöhnt, dass wir neben dem analogen Patch nun noch eine digitale Matrix managen, die auf jedem einzelnen Gerät nochmals einzeln gepatcht werden will. An was ich mich irgendwie nicht gewöhnen kann: dass ich zum Third Level IT Supporter werden muss, um Ton auf meinem Pult zu haben.

Da hatten wir kürzlich diese Produktion, da war ein digitales Setup mit zehn Komponenten. Das Pult kam aus Norddeutschland, die Switches von der Firma W, die Wandler von den Firmen X und Y und der Ü- Wagen von der Firma Z. Die Marke der Audiokomponenten war zwar überall die gleiche - wir sind ja nicht blöd -  aber was nun folgte war eine Workshop zur Erweiterung der Frustrationstoleranz.
Da wir ja wie gesagt nicht blöd sind, haben wir das Firmware Update 3.0  (nagelneu ;-) ) im Vorfeld nicht aufgespielt auf unsere Komponenten, weil a) 2.0 sich bewährte und man b) einen Termin bestimmt hatte, an welchem dann alle Firmen gleichzeitig updaten, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Guter Plan. Hatten leider nicht alle Firmen mitbekommen, doof aber auch.

Das Pult war halt nun doch schon auf 3.0 und hatte überhaupt keine Lust mehr, mit der eigenen Peripherie zu sprechen. Das arme Pult litt an digitalem Autismus. Es sah die anderen Teile, aber man konnte diese nicht fernsteuern, wie man das hätte können müssen... und so blieb uns nur eines, nämlich alles andere auch mit 3.0 zu versehen. Irgendwo in der Pampa mit Internet über Iphone ging die Suche nach den Firmwares los. Pro Device vergeht dann gut und gerne auch einmal eine halbe Stunde bis es aufgespielt ist - wenns denn läuft. Bei gewissen Teilen gings dann erst beim zweiten oder dritten Anlauf - oder überhaupt nicht. Gulp. Auszug aus der Anleitung: "Wenn das Update nicht erfolgreich war wenden sie sich bitte an den Händler"  - am Freitag Abend um 22.00 Uhr ein etwas schwieriges Unterfangen.

Nachdem wir dann schlussendlich die nötigsten Teile am Start hatten kam die grosse Überaschung: Es lief nicht. Nun ging die Fehlersuche erneut los. In der Gegend rumtelefoniert, Krisensitzungen abgehalten, Plan B und C abgecheckt, Setup auseinandergenommen, verkleinert, Fehler suchen, langsam an sich selber zweifeln und den Soundcheck verpassen...
12 Stunden später entscheiden, dass man jetzt doch mal schlafen geht, ein nicht funktionierendes Setup in der Halle stehen hat und weiss, dass es in zwölf Stunden laufen muss.

Anderntags reservierten wir ein Ersatzsetup, und dann wurde weiter rumprobiert. Irgendwann kam mein Kollege auf die Idee, das Pult nochmals mit der 3.0 zu bespielen... 11.30 Uhr, Tadaaah, es funktionierte! Man hatte uns offensichtlich ein Pult mit korrupter Firmware geliefert.
An das hatte niemand gedacht. Und es war ja auch nicht offesnichtlich - das Pult lief! Es war nur etwas autistisch und dies wegen inkompatibler Firmware der Peripherie - das war aber offensichtlich nur ein Teil der Wahrheit. (Murphy, wenn ich dich mal treffe, dann... dann... grmbl)

Und genau hier liegt das Problem bei dieser Art Arbeit - die Grenze zwischen Equipment Maintenance, Support und Setup verschwimmen. Wo fängt bei dieser Art Problemen meine Pflicht an und wo hört sie auf? Und wer löst denn das Problem auf Platz wenn nicht die Tonmenschen, die eigentlich ganz etwas anderes zu tun hätten? An dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön an all die lieben Kollegen, welche die eigene Arbeit haben liegen lassen um mir aus der Patsche zu helfen!
Wer glaubt, digital läuft oder läuft nicht, irrt. Digital verarscht einem. Läuft so ein bisschen, zeigt mal ein Error hie und da. Man rebootet und der Fehler ist weg, oder man rebootet und es läuft schlechter. Und so weiter. Bei gewissen Pulten freezed das Surface während der Show für ein paar Sekunden, dann heisst es "Finger weg". Es erholt sich dann wieder und man darf weiterarbeiten... Ein analoges Mischpult hab ich noch nie abstürzen sehen. (Ausser beim Truck beladen - aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Liste ist endlos. Die Systeme werden immer grösser und dafür auch instabiler. Der Wettbewerb der Mischpultfirmen macht den User zum Betatester und es gibt kaum noch eine Produktpräsentation, welche nicht mit dem Satz endet: "Zur Zeit kann das Pult leider noch nicht ... bla bla bla, aaaber beim nächsten Firmware Update kann das Pult dann auch noch x, y, und z, Kaffee kochen, staubsaugen und die Lottozahlen vorhersagen...."

Das ist alles sehr lieb von euch. Ich möchte aber eigentlich nur eins: dass es läuft. stabil läuft.verlässlich und unkaputtbar. Ohne dass ich mich um solchen Kram kümmern muss.

Dabei gings doch mal um Musik, ums Klangbild, um Tiefenstaffelung, Räume und Levels. Ach, ich Romantiker. Es geht um IP-Ranges, Device ID's und Firmware Versions. Um digitale Matrix, Routing, Patches und Setups.

Ja früher, früher war alles...