Sonntag, 22. Februar 2015

Fasnacht und dB

Guggenmusiker sind ja eigentlich die wahren Rock'n Roller unserer Zeit. Statt dem vielzitierten Sex, Drugs und Rocknroll gibts einfach dekorierte Bars, Schümli Pflümli und tätärää.
Nun, wer es einmal im Jahr krachen lassen will, der soll das auch können dürfen. Inzwischen laden jedoch neben der Fasnacht auch Streetparade, Zürifest, Grümpis, Jahrmärkte und Oktoberfeste zum gepflegten Besäufnis das ganze Jahr über.

Wir Schweizer sind ja nicht gerade für unsere ausgelassene Art bekannt und ich will mich hüten, hier die Spassbremse zu spielen. Feiert! Feiert bitte so ausgelassen ihr könnt! Einfach ohne mich, danke. Dem Tonmeister hängt die permanente Partysause nach 20 Jahren Honaroo zum Hals raus. Überall wo gefeiert wird braucht es nämlich diesen einen Technikkapitän, der im wilden Getöse das Partyschiff auf Kurs hält. Solange man Herr der akustischen Lage ist mit dem Mischpult gehts ja noch. Doch vor der Fasnacht kapituliert der Tonmeister. Die Guggen sind der schwarze Block der Veranstaltung, die autonomen Lärmer, das akustische Chaos.
Wenn die Guggen losblasen kann ich meine Lärmschutzmessung getrost zu Konfetti verarbeiten.


Die Schweiz, das Land mit der strengsten Schallschutzgesetz im Universum, verordnet 100 dB (A) maximal an öffentlichen Veranstaltungen. Eine einzige Trompete macht aber locker 120 dB (A). Das ist nicht einfach ein Fünftel lauter, sondern eine verzehnfachung des Schalldrucks und eine verhunderfachung der Schallleistung. (Und wers ganz genau wissen will, bitte hier nachlesen: ).

Das lustige an dieser Verordnung aber ist, dass sie für Guggen nicht gilt! Sie gilt nur, sobald der Schall elektrisch verstärkt wird! Wieso das so ist, darüber orakelt die Tonmeistergemeinde seit Gesetzeserlass. Zumindest meinen Gehörnerven ist es ziemlich egal, wovon das Ohrensausen stammt.

Nicht egal ist mir jedoch, wenn ich für  Überschreitungen der Grenzwerte verantwortlich gemacht werde, welche ich nicht verursacht habe! Und hier liegt der Haken. Diesen intelligenten Lärmometer gibts leider noch nicht, welcher unterscheidet zwischen  Blaskappelle, Gegröle und des Tonmeisters Mischpültli.

Und so schwarzpeterlen die Lärmpolizisten, Veranstalter und Tonmeister jedes Jahr von neuem, während die Guggen vollgas weiterfeiern. Ich bin für Eigenverantwortung, jeder soll selber entscheiden wann er genug "zugedröhnt" ist, lasst die Guggen tröten so laut sie können.

Einfach ohne mich. Es gibt zudem aber noch andere Gründe, wieso man mich höchstens noch am fasnächtlichen Kinderumzug sieht: Konfetti! -  und vor allem was daran kleben bleibt. Konfetti verhält sich ähnlich wie Katzenstreu. Es saugt Bier und andere Alkoholika vor oder nach der Konsumation auf, sobald es damit in Kontakt kommt.
Dumm, wenn man da seine Kabel am Boden verlegt hat. Da klebt dann der Konfetti-Kotz-Mix am Multicore. Man wischt ihn besser ab, solange er noch nicht eingetrocket ist...

Seither benutze ich Handschuhe -  und Kabelbinder.

Aber wie gesagt: Ich bin raus...

Donnerstag, 19. Februar 2015

Tracking Vocals, Take 1

Nicht alle Tonmeister lieben Gesangsaufnahmen. Ich schon!
Die Performance eines Künstlers so hautnah mitzuerleben ist quasi die Kirsche auf dem Schlagrahm auf dem Coupe als Dessert.  (und wer mehr Helvetismen in eine Metapher packt bekommt von mir einen Coupe Vermicelles)
Nun, manchmal ist diese Kirsche... na ja, sagen wir - speziell.
Manchmal ist sie speziell out of tune oder unsicher (schlimm!), manchmal uninspiriert (schlimmer!) oder gar langweilig (die Höchststrafe).
Manchmal bekommt man Gänsehaut vor Ergriffenheit, manchmal als Folge eines Fluchtreflexes.
Und immer erwartet ein Sänger nur eines: eine ehrliche Meinung.
Meine ehrliche Meinung ist in jedem Fall ganz einfach: ich will den bestmöglichen Take. Das will Annegretli M., welche das erste Mal vor dem Mic steht, genau gleich wie Tina T. welche das schon ein Leben lang macht.
Beide haben verdient, dass ich ihnen dabei helfe ihre beste Performance zu liefern, ganz egal wie routiniert oder berühmt sie sind oder wieviel Budget ihnen zur Verfügung steht.
Der Unterschied zwischen dem routinierten Star und dem versierten Laien liegt in meinem Augen vor allem in einem: dem Fokus.
Wer einmal erlebt hat mit welchem Fokus ein Weltstar im Studio arbeitet, weiss: Es geht so wenig ums Mikrofon wie ums "richtig" Singen. Das geeignete Mic und die passende Gesangstechnik sind Voraussetzungen, keine Ziele.
Es geht nur um die Emotion. Jedes Wort will "gemeint" sein. Jedes Gefühl empfunden,  jeder gesungene Ton zwingend - aber nicht erzwungen.
Es geht also um die Persönlichkeit, um Glaubwürdikeit, ums Geschichten erzählen! Und meistens stehen sich dann die Annegretlis eben selber im Weg. Wo exponiert man sich denn mehr als in einem Tonstudio? Man hört hier ja sogar die eigene Peristaltik im Kopfhörer.
Meine Aufgabe ist in diesem Fall, dass Annegretli die Hi-Fi- Peristaltik und auch die restliche Peripherie kurz vergisst und ihren Fokus erst mal auf den Song legt.
Schwierig, aber nicht unmöglich.
Gesangsaufnahmen sind also Erfahrungssache. Auf beiden Seiten der Glasscheibe. Im nächsten Post werde ich noch detailierter darauf eingehen, was es braucht, dass sich die wohlige Gänsehaut einstellt.

Dienstag, 17. Februar 2015

Unvergessene Momente: die Unterwäsche Modenschau

Ich habe dutzende, wenn nicht hunderte von Modeshows technisch betreut (so nennt man das:-) ). Eigentlich immer im Saal am Mischpult, aber einmal war es anders. Vor Jahren war da diese grooossse Modeshow von dieser Company mit den besonders schönen BH's und Unterhöschens. Und ausgerechnet da wurde klein Tonmeister hinter die Bühne geschickt, um nach dem Rechten zu sehen.
Da stand ich nun neben Ampcity mit meinem Intercom aufm Kopf, inmitten von 80 bildhübschen Frauen in meinem Alter. Ungefähr Halbnackt.



"Woah Geil Aldaaa, Tonmeisterheaven!" Ich konnte den Satz nicht mal zu Ende denken, so schnell setzte die Schambremse ein. Wie kann man möglichst unaufgeregt wegschauen? Vor allem wohin? Damals boten Handys noch keinen Fluchtkorridor für die eigene Aufmerksamkeit, man hätte mich für bekloppt gehalten.
Klein Tonmeister tat, was er in solchen Fällen immer tut: Er setzt mittelstark düstere Miene auf . "Die Lage ist ernst!", soll auf meinem Gesicht stehen, und nicht: "Geeeeil, Titteeeen!" oder "Schaaaaam, lass mich sterben!"
Um mich herum 80 leicht gestresste Mädels die sich fleissig umzogen in Rekordgeschwindigkeit -
Ich gabs auf. Mann konnte einfach nicht wegschauen.
"Du. Darfst. Nicht. Glotzen! Aber. Auch. Nicht. Beschämt. Wegglotzen!" brüllte mein Über-Ich.
Was tun? Abwarten... Mal mit den Kollegen übers Intercom die Lage checken. Mal ein bisschen die Amps ankucken - Ui, seid ihr staubig, da schau einer.
Nachdem sich meine Aufmerksamkeit von der selbstauferlegten Überkontrolle befreit hatte und ich die Szenerie mit etwas Distanz beobachtete stellte sich ein neues Gefühl bei mir ein:
Mitleid. Pures Mitleid.
Die halbnackten, mageren Mädels froren sich auf dem nackten Betonboden in der kaum beheizten Halle ihre Ärsche ab. Man sah das ganz deutlich daran, dass sie gar keine Ärsche hatten. Sie hatten auch sonst nix. Unterwäschemodels haben keine Brüste im Sinne der männlichen Vorstellung. Mein gewichtiger Tonkollege Werner hat ja schon eine grössere Cupsize...

Ich war schockiert. Wie viele Opfer musste ein solches Wesen bringen um seinem Traum zu folgen? Welche Berufe haben ein noch grösseres Gefälle zwischen Projektion und Wirklichkeit?
Es geht gar nicht um die Räubergeschichten von Drogen, sexueller Ausbeutung oder Knebelverträgen. Der ganz normale Berufsalltag eines Models - geht gar nicht! Nicht für mich. Sorry. Die Szenerie war grotesk. So viele abgemagerte Körper hatte ich zuletzt in den Geschichtsbüchern über den zweiten Weltkrieg gesehen. Gebt ihnen zu Essen und zu Trinken, warme Socken und was Rechtes zum anziehen!
Natürlich sei dieses Schicksal selbst gewählt - im unvergleichlichen Gegensatz zu den grauenvollen Schicksalen aus den Geschichtsbüchern - und natürlich winken Ruhm, Glamour und Reichtum.
Ach, Tatsächlich?
Wissen die Mädchen wirklich was ihnen blüht, wenn sie von einer Modellkarriere träumen? Gibts einen Schnupperkurs für Models? Oder gibts nur "die harte Schule" und GNTP?

Recht nachdenklich räumte ich nach dem sprühenden Event die Kabel zusammen und fand in einer Ecke einen Haufen voller Mauspads. Hä?
Ahaaa! There's no business like showbusiness...




Sonntag, 15. Februar 2015

Neulich am Konzert: "Und Siiie? Kommen Sie denn da draus bei all den Knöpfen?"



Nur schon die Frage ist falsch. Knöpfe hab ich an der Jeans. Die Frage nach den Knöpfen ist in der Rangliste der Blödfragen etwa gleichauf mit "Bist du der DJ?" oder „Können Sie mal eine Durchsage machen?"
Kann ich. Nicht! Echt jetzt - ich mach laut und leise, der Kollege nebenan hell und dunkel. Fertig, Aus, Amen.
Oder dann die Nummer 1 unter den Fragen: „Und Siiie? Kommen Sie denn da draus auf diesem Mixdings? und mit all den Knöpfen?"


Ich habe in den letzten 22 Jahren immer mehr Antworten auf diese Frage gesammelt. Die sind natürlich nicht alle von mir :-)

"Und Siie?... Knöpfen?“
1. Ja! (und das Gespräch ist beendet)

"Und Siie?... Knöpfen?"
2. Jaaaa? (und die ironische Vorlage ist gegeben)

"Und Siie?... Knöpfen?"
3. Äh, nein. (auch eine ironische Vorlage, die aber seltener verstanden wird)

"Und Siie?... Knöpfen?“
4. Man lernt nie aus / die Hoffnung stirbt zuletzt / es ist noch kein Tonmeister vom Himmel gefallen oder "ES SIND KEINE KNÖPFE!"

"Und Siie?... Knöpfen?"
5.  Ja, also bei den Auxiliaries bin ich schon fast durch, aber die Matrixen sind mir immer noch ein Rätsel und die Solo in Place Schaltung muss ich heute Abend mal noch ausprobieren während dem Gitarrrensolo. Freuen Sie sich drauf!

"Und Siie?... Knöpfen?"
6. Meinen Sie die Encoder, die Drehregler oder die Potis? Oder die Switches, Schalter oder Taster ? Oder meinen Sie gar die Fader? 

"Und Siie?... Knöpfen?"
7. Fragen sie das den Piloten auch? (Stille...)


Also, wenn du das nächste Mal vor so einem Raumschiff Enterprise Dingens stehst, frag ganz einfach: "Was kann das?“, "Magst du das Pult?“, "Kunst oder Wissenschaft?"

Egal! Aber nicht "Und Siie?... Knöpfen?“ Denn hier ist der Punkt:
Die Knöpfe  sind so einfach auswendig zu lernen wie Telefonnummern oder Autokennzeichen. Die Frage ist also nicht wegen den "Knöpfen" falsch, sondern weil der Tonmeister seinen Job nicht erfüllen kann, wenn er nur die verdammten Knöpfe kennt. Der Tontechniker versteht nicht nur deren Funktion, sondern er HÖRT, wann er an welchem wie stark drehen muss, damit es gut klingt. (Das wäre zumindest das Ziel).

So wie der Pilot nicht fliegen könnte, wenn er nur die Funktion seiner Instrumente verstünde, genau so kann ein Tonmeister eine Show nicht fahren, wenn er nur weiss, dass der eine Regler mehr Bass macht und der andere mehr Brillianz (um es einmal ganz lapidar zu sagen).

Der Tonmeister hört quasi die Knöpfe. (Also nicht im wörtlichen Sinn, dann wäre es zu spät - fürs Mischpult.)
Ich kann auch mischen wenn ich nicht selber am Pult stehe, sondern meine Ansagen einem Helfer am Pult diktiere, der nur die Aaaargh, Knöpfe, kennt. 

Kurz: Wenn man einen Techniker langweilen will, dann fragt man: "Und Siie?... Knöpfen?

Wenn man ihn ärgern will gäbe es da auch noch:

„Machen Sie das beruflich?“















Have a mint

Tonstudio, da denkt man an Popstars, Technik, Hollywood. Alles ist vollgestopft mit edler Technik und blinkt und leuchtet. Ist auch so :-) -  aber nicht nur. Tonstudio ist auch viel Frickelarbeit, lange Tage, kurze Nächte. Eines nachts, nach gefühlten 257 Takes kam nun Sänger Steve vom Recording Room in die Regie geschlarpt um mit mir zusammen seine besten Aufnahmen auszuwählen. Steve wills genau wissen und steckt seinen Kopf in den Sweet Spot. Zu mir. Das hat nichts mit Porno zu tun, sieht aber fast so aus.
In jeder anderen Umgebung wäre diese Körperdistanz allein schon ein ein Übergriff, eine Anmassung ein Grund für Streit oder eine Einladung zum Küssen (Och Steve, lass mal). Nicht so im Tonstudio, wir arbeiten hier stundenlang buchstäblich Kopf neben Kopf. Meistens gestresst, dehydriert, übernächtigt, vor oder nach Dürüm, mit der Konzentration irgendwo zwischen Take 97 und 143 und dann meldet sich der Geruchssinn...


Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass es nichts Unangenehmeres gibt als jemanden auf seinen Mundgeruch aufmerksam zu machen. Deswegen mache ich es hier einmal als Studioregel: Esst Minzbonbons im Tonstudio. Nicht eins oder zwei. Dauernd. Immer. Trinkt viiiel Wasser.
Geht an die frische Luft ab und zu.
Dann gehts dir nicht so wie mir , als dieser alte Produzent, einmal neben mir arbeitend gesagt hat: "have a mint" - "no thanks" - "well,  you better have one"...