Sonntag, 13. Dezember 2015

Die Weihnachtsfeier

Hors d'Oevre


Es begab sich, dass die Redaktionsleitung einer Zeitung zum alljährlichen Mitarbeiterfest in Zürich lud. Ich wurde mit der Betreuung der Tonanlage beauftragt. Eigentlich keine grosse Herausforderung, aber so wie der Abend verlief, sollte er mir in dauerhafter Erinnerung bleiben.


Démarreur

Am Nachmittag nach dem Aufbau kam der Soundcheck der geladenen Musikgruppe, eine weltberühmte A Cappella Combo aus Übersee, welche sich gerade in den Charts tummelte. Sieben Sänger, ein Techniker und ein Laptop bezogen Stellung im Saal. Nach einer kurzen Zeit der Installation donnerte uns Gesang um die Ohren, als ob es kein Morgen gäbe. Beeindruckt schielte ich  auf den Laptop, auf dem - oh Wunder - ein Pro Tools mitratterte, um den Sängern etwas unter die Arme zu greifen. Mit dem Wort "natürlich", welches im Bandnamen vorkam, hatte das ironischerweise nicht mehr viel zu tun.


Wie dem auch sei, der Abend nahm seinen Lauf. Ansprache, Essen, ausgelassene Stimmung, Zwischengänge, Ansage und dann der sehnlichst erwartete Auftritt der Glorreichen - tschuldigung, "Natürlichen Sieben."

Plat principal

Klanggewaltig und thighter als Steve Gadd schmetterte uns der Beatboxsound entgegen, Sublows liessen die Weingläser auf den Tischen herumwandern und die Intonation der Chorstimmen hätte perfekter nicht sein können.

Bis... ja, bis schwupsdiwups das Klanggebilde in sich einstürzte wie ein Soufllée, dass man im falschen Moment aus dem Ofen nimmt. Von Rockkonzert zu "singen sie noch?" in 0.3 Sekunden.

Auf dem Laptop war der berühmte schwarze Bildschirm mit den chinesischen Zeichen zu sehen. Genervt fuchtelte der Bandtechniker irgendwelche Zeichen zur Bühne. Die Combo reagierte blitzartig, behauptete, sie hätte gerade keine Lust mehr auf den eben angespielten Song und intonierte  ein neues Stück. Scheinbar passierte das nicht zum ersten Mal.


Jetzt wurde es interessant: Wie klingen die live? Also wirklich live?

Gut klingen die, dass darf ich sagen, sehr gut sogar. Die können wirklich sehr gut singen - aber es klingt dann eben so, wie eine gute A Cappella Gruppe hierzulande klingt. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Der Laptop wurde in der Zwischenzeit wieder zum Leben erweckt und die Show wurde darauf mit Getöse zu Ende geführt. Die Zuschauer waren begeistert.

Dessert


Nach der Show wurde das Dessert serviert und ich hatte genug Zeit, darüber zu sinieren, wieso wir immer und überall Geschmacksverstärker brauchen. Liveplaybacks bei Konzerten sind völlig normal. Wenn ein Konzert nach CD klingt, spielt bestimmt auch irgendwo ein Laptop Teile davon mit - egal wieviele Leute auf der Bühne stehen. Es ist auch gut nachvollziehbar, dass eine A Cappella Gruppe nicht hunderte von Konzerten im Jahr in konstanter Qualität alleine mit den eigenen Stimmorganen absolvieren kann. Jeder Profisänger wird bestätigen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Aber eigentlich in allen Teilen unseres Lebens wird übertrieben: Auf Facebook und Instagram das Schaulaufen der getunten Eitelkeiten, in der Nahrung die Geschmacksverstärkerorgien, kein Bild ohne Photoshop, kein Film ohne Postpro. Überall wird nachgeholfen. Das ist auch nicht weiter schlimm, solange man sich bewusst ist, dass die persönliche Realität nix mit all dem zu tun hat. Ist halt nicht "alles so schön bunt hier". Ja, der Alltag ist schnell fad, langweilig und leer ohne Verstärkung.
So wurde denn auch bei der Weihnachtsfeier kräftig mit Alkohol an der Stimmung geschraubt. Gegen zwei Uhr morgens konnte ein Gast nur noch mit grösster Mühe zu seinem Motorrad wanken. Beherzt versuchte ich ihm ein Taxi zu empfehlen, doch der Herr reagierte agressiv und zeigte wenig Einsicht. Als er den Motor starten wollte, schnappte ich ihm die Schlüssel weg - sofort nahm er torkelbrüllend die Verfolgung auf. Glücklicherweise kam mir gerade ein Polizeiduo entgegen, so dass ich mich wieder meiner eigentlichen Arbeit widmen konnte.

Eine typische Weihnachtsfeier eben...





Freitag, 4. Dezember 2015

Ein Pamphlet gegen Lohndumping: Ich bin keine Lampe, verdammt nochmal.



Lampen und Lautsprecher haben einen Tagesmietpreis. Wird das Material länger als einen Tag gemietet, gibt es Rabatt - die sogenannten Mietfaktoren.
Freischaffende Techniker haben eine Tagespauschale - aber keine Mietfaktoren für mehrere Tage, ausser ein Auftraggeber überlegt sich, wie er noch mehr an uns verdienen könnte. Dann kommen sie manchmal auf kreative Ideen.

Letzthin kam eine Anfrage für einen viertages Job auf einem Event. Kann ich grunsätzlich sehr gerne machen. Vier Tage auf einem Job bedeutet bei uns normalerweise vier bis fünf Tage weg von zuhause (Anfahrt/Rückfahrt), man ist in einem Hotel untergrebracht, hat keine Zeit für Familie, Jogging, Hobbies oder sonstwas. Man ist dann da, hat im besten Fall noch den Laptop für den Bürokram dabei und sonst macht das ordentliche Leben mal Pause.
"Ja, bei Viertagesjobs müssen uns die Freelancer mit der Gage entgegenkommen", tönt es von der Personaldispo aus dem Hörer.  Pauschalrabatt.

Schluck.

So so.

"Dann kann ich den Job leider nicht annehmen, ich habe auf meine Fixkosten leider auch keinen Pauschalrabatt", beendete ich das Gespräch.

Veranstaltungstechniker sind eine Art moderne Taglöhner, und dies hat wohl historische Gründe, denn Freelancertum hat in diser Branche eine sehr lange Tradition. Früher war das so, dass man die Arbeitszeiten schlecht im Griff hatte, und so wurden wir seit je her auf Basis von Tagespauschalen bezahlt. Da gab es Jobs, die dauerten "nur" sechs Stunden und dann gabs auch mal Tage, die zwölf oder vierzehn Stunden dauerten. Die Tagespauschalen bildeten so eine Art Mittelmass welche dem Freelancer einerseits die Sicherheit nach einem bestimmten Tagesverdienst und dem Auftraggeber anderseits eine Art finanzieller Planbarkeit lieferten.

Je länger je mehr begannen aber die Personaldispos der Firmen, welche Freelancer anheuern, diese Arbeitszeiten zu ihren Gunsten zu optimieren. Seit ein paar Jahren werden die Arbeitstunden pro Tag bei Auftragserteilung per se aufs Maximum gesetzt. Es gibt also kaum mehr 8 Stunden Tage bei uns. Es sind immer zehn bis zwölf Stunden Präsenz. Man hat sich ausgerechnet, wann der Festangestellte billiger ist, und wann der Freelancer. Je nachdem schickt man dann den internen Mann oder sucht sich einen Freelancer. Das ist alles so weit nachvollziehbar. Aber es gibt Grenzen. Und eine dieser Grenzen heisst "Mengenrabatt". Die Tagespauschale ist ja schon eine Pauschale. Wir werden ja schon dort eingesetzt, wo das Arbeitsrecht immer wieder bis über die Grenzen strapaziert wird. Wir arbeiten auch 1.5 Tage, also 14 bis 18 Stunden und manchmal länger am Stück. Kein Freelancer wird sich selber anzeigen, weil er sich gegenüber das Arbeitsrecht verletzt hat. Es wird also nicht nur das gesamte unternehmerische Risiko auf uns übertragen sondern natürlich auch die Verantwortung über eine alfällige Selbstausbeutung.

Ein Musterbeispiel für dieses Problem findet im Moment bei vielen öffentlich/rechtlichen Rundfunksendern statt, bei welchen Produktionen ausgelagert werden müssen, weil das eben erwähnte Arbeitsrecht oder das Budget sonst nicht eingehalten werden können. Die internen Techniker dürfen gar nicht so lange arbeiten wie das nun halt eben nötig ist für bestimmte Produktionen und so werden dann private Firmen mit dem Job beauftragt. Diese wiederum heuern dann Freelancer an, welche für sich selber haften. Und dann sollten wir auch noch Mengenrabatt geben auf die Arbeitstage - ihr habt ja einen an der Waffel.

Wir tragen unser finanzielles Risiko selbst. Werden wir krank, gehen in die Ferien oder der Kunde bezahlt nicht, dann tragen wir den Lohnausfall selbst. Wir können auch keine Überstunden abbauen. Zusätzlich belastet uns, dass die Anfragen immer kurzfristiger werden ("hast du morgen noch Zeit?") - da können jetzt unsere Auftragsgeber nicht immer etwas dafür, mühsam ist es trotzdem.
Wenn dann aber die "exakten Arbeitszeiten" erst ein paar Stunden vor Get In eintrudeln per Mail, bedeutet das meistens: Es beginnt früher als angekündigt und wird womöglich dafür aber auch etwas später als ursprünglich vereinbart.  Man kann dann nur noch hoffen, dass man am folgenden Tag nicht noch ne Buchung hat, oder zumindest eine, welche sich zeitlich nicht nochmals verschiebt.

Freelancer anzuheuern ist in. Immer mehr auch in anderen Branchen. Gerade kürzlich habe ich einem Vortrag von Skype Mitgründer Morten Lund beigewohnt. Er vertrat die Meinung, dass man in Zukunft viel häufiger mit Freelancern arbeiten würde. Natürlich bezog er das primär auf Programmierer, Webdesigner oder sonstige Dienstleister, welche ihren Unterhalt alleine mit Köpfchen, Laptop und Internet verdienen können.

Die Vorteile für Firmen sind klar, tiefere Fixkosten, weniger Verantwortung für die Mitarbeiter, weniger unternehmerisches Risiko. Stolz stellte Morten seine Projekte in Bangladesh vor, bei welchen Freelancer mit Laptop ausgerüstet Programmier- und Designarbeiten ausführten.

Diese Programmierer kosten dann nicht mehr 180 Euro
auf die Stunde, auch nicht die Hälfte, und auch nicht einen Viertel. Für unsere Verhältnisse kosten die zweimal nichts. Für ihre Verhältnisse verdienen sie ein Vermögen. Und das sei Ihnen auch gegönnt. Es muss aber die Frage erlaubt sein, wer denn auch noch an ihnen verdient, und genau diese Frage stellt sich auch, wenn ich vier Tage am Stück im Auftrag einer Firma unterwegs bin.

Die Lösung? Wir müssen diese Dumpinganfragen konsequent ablehnen. Da es keinen Berufsverband gibt, müssen wir es selber machen. Jeder für sich. Dann kommt es auch zu erfreulichen Ergebnissen wie vor ein paar Tagen, als mich folgende E-Mail erreichte: "Geschätzte Freelancer, nach einer kurzen Versuchsphase mit Pauschalrabatten bei mehrtägigen Buchungen sehen wir von dieser Politik ab. Es werden in Zukunft keine Anfragen dieser Art getätigt."

Vielen Dank. Geht doch!





Samstag, 14. November 2015

Paris - Bataclan



Die Katastrophe trifft mich auf mehreren Ebenen. Wie uns alle als Mensch zuallererst, aber auch als Liebhaber von Paris und natürlich von Berufes wegen . Wie krank und fehlgesteuert kann man nur sein, so eine Tat zu planen, zu orchestrieren und durchzuführen. Mein herzliches Beilied gilt allen Betroffenen und Angehörigen.
Ich will hier auch keinen Hehl daraus machen, dass mich die Anschläge überfordern. Denn jeder noch so differenzierte und emphatische Kommentar wird den entstandenen Wunden nicht gerecht.

Aber lieber Schweigen oder wieder eine lustige Anektote vom Stapel lassen? Nope.

"Weisst du, es ist nur Musik", sagte mir ein Tonkollege, als wir uns vor Jahren über Sinn und Unsinn unseres Berufes unterhielten. Wir retten keine Menschenleben, wir entwickeln keine alternativen Energien, wir steuern nichts zur Wohlfahrt der Menschehit bei. Es ist letzten Endes Unterhaltung und wir tun gut daran uns selber nicht zu wichtig zu nehmen.

Das mag für uns als Techies stimmen, aber Konzerte sind auch ein Symbol für Freiheit, es entstehen unvergesslich schöne Momente - für Besucher beginnt dort die Work-Life- Balance. In diesem Moment stehen Konzerte also für "Leben". Und genau da haben sie uns alle getroffen. Mitten in dieses Plätzchen von Freiheit und Frieden hinein sind sie geplatzt um die tiefsten Wunden zu schlagen.

Immer wieder dachte ich mir, dass Konzerte eine Achillessehne der Gesellschaft wären. So leicht ist der Zugang, so unbeschwert und abgelenkt die Menschenmassen. Die als Security verkleideten Stagehands sind natürlich höchstens hier, um einen betrunkenen Querulanten dingfest zu machen - und wer würde schon befreit an ein Konzert unter Militärschutz gehen? Immer wieder nach Terroranschlägen kam mir in den Sinn, wie verletzlich das idyllische Open Air, das ausverkaufte Tonhallenkonzert, der Clubgig oder der öffentliche Gottesdienst sind. Und jetzt dies.

Dem Konzert im Bataclan sollten wir gedenken können ohne dass uns lähmende Angst betäubt und uns davon abhält die eigenen Plätzchen der Freiheit einzunehmen. Es ist diese Herausforderung, eine Haltung einzunehmen, welche sich der eigenen Verletzlichkeit bewusst wird, welche Solidarität und Mitgefühl beweist, aber sich die Freude am Leben nicht nehmen lässt. Es ist einmal mehr die persönliche Frage: Angst oder Liebe?


Mittwoch, 4. November 2015

Warum ich schreibe, das Tomeistertagebuch



Mein kleiner Blog ist nun gerade mal ein paar Monate alt, ein kleiner Hosenscheisser -  und ich habe grosse Freude daran. Zuerst war ich sehr unsicher, ob diese Texte überhaupt wahrgenommen würden - also auch positiv wahrgenommen würden:-)

In dieser doch eher kurzen Zeit habe ich jedoch viel mehr Resonanz bekommen, als ich je erwartet hätte und das freut mich natürlich sehr. Ich bin weder Schriftsteller noch Journalist und habe offensichtlich auch kein Lektorat, aber ich liebe es, auf diese Art kreativ zu sein und meine Erlebnisse pointiert erzählt zu teilen.

Es vergeht inzwischen fast kein Tag, an dem ich nicht auf diese Textsammlung angesprochen werde. Und immer wieder bekomme ich die Frage gestellt, was mich dazu bewogen hat, zu schreiben. Also:

Eine Bloggerkollegin hat mich vor einem Jahr auf die Idee gebracht. Ich nahm mir gerade eine kleine Auszeit und befasste mich damit, ein Hobby zu finden. Ich malte, begann zu fotografieren und da kam ich auch auf die Idee, zu schreiben. Also die einfache Antwort auf die Frage ist: Ich schreibe gerne - ich hatte das vergessen, dass ich das gerne tue. Und ich erinnerte mich, dass ich früher schon immer gerne Aufsätze schrieb (sic). Fast schon ein coming out - so etwas zu sagen.

 Die Frage stellte sich also, worüber zu schreiben.

Ich dachte mir, dass doch die meisten Menschen Musik hören, an Veranstaltungen gehen oder sonstwie mit der Arbeit eines Tonmeisters in Berührung kommen - ohne je von ihm gehört zu haben. Dazu kommt, dass wir dank unseres Berufes zwangsläufig zu einer Art wandelnder Anektotensammlung werden mit der Zeit. Eigentlich schade, wenn man es für sich behält.
Es ist so eine Art Best-of-Tagebuch geworden- für mich selbst- oder vielleicht mal für die Kinder, aber man soll da ja bekanntlich nicht zuviel erwarten.

Dann habe ich mir zu Beginn ein paar Regeln aufgestellt.

1. Ich schreibe nur etwas, wenn ich Bock darauf habe. Tschuldigung.
2. Ich diffamiere niemanden. Gerngeschehn.
3. Es ist der Tonmeisterblog, ich schreibe über meinen Arbeitsalltag. Das fällt mir zuweilen schwer, weil es mich immer wieder in den Fingern juckt, meinen Senf auch zu anderen, vielleicht wichtigeren Themen zu geben. Aber wir wollen uns mal nicht verzetteln.

Wenn es von meinen Tonkollegen auch mal jemanden in den Fingern juckt und er etwas erzählen möchte, dann bin ich immer offen für einen Gastbeitrag. Weiter bin ich immer auf der Suche nach Themen oder beantworte Fragen.  Schreib mir an: tonmeisterblog@gmail.com

Eine Regel hatte ich noch: Ich mach das nur, solange es ein schönes Hobby bleibt; verliere ich das Interesse oder gehen mir die Ideen aus, dann lasse ich es auch wieder.
Aber bis dahin lassen wir's noch ein bisschen krachen hier! Weiterhin viel Spass beim Lesen!

Euer Ton Meister






Montag, 26. Oktober 2015

Alter Haudegen oder altes Eisen?



Nach ein paar Jahren in einem Job kommt bei jedem irgendwann der Moment, in dem man zugeben darf- muss: Die Lehr- und Wanderjahre sind vorbei, man macht nicht mehr jeden Scheiss mit, dafür weiss man langsam, wie der Hase läuft.
Man lebt nicht mehr von roher Kraft und purer Motivation, sondern wird mit Routine und Erfahrung vom Sprinter zum Langstreckenläufer. Das wird wohl in fast jedem Job so sein, doch bei uns ist es etwas anders.
Schnell spürt man, die Jungspunde sind sich für nichts zu schade, scheinbar gefeit vor jeglichen Ermüdungserscheinungen und immer wieder fit in der Theorie, schnell in der Auffassungsgabe und fokussiert.
Da kann dann beim gesetzten Tontechniker schon einmal das Gefühl aufkommen, verdrängt zu werden. Der junge Kollege hat keine Familie durchzufüttern, lebt in einer WG, fährt Fahrrad, arbeitet auch mal freudig 20 h und ist sich für kaum etwas zu schade.
Keine Karriereleiter und keine Zusatzausbildungen schaffen einen messbaren Abstand zu den jungen Tonaspiranten. Ausser der mit den Jahren wachsenden Reputation ("ja, und dann hab ich noch X, Y und Z gemischt...")  gibt es keine Zertifikate oder sonst einen Leistungsausweis.

Wieso ich trotzdem keine Angst habe, gleich zum alten Eisen zu gehören zeigte mir kürzlich eine Session im Studio. Die Studentenband nahm ihren Studententechniker mit, um Geld zu sparen. Ich half die Session einzurichten und als alles soweit am Start war, zog ich mich zurück.
Im Minutentakt kamen nun die Fragen. Jede einzelne war mit einem einzigen Knopfdruck zu lösen. Alles reine Routine aus meiner Sicht. Totales Neuland für den armen Studi, welcher mit schwitzigen Händen am Pult sass. Wer mit Pro Tools auf dem Laptop arbeitet und einen 1176 nur als Plug In kennt, hat möglicherweise das eine oder andere analoge Routing noch nicht verinnerlicht....
Natürlich liess ich die Anfänger nicht alleine im Studio basteln (Liebe Mobiliar....), aber bei der zwanzigsten offensichtlichen Frage wurde mir wieder einmal bewusst, da war ich auch mal.
Und jetzt macht man das im Schlaf. Die Technik ist längst Mittel zum Zweck geworden. Produktion und musikalische Fragen, oder das, was ich auch als Recordingpsychologie bezeichne, interessieren mich viel mehr. Es ist wie Fahrradfahren. Wenn man das Gleichgewicht mal halten kann, beginnt man die Landschaft zu genissen.

Und trotzdem ist es eine Einstellungsfrage, ob man ab 40 eher zum alten Eisen oder zu den alten Haudegen gehört. Ich kenne beide Technikertypen. Es hat für mich aber weniger mit der Berufserfahung oder dem Wissen zu tun als mit der Bereitschaft zur Weiterbildung, dem Erhalt der eigenen Begeisterungsfähigkeit oder auch dem Wunsch nach fachlichem Austausch. Eine Logik, welche ich noch nie nachvollziehen konnte ist "Know-How-Management". Wem traue ich wieviele meiner Tricks an und welche bekomme ich dafür... Nennt mich naiv -  aber so habe ich noch nie gehandelt. Von mir dürft ihr alles wissen - tontechnisch, natürlich...
Tricks und Tipps nützen jedem nur so viel, wie er selber auch hören und nachvollziehen kann. Die Erfahrung eines gestandenen Technikers kann man nicht mit ein paar Kniffs kopieren. Wer sich jedoch isoliert und seine Geheimnisse hütet, muss isch nicht wundern, wenn andere Kollegen dasselbe dann auch tun werden. Alte Haudegen sind genug selbstsicher, ihre Erfahrungen weiterzugeben und im Gegenzug auch etwas von den jüngeren zu lernen. Altes Eisen muss sich wahrscheinlich irgendwann einen anderen Job suchen. Ich denke, es ist eine persönliche Entscheidung.

Dienstag, 6. Oktober 2015

Broadcast! Ich liiebe Broadcast


OK, was die Papierrolle auf dem Bild für ne Funktion hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht um die 530 Screens zu putzen, die da alle installiert sind. Ansonsten ist ein Ü-Wagen eigentlich einer meiner Lieblingsorte zum arbeiten. Das hat ganz einfache Gründe und hat auch mit meinem Werdegang zu tun. Ich habe angefangen als Tontechniker für Beschallungen: Also Konzerte, Presskonferenzen, Musicals etc.
Parallel dazu betreibe ich jedoch seit 15 Jahren ein Tonstudio und kenne auch diese Welt im Detail. Radio- oder TV- Ton zu mischen verbindet eigentlich viele Vorteile beider Arbeitsorte:

Als Konzertmischer ist man mitten im Geschehen. Man hat nur einen Versuch, es richtig zu machen. Der Moment zählt! Es ist halt so live wie es nur sein kann. Egal wie gut es herauskommt, nach dem Konzert ist es vorbei. Für immer. Egal wie schlimm die Halle geklungen hat, egal wie gut der Sänger drauf war. Irgendwann ist es aus und vorbei. Dieser Umstand zwingt einem, sich aufs hier und jetzt zu konzentrieren. Man muss extrem schnell sein, manchmal kommts mir vor wie Lucky Luke, schneller als der eigene Schatten. Man muss voraussehen, was gleich geschehen wird. Wenn das Mic bei nem Musical eine Sekunde zu früh auf ist, passiert nix (ausser der Darsteller erzählt gerade mitteilungsbedürftig intime Details hinter der Bühne). Wenn das Mic aber eine Sekunde zu spät auf ist, dann merkts jeder. Also, wer nur reagiert hat schon fast verloren:-)

Im Studio hat man soviel Zeit, wie man Geld fürs Studio hat. Auf jeden Fall hat man Zeit für mehrere Takes. Das heisst nicht, dass ich als Tonmeister einfach lustig "trial and error" spielen kann. Aber man hat soviel Zeit, dass man seriöserweise das passende Mic, den geeigneten Preamp etc aussuchen kann. Man arbeitet mit grösster Akribie in einer akustisch und technisch optimalen Umgebung. Das ist alles sehr schön, aber es kann nach 200 Vocaltakes und drei Tagen des Auswählens auch irgendwann nerven. Vom Mix ganz zu schweigen. Man kann einen Song sein ganzes Leben lang mischen, wenn man Lust hat. Meistens hab ich den Song jedoch so nach ein paar Tagen dann auch gehört und möchte zum nächsten gehen.

Broadcast ist so schnell wie live, weil eben live. Broadcast findet jedoch in einem akustisch passablen Setting statt. In der Betonhalle des Events wird es immer (!) nach Betonhalle klingen - egal, wieviel Molton man reinhängt. Es wird auf jeden Fall nie, nie, nie wie in einem Studio klingen. Ich kann im Ü-Wagen bei einer Lautstärke, die ich selber bestimme (nur schon dafür liebe ich es) unter akustisch guten Bedingungen eine exakte Arbeit abliefern, welche jedoch den Thrill des Moments hat. Das ist sehr fordernd, aber ungemein befriedigend.

Ein Studiotechniker wird möglicherweise Mühe haben, in Echtzeit 64 Kanäle zu verwalten und dabei noch das Geschehen im Saal zu antizipieren. Ein purer Konzertmischer wird dafür Mühe haben, einen  Sound zu mischen, welcher beim Hörer zuhause in Zimmerlautstärke transparent und druckvoll wirkt. Aber für mich persönlich ist diese Arbeit quasi das Beste aus zwei völlig verschiedenen Tonmeisterwelten.

Samstag, 19. September 2015

Perfect Take



Die Versuchsanordnung:

Zwei Räume mit einer Scheibe dazwischen. In dem einen Raum die Band, im anderen das Mischpult und der Produzent. Aus Gründen der Übersichtlichkeit lass ich jetzt mal den ganzen restlichen Kram weg.

Das Ziel: Der perfekte Take.

Und da haben wir schon das erste Problem: Was ist ein perfekter Take?
Nun, im besten Fall ist es ein Stück Kunst, welches originell, inspiriert und musikalisch eben stimmig ausgeführt ist. Form und Inhalt sind schlüssig,  es wirkt authentisch, transportiert Emotionen und so weiter - die typische Weihnachtsmannwunschliste eines Produzenten eben. Dabei ist es völlig egal ob es sich um ein Jodlerchörli oder eine Punkband handelt. Wenn die Musik berührt und nichts diesen Genuss stört, dann ist es eben der perfekte Take. Punkt.

Man erkennt diesen Take übrigens häufig an einer wohligen Gänsehaut beim Zuhören, oder wenn man mit dem Kopf mitnicken muss oder der Fuss von selbst mitstampft. Oder eben diese Form von Begeisterung, die einem fast aus dem Sessel haut. Ich reagiere körperlich auf einen perfekten Take, es ist eine Art musikalischer Orgasmus.

Leider, ja leider sind Produzenten aber häufig mit anderen Emotionen konfrontiert:
Fluchtreflexe, Ratlosigkeit oder gar Konsternation wegen dem Produkt, welches sich durch die ganze Technik hindurch auf die andere Seite der Scheibe zwängt.  Manchmal muss man die Latte halt tiefer hängen, wenn Anspruch und Wirklichkeit sich nur noch aus der Ferne zuwinken.

Ja, und dann editiert sich der Produzent in der Postpro den perfekten Take halt eben selber zusammen. So eine Art musikalische Masturbation -  nur wesentlich anstrengender Und wie im richtigen Leben gilt, dass es im Teamwork mehr Spass macht und besser wird als im Alleingang.
"Teamwork makes a dream work", wie ich kürzlich von Jessie J gelernt habe. Bei einer Pressekonferenz übrigens- keine Spekulationen jetzt...

Der Produzent trägt in diesem Team die Verantwortung für das Endprodukt und hat dieses Mandat häufig von der Band oder deren Plattenfirma direkt bekommen.
Er muss auf Teufel komm raus ein gutes Produkt abliefern, wobei der kommerzielle Erfolg letzten Endes entscheidend ist. Es nützt also nix, den perfekten Take eines schlechten Songs zu haben. Es geht auch nicht, einen perfekten Mix einer uninspirierten Aufnahme versuchen hinzumischen.

Die Aufgabe des Produzenten ist also, die Band zur bestmöglichen Performance hinzuführen. Es ist übrigens eine Aufgabe, welche mit steigenden kommerziellen Ansprüchen immer schwieriger wird.
Es ist also überhaupt nicht so, dass es komplizierter ist, eine talentierte Schülerband frisch und gut klingen zu lassen als einen Top Act - manchmal ist das Gegenteil der Fall.

Dafür gibt es  einige Beispiele. Von U2 gibts eine wunderbare Doku, bei welcher sich Bono sichtlich in Grund und Boden schämt, als die Spuren des Albums einzeln abgespielt werden. Vom Produzenten Bob Rock erzählt man sich die Geschichte, er hätte Bon Jovi drei Tage lang ein einziges Wort singen lassen, bis es zufriedenstellend im Kasten war...

Wenn der Produzent hinter der Scheibe also sagt: "Das war schon ganz gut, aber das geht noch besser". "Versuch mal, weniger zu spielen." "Das ist eine geiles Lick, aber kannst du mir noch etwas anderes anbieten"..., dann heisst das nichts anderes, als dass es noch nicht der perfect Take war.







Montag, 31. August 2015

Berufsberatung

Wöchentlich flattern bei mir Blindbewerbungen ins Studio.
"Die Liebe zur Musik führte zum Wunsch, mein Hobby zum Beruf zu machen, und so möchte ich gerne Tonmeister werden..." steht da immer wieder so oder in ähnlicher Form.
Je nach CV lade ich die Jungs (ich habe fast nur männliche Bewerber), dann zu mir zu einem Gespräch ein, und ab und zu kommt es tatsächlich dazu, dass jemand bei uns ein Praktikum absolvieren darf oder Assistent wird.
Doch bevor es soweit ist, muss ich die Interessenten etwas über die Realität aufklären. Hier ist mein virtueller Antwortbrief.


Lieber Tonmeister in Spe,

vielen Dank für deine Bewerbung, welche ich mit Interesse gelesen habe.

Ich darf vorweg nehmen, dass es ein fantastischer Beruf ist, abwechslungsreich, voller spannender Möglichkeiten, und natürlich für manch einen recht exotisch. "Und was machen Sie beruflich?", ist ein oft gehörter Satz, wenn man als One-Man-Show den Techniker in irgendeiner Laienproduktion gibt. Einmal davon ausgegangen, dass die Frage nicht rethorisch gemeint ist, weil man gerade die P.A. in die Luft gejagt hat, darf man ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass sich die meisten Menschen in unseren Breiten nichts unter unserem Beruf vorstellen können. Und das macht nichts.
(Man beachte dazu auch meinen Post: "Und Sie, kommen Sie da draus bei all den Knöpfen?")

Vielleicht hast du jetzt gestutzt bei "Laienproduktion". Ich liebe diese Produktionen, weil diese Menschen in aller Regel sehr dankbar sind, und man für seine Arbeit und Professionalität geschätzt wird. Immer wieder entstehen Freundschaften oder zumindest schöne Erinnerungen, weil da mit viel Hingabe und Herzblut gemeinsam an einem Projekt gearbeitet wird. Live wie auch im Studio.

Wir hören also nicht nur Kompressoren Ratios und Thresholds oder falsch eingestelle Gates, EQ's und Nachhallzeiten, Phasenprobleme oder halb defekte Mics. Wir kennen uns nicht nur mit Hardware und Software aus. Nein, denn das ist ist nur Handwerk, oder "Ohrwerk". Die Herausforderungen sind ganz anderer Art.

In erster Linie stehen wir für Sicherheit und verbreiten Ruhe, wenn es rundherum abgeht wie Sau. Wir behalten den Überblick und sind entspannt bei der Sache.

Wenn ein Sänger falsch intoniert, dann können wir häufig sagen, ob es ist, weil er sich selber schlecht hört, ob er aufgeregt ist oder stimmlich etwas überfordert. Für jeden dieser Fälle hat man mit der Zeit Lösungsansätze, welche helfen (können :-) ).

Wir wissen, was Musiker auf ihren Monitoren hören wollen und machen eine passende Voreinstellung. Und wir sind selbstverständlich bereit 1000 Mal diese Einstellung anzupassen, bis der Musiker dieses unverkennbare Lächeln trägt.

Wir fangen die Fehler anderer ab, bevor sie überhaupt bemerken, dass da etwas schief läuft und wir machen das selbstverständlich, ohne gerade die Ehrenmedaille zu erwarten. Und mindestens so wichtig: Machen wir einen Fehler, schieben wir es nicht aufs Equipment. Wir bleiben transparent, suchen keine Ausreden, und wir behaupten nicht etwas zu können, wovon wir in Wirklichkeit keine Ahnung haben. Als Hochstapler wird man sofort entlarvt, denn unsere Leistung ist immer sichtbar, bzw hörbar.

So vermitteln wir Sicherheit, so entsteht das Gefühl beim Kunden "Nie mehr ohne diesen Techniker".
Und ganz wichtig, wir tun das mit Geschmack und Stil.

Es geht also nicht nur um Musik. Es geht nicht nur um Technik. Es geht um die Arbeit mit den Menschen zusammen. Wir sind keine Sachbearbeiter. Wir sind keine Freaks. Wir sind auch keine Psychologen (auch wenn da Parallelen sind). Wir sind keine Kreativen, aber auch nicht unkreativ. Wir sind "in between". Und je nach Präferenzen oder Talent treibts einem dann mehr in die Entwicklung von Geräten, ins Operating, ins Recording oder was auch immer.

Aber Vorsicht, der Werbeblock ist vorbei.

Ich muss dich warnen, wer sein Hobby zum Beruf macht, wird mit Sicherheit dieses Hobby verlieren,  und im schlimmsten Fall auch "die Liebe zur Musik".
Es ist nicht ausgeschlossen, dass du dich selber verwirklichen kannst und sich deine Träume erfüllen, aber die Chancen sind gering, dass du GENAU DAS, was du liebst, zu deinem Brötchenwerberb machen kannst, und dass du dies bis zu deiner Pensionierung lieben wirst, steht nochmals auf einem ganz anderen Blatt.
Die Frage, die sich stellt, ist also: Was genau stellst du dir unter idealen Bedingungen vor zu tun - und welchen Einsatz bist du dabei bereit zu leisten. Denn dieser wird unverhätlnismässig viel grösser sein als in einem "normalen" Beruf. Ich weiss wovon ich spreche, ich hatte früher auch mal einen.

Beispiel:
Du liebst es Hip Hop Beats zu produzieren? Das ist toll, aber jetzt mach mal 20 Beats + pro Woche ein ganzes Jahr lang. Immer noch cool?
Nun ist es aber leider so, dass du dann nicht Tonmeister bist, sondern Musiker oder Musikproduzent - die Grenzen verschwimmen da immer mehr.

Beispiel 2:
Du liebst es, Songs zu mischen? Ich auch! Aber bist du bereit, 3/4 der Zeit im Audio Editing zu verbringen und tagelang an Pitch und Timing zu feilen? Bist du dir bewusst, dass du von Tag 1 an mit Chris Lord Alge verglichen wirst?
Bist du dir auch bewusst, dass du nicht gleich "Muse" oder (die Band deiner Wahl) mischen wirst, sondern möglicherweise Musikanten, welche dir das Blut in den Adern gefrieren lassen?

Dann kommt aber noch etwas ganz anderes dazu: Der wirtschaftliche Zwang, Geld zu verdienen mit seinem Hobby, dass es ja nun nicht mehr ist. Das Problem bei Berufen wie dem unseren ist, dass wir ihn von Beginn an zu einer Herzensagelegenheit machen und dann womöglich wahnsinnig enttäuscht sind, wenn sich unsere tatsächliche Tätigkeit nicht mehr mit den ursprünglichen Vorstellungen deckt. "Wo bin ich denn da gelandet"...

Bist du bereit, die obligaten 10'000 Stunden an Lerntätigkeit zu investieren, ohne Garantie darauf, dass du danach tatsächlich deinen Lebensunterhalt bestreiten kannst?

Bist du bereit, dein soziales Leben aufs Spiel zu setzen, weil du (vor allem in der Eventtechnik) eigentlich immer dann arbeitest, wenn die anderen Feierabend haben oder im Ausgang sind?

Bist du bereit, dich immer wieder von Neuem beweisen zu müssen und ständig weiterzubilden?

Wieso sich nicht den Luxus einer zweckbefreiten Beschäftigung gönnen? Wieso sich nicht ein Stück Freiheit behalten und sich in seiner Freizeit dem widmen, was einem wirklich wirklich interessiert?

Willst du im Ernst deine Herzensangelegenheit aufs Spiel setzen, nur um davon leben zu können?

Wenn ja, dann herzlich Willkommen im Club! Es ist ein traumhafter Traumberuf. Ich würde nie mehr tauschen wollen!



Mittwoch, 29. Juli 2015

Apple - in den sauren Apfel beissen?

Mag sich noch jemand an den Badetaschemac erinnern? G4 - ich startete damals mein erstes Projektstudio und ein PC war für die Musikproduktion zu dieser Zeit keine Option, also war der G4 das Produkt meiner Wahl.
Nun gut, ich blieb der Marke treu bis heute, aber eher, weil die Apfelfirma es geschafft hat, Abhängigkeiten zu schaffen statt  mich laufend neu zu überzeugen. Selber schuld?  Vielleicht - Es sind zweifelsohne gute Produkte, aber die Apple-Politk nervt immer wieder in verschiedener Hinsicht.

Der G4 damals war mit USB Ports versehen, der letzte Schrei! USB! 127 Devices konnten adressiert werden. Damals dachte ich, "wer braucht schon 127 Mäuse?" - was anderes gabs ja kaum. Schnell war ich jedoch überzeugt. Das ist ne gute Sache, diese USB Ports.
Einige andere Anschlüsse oder auch das Diskettenlaufwerk wurden abgeschafft. Dieser Politik wurde auch beim neuesten Wurf der Computerschmiede Rechnung getragen. Konsequenterweise hat er nun nur noch einen (1!) Anschluss.
Es sieht dafür super aus, diese Mac Book, ich gebs ja zu. Aber ein Anschluss für alles?
Einer für alles, alles mit einem? Das kann jetzt nicht euer Ernst sein, oder? OK, ein First World Problem, nun gut. Aber ein First World Produkt sollte ja nicht auch einen Rattenschwanz an Problemen mit sich ziehen, oder?

Was ich so benötige den lieben langen Tag:

Einen externen Bildschirmanschluss, am liebsten HDMI.
Mindestens einen Thunderbolthub für portable Audiointerfaces etc.
Einen Netzwerkanschluss, nicht fürs Internet, aber den ganzen anderen Kram, der dort drüberläuft.
Einen Audioausgang, bitte. (Einen Input verkneif ich mir jetzt mal...)
Einen SD Card Reader für's Zoom Recording Gerät, oder was auch immer.

USB...
USB-Ports für x Dongles, eine Pro Tools Tastatur, eine MIDI Tastatur und einen MIDI Controller, womöglich noch einen CD Brenner (jaa, es gibt Kunden, die möchten das noch so old-fashioned), das RME MADIFACE, einen Cardreader und natürlich möchte ich gerne mein Telefon mit Strom versorgen können, wenn ich damit on the road ins Internet muss. Ach ja, manchmal möchte man ja auch noch eine externe HD anschliessen, weil die interne ja grundsätzlich randvoll ist (hat jemand was von Backups gesagt?)

Man stelle sich nun diesen Adapterwald vor, wenn man über einen einzigen Port gehen muss. Wenn ich die alle auch noch in meine Kosten-Nutzenrechnung miteinbeziehe, dann wirds einfach verdammt eng für dieses Gerät. Bleibt einem nur, sich für das Mac Book Pro zu entscheiden, aber USB Hubs und Adapterschlacht sind auch dann nicht zu vermeiden.

Dass dafür schon länger kein Kensingtonschloss mehr benutzt werden kann und nun auch der magnetische Stromanschluss abgeschafft wurde setzt dem Mac Book Frust dann noch die Krone auf.

Das neue Macbook ist also nichts für mich. Auch wenn es das beste Macbook aller Zeiten ist. Muahahahaa! Ich warte lieber auf bessere Zeiten...


Dienstag, 21. Juli 2015

Italianità

Wie ich schon früher erwähnte, verschlägt es einen Tontechniker manchmal an exotische Veranstaltungen.
Da es schon ein paar Jahre her ist - verjährt, sozusagen - erlaube ich mir nun eine kleine, realsatirische Episode zu kredenzen.

Ich wurde in ein italienisches Restaurant bestellt um dort meine Technik aufzubauen. Klein aber fein installierte ich Lautsprecher, Mischpult und den ganzen Kram und wusste bis zum Soundcheck nicht so genau, was mich eigentlich erwarten würde.
Da kam der Sänger, bekannt aus Funk und Fernsehen, dessen Name mich immer an eine Eissorte erinnert hatte, und wir checkten alles fein säuberlich.



Es war eine CD Taufe und zufällig auch noch sein runder Geburtstag, ein grossartiges Fest sollte es also werden. Eines, dass allen lange in Erinnerung bleiben sollte (Was es dann auch tat, nachträglich).

So fanden sich am Abend die schick eingekleideten Damen und Herren in diesem sehr italienischen Ristorante ein, und der perfekt geplante Abend nahm seinen Lauf.
Geladen waren Plattenbosse und eine Horde Journalisten - wohl in der Hoffnung auf positive Berichterstattung.
Aber es waren auch die Familienmitglieder des italienischstämmigen Künstlers zugegen, Eltern, Geschwister und "Paten", wobei Al Pacino und Marlon Brando nicht weiter aufgefallen wären in diesem Setting.
Die Szenerie erinnerte mich immer wieder  "The Godfather", es war, als würden sich alle Vorurteile an einem Abend bestätigen. Italienischer kann man nicht feiern.
Man liess es an nichts mangeln. Das Essen war üppig, der Mocken Rindsfilet so gross, dass einige Gäste ihn nicht zu bewältigen vermochten. Spätestens beim Dessert waren auch die besten Esser überfordert.
Doch das Grande Finale sollte erst noch kommen. Nachdem der Sänger seine Songs vorgezeigt hatte, kam sein kleiner Bruder und sang, und dann la Mamma und sang, und dann sangen alle zusammen, und dann hätten wir wohl auch noch alle mitsingen sollen... Einige Gäste hatten Mühe, das Fremdschämgesicht zu kaschieren - die, sagen wir - seeehr italienisch-romantische Musik hätte "passender" nicht sein können. Der excellente Barolo musste wohl bei manchem als Beruhigungsmittel herhalten. Was in Napoli eine ganz normale CD-Party gewesen wäre, verkam in der Zwinglistadt zum Culturerclash.

Ich beschloss, diesem speziellen Abend keine weitere Bedeutung zu schenken - bis ich zufällig den hämischen Bericht eines Journalisten über eben diesen Abend las. "Ja, genau so wars", lachte ich und dachte die realsatirische Begebenheit hätte somit ein Ende gefunden.

Das Finale Grande kam jedoch erst einen Tag später. Der Sänger, höchst erbost über die Schelte seines Festes, fuhr mit einem wirklich teuren Mercedes in die Nachrichtenredaktion. Hinein. So mit Kabumm und so. Warf seine CDs in die Ruine und beschwerte sich lauthals über den bösen Schreiberling, bis er verhaftet wurde. Natürlich wurde in der Zeitung wieder ausführlichst darüber berichtet.

So bekam die ganze Vorgeschichte nun noch ein handfestes satirisches Moment, welches sich keiner so hätte ausdenken können.  Ich musste mich fragen, ob "der Pate" die Probleme nicht doch auch ähnlich gelöst hätte...

Jedesmal, wenn ich nun so eine Gelati esse, kommt mir diese Geschichte in den Sinn... Aber an die CD kann ich mich nicht erinnern, sie wurde kein Hit.





Sonntag, 14. Juni 2015

Samstag Morgen auf dem Studioklo

Als wir unser Tonstudio bauten haben wir keine Kosten und Mühen gescheut. Dementsprechend gut ist es akustisch isoliert und lässt auch sonst kaum Wünsche offen. Bei den Sanitärinstallationen ging uns dann aber leider die Kohle aus und so wurden da nur noch mit M-Budget gebaut. Das stille Örtchen war zwar still, aber halt sehr klein, so klein, dass man alleine knapp drin stehen kann um sich "in Position" zu bringen (also sich hinzusetzen ;-) )

Da war ich nun also mit einer Kundin verabredet am Samstag Morgen. Ich war alleine im Studio und bereite die Session vor. Zufrieden mit mir und der Welt ging ich noch schnell aufs Klo und schloss die Tür ab, so wie man das aus Gewohnheit tut. Als ich wieder aufmachen wollte, öffnete die Tür. Nicht.

Schloss kaputt. Eingeschlossen auf dem kleinsten Klo der Welt. Äh.. Handy? Lag in der Regie. In 10 Minuten kam die Kundin. Nochmal drehen - nix. Nochmals, nochmals, nochmals. Nix, nix, und wieder nix. Das Schloss drehte leer und war nicht mehr in der Lage, den Riegel zu bewegen.

Emily (ja, so hiess sie wirklich!) wird läuten, 10 Minuten warten, mich anrufen, und danach wieder gehen. Ich sah mich schon mein Wochenende im klaustrophobischsten aller WCs verbringen zu müssen. Bis am Montag morgen ein Assistent kommen würde - oder auch nicht. So genau wusste man das nie.

Ich sah mich die nächsten zwei Tage das Wasser aus der Kloschüssel trinken. (Immerhin hatte ich ein Klo - ha ha).

Isolationshaft.

Panik. (Ja, ich bin auch so ein Flug- und Platzangst Mensch)

Ich entschied mich, die Türe aufzudrücken. Aha, die Türe geht nach innen auf. Schlecht.
Ich versuchte sie aufzureissen. Riss den WC Rollenhalter ab um ihn als Hebel zu benutzen. No way. Die Billigtüre war leider stabiler gebaut als das Schloss. Wie ein wild gewordener Affe zerlegte ich alles an der Türe, was irgendwie einen Weg nach draussen versprach, und verletzte mich dabei natürlich auch noch selber im Adrenalinrausch.

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte ich nochmals entnervt am Schloss. Tadaah! Das Gerüttel hatte offensichtlich einen positiven Einfluss auf das Innenleben des Schlosses gehabt. Ich war frei! Mein Hormonhaushalt machte noch zwei Loopings und dann läutete es auch schon.

Emily war zum Glück etwas verspätet. Den Schlüssel habe ich eigenhändig zerstört. Stattdessen hats jetzt einen einfachen Holzriegel zur Wahrung der Privatsphäre...

(Und ja, ich gehe nie mehr ohne Handy aufs Klo:-) )


Mittwoch, 3. Juni 2015

analog- digital, voll egal ?

Ich habe mich über die vielen Kommentare bei meinen Firmware-Post sehr gefreut. Vielen Dank! Es mag möglicherweise den Anschein erweckt haben, ich sei ein sentimentaler Audiofolklorist.
Bin ich nicht. Ich war immer sehr aufgeschlossen neuen Technologien gegenüber und bin es bis heute. Ich arbeite seit 1992 mit Computern und Musik -  Atari ST -  Cubase, dann Logic 4.0... (Niemand will dorthin zurück - also ich ganz bestimmt nicht). Ich verwende heute noch ein digitales Pult von Yamaha, das 03D, Firmware von 1997.  Das ist jetzt audiophil nicht das Gelbe vom Ei, aber es ist noch nie abgestürzt und läuft wie am ersten Tag. Nur die Preamps sollte man mal recappen :-)...

Ich bin also kein analog Fetischist, aber die Zuverlässigkeit neuer Systeme lässt zuweilen doch etwas zu wünschen übrig und deswegen schrieb ich ja auch den Post "Firmware from Hell"

Interessanterweise wird bei "analog-digital" immer auch gleich über die Klanqualität diskutiert. Aber es gibt noch viele andere Kriterien. Die einen sind Fakten (Kanalzahl, Gewicht, Preis etc) die anderen weniger griffig - Workflow, Struktur, Übersichtlichkeit, Zuverlässgikeit, Road-tauglichkeit etc.

Es gibt eben alles:

Supergeil Analog         I         Supergeil Digital
                                     I
--------------------------------------------------------------
                                     I
Voll Scheisse Analog   I        Voll Scheisse Digital


In diese Grafik  kann man nun alle möglichen Qualitätskriterien des jeweiligen Equipments reinschreiben. Klang, Worklflow, Stabilität etc.

Was ich damit sagen möchte: Man sollte keine Äpfel mit Birnen vergleichen. Supergeil (und suuuperteuer) analog wird klanglich wohl auch heute noch alles Digitale schlagen. Aber halbgut analog... oje..- man verschone mich damit...
Dazu kommt, dass viele Produktionen im Eventbereich, und eigentlich auch im Studio, nicht mehr durchführbar wären mit analoger Technik. Es wird alles immer grösser und komplexer - bis vielleicht aufs Streichquartett Recording oder die Arbeit im  Masteringstudio. Also was muss man den tun, damit digital möglichst angenehm klingt?



Ein paar (zum Teil schon recht alte) Tipps, gelten für Live und im Studio:

-Gain-Struktur:  Kanäle auf - 18 dB Fs auspegeln (bei Soundcraft auf 0dB), "gelb" ist bei digital das neue "rot".

-Interne Busse und Plugins niemals überfahren.

-Nichts klingt digitaler als digitales Clipping.

-Eine sehr gute Wordclock hilft jedem digitalen System -  bzw schadet nicht.

-Unnötiges hin und her Wandeln vermeiden. (Ich habe den Direktvergleich gemacht mit Digitalpult und digitalen Amps in einem Theater. Einmal analog aus Pult in den Amp rein und einmal digital aus dem Pult in den Amp rein. Das zweite klang massiv besser.)

- Höhere Taktraten (96kHz, 192 kHz) klingen meines Erachtens immer besser als tiefe (44.1 kHz, 48 kHz). Der Qualitätsunterschied wird leider sogar mit jedem eingeschlauften Plugin grösser. Es geht darum wohl weniger um die Auflösung alleine, sondern um die Fehler der Plugins. Aber das ist wirklich nur eine Vermutung.
 
-Der Sound sollte vor dem Wandler schon stimmen. Digital ist grundsätzlich neutraler in der Klangverarbeitung, wer also harmonische Verzerrungen will, mache dies zum Beispiel mit einem analogen Preamp/Kompressor etc: Röhren, Trafos, Tape,  was auch immer, helfen, den "digitus" zu beseitigen. Natürlich muss man dann schon im Voraus wissen, was man will :-)



Digital klingt nicht per se steril, sondern analog klang grundsätzlich schon immer eher obertongeschwängert. Da es bei moderater Anwendung nicht Obertöne im kHz-Bereich sind sondern im Mittenbereich, empfinden wir den Sound dann als "warm" (auch wenn ich mit solchen Adjektiven sehr vorsichtig bin)

Man wird also den digitalen Pulten immer mehr beibringen, analoger zu klingen. Das hat den schönen Vorteil, dass man dann auch wählen kann zwischen Neve, API oder SLL- Style ohne immer gleich Unsummen für ein Pult dieser Marken auszugeben.

Bis dahin tut jeder gut daran, seinen Sound selber so zu gestalten, dass er nicht auf ein Mischpultklangwunder angewiesen ist.







Freitag, 29. Mai 2015

No Show wegen no shows?

Da waren wir nun, in einem Luxushotel in Zürich. Alles stand bereit, schöner Event, schick angezogen, in Anzug und Krawatte.  Da kam der Kunde mit steinerner Miene und erklärte uns, dass der Event möglicherweise nicht stattfinden könne, weil die Polizei mal schnell ein paar Boardmembers verhaftet habe.

Hoppala.

Das passiert zugegebenermassen doch eher selten. Warum ausgerechnet bei diesem Verband, der sich den Weltfrieden vom Fussball verspricht? (Man könnte an dieser Stelle auch eine Diskussion über mögliche Willkür ausländischer Behörden lostreten, aber das masse ich mir nicht an. Trotzdem, ziemlich ironisch, das Ganze.)

Es zeigte mir einmal mehr, dass Eventtechniker manchmal näher am Geschehen sind, als ihnen möglicherweise bewusst ist.

Und weil alle Events Tonmenschen brauchen ist vom Hells Angels Festival bis zum World Economic Forum die ganze Bandbreite an Brennpunkten vorhanden. Wir sitzen auch dann noch im Saal, wenn man die Journalisten schon lange nach draussen begleitet hat. Geschlossene Gesellschaft - und ein paar Techies - sonst niemand.

Als Tonmeister bedient man dabei immer wieder Kreise, welche mit der eigenen Ausrichtung so gar nichts zu tun haben. Manchmal ist es lustig oder lehrreich an solchen Events, manchmal ist es auch etwas langweilig, aber ab und zu ist es schlichtweg widerlich. Manchmal möchte man am liebsten wie an den Oscars das Mic zudrehen und die Musik einfaden.

"Für wen arbeite ich da eigentlich genau? In wessen Dienst stelle ich mich?" Es geht nicht darum, mich hier wichtig zu machen und es geht auch nicht darum, aus dem Nähkästchen plaudern zu können. Es ist eine persönliche Frage. Manchmal ist es eine Gewissensfrage. Welche Informationen werden durch mein Mic in die Welt hinausgetragen? Gewisse freischaffende Kollegen sind in dieser Angelegenheit völlig schmerzfrei, aber wer über den eigenen technischen Tellerrand schaut, kommt früher oder später unweigerlich in einen inneren Konflikt. Hab ich denn überhaupt eine Wahl, für wen ich arbeite? Job ablehnen bedeutet Lohnausfall, Kundenverlust...!

Ich finde, ich habe eine Wahl:
Da war diese Band im Studio mit den rechtsradikalen Texten. Oder der esoterische Wunderheiler mit seinem  -sagen wir mal- möglicherweise etwas manipulativen Hörbuchtext. Die habe ich alle nachhause geschickt. Sorry, nicht mit mir. Das geht zu weit.

Aber wie ist das mit der Wahlkampfveranstaltung der Partei, die ich niemals wählen würde?
Wie ist das mit der GV der Bank, die immer wieder Milliardenbussen bezahlen muss? Wie ist das mit einem Fussballverband, der zulässt, dass in Katar womöglich hunderte von Gastarbeitern ihr Leben lassen werden für eine WM-Infrastruktur?

Der hübsche Event im Luxushotel fand übrigens trotzdem statt. Man sprach über den völkerverbindenen Sport und Fussball als Religion bis die Journalisten den Saal verlassen mussten.
Ein paar Stühle auf der Bühne blieben leer. Ich weiss auch nicht genau, wieso. Geht mich ja nix an... oder doch?
Wie würdest du entscheiden?




Montag, 25. Mai 2015

Firmware Update from hell

Ich kann den Post nicht anders beginnen: Früher war alles besser.
Da hatte man ein ein analoges Mischpult mit 48 Inputs (350 kg), ein paar Sideracks (200kg) ein analoges Multicore (je nach Länge auch nochmals 200kg).
Ein Fader, ein Taster oder ein Poti hatten je eine Funktion, ein Blick aufs Pult beantwortete alle Fragen. Input 1 war auf Kanal 1 (was sonst?),  Input 2 war auf Kanal 2 etc ... Ich denke, diese Logik ist, ähm - logisch. War auch nötig, weil es sonst schnell etwas unübersichtlich wurde:


Man wusste: entweder es spielt, oder es spielt nicht. Wenn nein hatte man zwei Möglichkeiten: Voltmeter und Lötkolben rausholen oder ganz einfach neues Equipment ordern. Soweit so gut. Dann kam digital. Das Zeug ist zwar keine 200 kg mehr schwer, kann aber zehnmal soviel und kostet dafür  nur einen Viertel. Sehr geil! Aber wehe, weeehe, es spielt nicht.

Wir Tonmeister haben uns daran gewöhnt, dass ein Fader auf einem digitalen Pult knapp 200 Parameter anzeigen kann. Wir haben uns an Touchscreens gewöhnt, welche unlesbar sind bei Sonnenschein, wir haben uns halbwegs daran gewöhnt, dass wir neben dem analogen Patch nun noch eine digitale Matrix managen, die auf jedem einzelnen Gerät nochmals einzeln gepatcht werden will. An was ich mich irgendwie nicht gewöhnen kann: dass ich zum Third Level IT Supporter werden muss, um Ton auf meinem Pult zu haben.

Da hatten wir kürzlich diese Produktion, da war ein digitales Setup mit zehn Komponenten. Das Pult kam aus Norddeutschland, die Switches von der Firma W, die Wandler von den Firmen X und Y und der Ü- Wagen von der Firma Z. Die Marke der Audiokomponenten war zwar überall die gleiche - wir sind ja nicht blöd -  aber was nun folgte war eine Workshop zur Erweiterung der Frustrationstoleranz.
Da wir ja wie gesagt nicht blöd sind, haben wir das Firmware Update 3.0  (nagelneu ;-) ) im Vorfeld nicht aufgespielt auf unsere Komponenten, weil a) 2.0 sich bewährte und man b) einen Termin bestimmt hatte, an welchem dann alle Firmen gleichzeitig updaten, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Guter Plan. Hatten leider nicht alle Firmen mitbekommen, doof aber auch.

Das Pult war halt nun doch schon auf 3.0 und hatte überhaupt keine Lust mehr, mit der eigenen Peripherie zu sprechen. Das arme Pult litt an digitalem Autismus. Es sah die anderen Teile, aber man konnte diese nicht fernsteuern, wie man das hätte können müssen... und so blieb uns nur eines, nämlich alles andere auch mit 3.0 zu versehen. Irgendwo in der Pampa mit Internet über Iphone ging die Suche nach den Firmwares los. Pro Device vergeht dann gut und gerne auch einmal eine halbe Stunde bis es aufgespielt ist - wenns denn läuft. Bei gewissen Teilen gings dann erst beim zweiten oder dritten Anlauf - oder überhaupt nicht. Gulp. Auszug aus der Anleitung: "Wenn das Update nicht erfolgreich war wenden sie sich bitte an den Händler"  - am Freitag Abend um 22.00 Uhr ein etwas schwieriges Unterfangen.

Nachdem wir dann schlussendlich die nötigsten Teile am Start hatten kam die grosse Überaschung: Es lief nicht. Nun ging die Fehlersuche erneut los. In der Gegend rumtelefoniert, Krisensitzungen abgehalten, Plan B und C abgecheckt, Setup auseinandergenommen, verkleinert, Fehler suchen, langsam an sich selber zweifeln und den Soundcheck verpassen...
12 Stunden später entscheiden, dass man jetzt doch mal schlafen geht, ein nicht funktionierendes Setup in der Halle stehen hat und weiss, dass es in zwölf Stunden laufen muss.

Anderntags reservierten wir ein Ersatzsetup, und dann wurde weiter rumprobiert. Irgendwann kam mein Kollege auf die Idee, das Pult nochmals mit der 3.0 zu bespielen... 11.30 Uhr, Tadaaah, es funktionierte! Man hatte uns offensichtlich ein Pult mit korrupter Firmware geliefert.
An das hatte niemand gedacht. Und es war ja auch nicht offesnichtlich - das Pult lief! Es war nur etwas autistisch und dies wegen inkompatibler Firmware der Peripherie - das war aber offensichtlich nur ein Teil der Wahrheit. (Murphy, wenn ich dich mal treffe, dann... dann... grmbl)

Und genau hier liegt das Problem bei dieser Art Arbeit - die Grenze zwischen Equipment Maintenance, Support und Setup verschwimmen. Wo fängt bei dieser Art Problemen meine Pflicht an und wo hört sie auf? Und wer löst denn das Problem auf Platz wenn nicht die Tonmenschen, die eigentlich ganz etwas anderes zu tun hätten? An dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön an all die lieben Kollegen, welche die eigene Arbeit haben liegen lassen um mir aus der Patsche zu helfen!
Wer glaubt, digital läuft oder läuft nicht, irrt. Digital verarscht einem. Läuft so ein bisschen, zeigt mal ein Error hie und da. Man rebootet und der Fehler ist weg, oder man rebootet und es läuft schlechter. Und so weiter. Bei gewissen Pulten freezed das Surface während der Show für ein paar Sekunden, dann heisst es "Finger weg". Es erholt sich dann wieder und man darf weiterarbeiten... Ein analoges Mischpult hab ich noch nie abstürzen sehen. (Ausser beim Truck beladen - aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Liste ist endlos. Die Systeme werden immer grösser und dafür auch instabiler. Der Wettbewerb der Mischpultfirmen macht den User zum Betatester und es gibt kaum noch eine Produktpräsentation, welche nicht mit dem Satz endet: "Zur Zeit kann das Pult leider noch nicht ... bla bla bla, aaaber beim nächsten Firmware Update kann das Pult dann auch noch x, y, und z, Kaffee kochen, staubsaugen und die Lottozahlen vorhersagen...."

Das ist alles sehr lieb von euch. Ich möchte aber eigentlich nur eins: dass es läuft. stabil läuft.verlässlich und unkaputtbar. Ohne dass ich mich um solchen Kram kümmern muss.

Dabei gings doch mal um Musik, ums Klangbild, um Tiefenstaffelung, Räume und Levels. Ach, ich Romantiker. Es geht um IP-Ranges, Device ID's und Firmware Versions. Um digitale Matrix, Routing, Patches und Setups.

Ja früher, früher war alles...








Sonntag, 19. April 2015

Rider - kein Pausensnack, oder Montagsmaler für Fortgeschrittene

Fragt mich bitte nicht, woher der Ausdruck kommt. Als Rider bezeichnet man die technischen Bedürfnisse der Band. Dazu gehört ein Bühnenplan, eine Kanalliste und ein Teil mit den allgemeinen Informationen. Das schöne an diesem Thema ist ...

Seht selbst, der Picdump der Rider:

Ich gebe zu, das hat irgendwie Stil! Aber da kam Form vor Inhalt. Da es sich nur um eine kleine Formation handelt ist aber das Meiste selbsterklärend.


Bin ich der einzige der zwei Taucher sieht? Braucht der Sänger keinen Monitor? Fragen über Fragen.




Endlich! jetzt weiss auch ich wie eine Gitarre aussieht. Ber spielt also Gitarre, Bass und Armbrust. Nein, sorry, es ist natürlich ein E-Contrabass.

Ich, äh, bin sprachlos. Aber zum guten Glück nicht farbenblind. Zumindest weiss ich jetzt wo die Treppen hinkommen. Nur -  wieso haben die Cymbals Buchstaben??
Auch nach längerem Betrachten weiss ich noch nicht so genau, was jetzt gemeint sein könnte.


Ich habe in meinem Leben schon tausende Male Headsets benutzt, ABER NOCH NIE NIE NIE mit einer D.I., das gleiche gilt für die Harp. Immerhin brauchen sie kein Monitoring.


Ich weiss nicht, was das für eine Sprache ist. Aber dieser Rider hat alles drauf, was ich mir wünsche. Ich interpretiere den Bühnenstrom, Monitoring ist klar, ein gelungenes Beispiel! - Toetsen
sind wahrscheinlich? - Tasten, kann man mit dem Ausschlussverfahren feststellen.


Der Hutladen! Aber ganz ehrlich, da steht alles drauf, was man wissen muss! Vor allem auch eine Telefonnummer.


Mit der Zeit entwickelt man etwas Routine, wie ein Rider interpretiert werden sollte - aber je mehr Interpretationsspielraum eine Bühnenanweisung hat, desto eher liegt man dann auch falsch. Mein all time favorite ist jedoch der hier:

http://www.iggypop.org/stoogesrider.html

Auszug:

We need: one (1) monitor man who speaks good English and is not afraid of death.
{Only joking.... or am I?}.

Dieser Rider ist kein Scherz. Wir hatten Iggy Pop vor Jahren zu Gast am Blue Balls in Luzern, da kam genau dieser Rider. Zuerst haben wir uns halb totgelacht, dann haben wir uns gefürchtet, und am Ende war dann alles halb so schlimm, aber wir haben natürlich darauf geachtet, alles nach Wunsch zu erfüllen.

Was gehört den nun zwingend auf den Rider: Die aus meiner Sicht besten Beispiele findet man bei meinem Tonkollegen Rolf auf der Homepage:

http://producer.ch/HTML/riders.html

Ein guter Rider besteht klassischerweise aus drei Seiten:

1. Seite: Allgemeine technische Infos wie Mindestanforderungen über P.A., Pultspecs (Kanalzahl, Typ etc), Kontaktangaben, Erstellungsdatum (!) , Anzahl Musiker mit Namen und Funktion

2. Seite: Kanalbelegung mit Instrument, Mic, Phantompower, Micstand, eventuell Inserts.

3. Seite: Bühnenplan mit Position der Musiker, Bühnenmonitore inklusive Nummerieung, Strom (230V), und den jeweiligen Kanalnummern bei den Instrumenten.

Wenn die Band nur lokal spielt, reicht es, ihn in der jeweiligen Landessprache zu erstellen, ansonsten schreibt man ihn besser in Englisch.

Schickt mir eure interessantesten oder lustigsten Bandrider auf tonmeisterblog@gmail.com, man lernt ja nie aus!






Samstag, 4. April 2015

Soundcheck und Babys

Es klang eigentlich nach einem sehr entspannten Job. "Babysitter" nennt man das bei uns - will heissen, man betreut den Tontechniker, der mit der Band tourt und diese auch mischt. Als Babysitter bringt man die Anlage an den Start, erklärt das Setup und steht mit Rat und Tat zur Seite, wenn Fragen auftauchen.

So wartete ich also in der Venue in Zürich und da kam auch schon Jim, der Tourtechniker der Band. Wortkarg steckte er eine CD in den Player, zwei Sekunden später knallte mir Hardrock um die Ohren in einer Lautstärke, die mir fast den Unterkiefer spaltete. Ich schrie ihn freundlich an, ich würde lieber mal draussen warten und verschwand.
Nach etwa 20 Minuten kam Jim mit ernster Miene und sagte: "We do need another P.A. !" (Public Adress System - die Anlage für die Zuhörer)

Es gibt Dinge, die hat man nicht einfach so in der Hosentasche, zum Beispiel eine Beschallungsanlage für 2'000 Leute. Also wollte ich den Grund wissen für seinen Unmut.
"Diese P.A. ist viel zu schwach." (Wir reden von einer grosszügigen Hausanlage in einem der renomiertesten Clubs Zürichs) "Sie bringt nicht 130 dB SPL unverzerrt am FoH - so wie das im Band-Rider gefordert wird", "Vertragsbruch, Konventionalstrafe, keine Show... entweder neue P.A. JETZT, oder wir gehen wieder, du hast zwei Stunden Zeit..." und so weiter.

Babysitten kann anstrengend sein, vor allem wenn das Baby schreit oder einen zuscheisst. Ich hatte gerade das Gefühl, mir passiert beides gleichzeitig.

Da hilft es dann auch nichts, zu sagen, man sei nicht vom Club und könne jetzt auf die Schnelle auch nix machen usw. Der Mann hatte schlechte Laune und ich brauchte jetzt ein Argument. Ich fragte ihn also: "130 dB SPL? WELL, DO YOU KNOW ABOUT THE SWISS LAW OF 100 dB?"

Der schlecht gelaunte Mann bekam nun eine ungesunde Hautfarbe und sein Blick verriet mir, dass er von der eydgenössischen Verordnung "über den Schutz des Publikums vor gesundheitsgefährdenen Schalleinwirkungen an öffentlichen Veranstaltungen" noch nie etwas gehört hatte. Schnaubend liess er mich alleine am Mischpult zurück. Da mischt man auf der ganzen Welt eine Rockband mit 130 dB und dann kommt man in die Schweiz und soll jetzt mit 100 dB auskommen. Keine einfache Aufgabe - der arme Jim tat mir fast ein bisschen leid. Es verging einige Zeit, die ich nutzte, um den Veranstalter über unseren kleinen Lautstärke-Workshop zu unterrichten. Mir wurde aufgetragen, den Schallpegel im Auge zu behalten und einzuschreiten, falls die Grenzwerte überschritten würden. Der Babysitter wird zum Lärmpolizisten befördert - na toll...

Jim verlor kein Wort mehr darüber am Abend, mischte fantastisch und nach der letzten Zugabe zeigte der dB Meter : 100.00 dB Leq. Geht doch ;-)

Sonntag, 29. März 2015

Anna Rossinelli - how do we make it?

Die Crowdfunding Plattform www.wemakeit.com berichtet stolz, dass sie seit 2012 über 1000 Projekte realisiert, und eine Erfolgsquote von 70% habe.
So weit so gut. Nun darf hier also jeder und jede seine CD-Produktion oder sein Musikvideo oder was auch immer fördern lassen. Aber wenn Anna Rossinelli 50'000sFr sammeln will, geht ein Aufschrei durchs Land: Obszön! Geh was rechtes Arbeiten! etc. Dass ein Grossteil der Geldes gesammelt wird mit einer effektiven Gegenleistung (von der Gitarrenstunde bis zum Privatkonzert), wird von den kritischen Stimmen ignoriert.

Also das Trio "Seltenüechtern" oder die Partyband "Ten Beers After" können um Geld betteln, aber einem Profi schallt die grosse Empörung entgegen? Ist das der Grund? Ist es unanständig um Geld zu bitten wenn es um ein kommerzielles Projekt, bzw um Profis geht?




Ich habe mich ein bisschen umgeschaut auf anderen Crowdfunding-Plattformen.

Das System war ursprünglich für Startups gedacht. Da sollen Ideen gefördert werden, welche keine klassischen Investoren finden (wollen), aber trotzdem von grossem ideellem oder praktischem Wert sind.
Ich hab mal nachgeschaut, in was man da so Geld verschenken  kann - der Unterschied zum Investor ist ja, dass dieser seine Kohle mit Gewinn zurückbekommt. Crowdfunding ist der virtuelle Opferstock für Idealisten, die Kohle ist weg, a-fonds-perdu, wie man so schön sagt.

Da gibts zum Beispiel ein Springseil, das sich mit dem Iphone verbindet und Daten via Bluetooth sendet, ein sogenanntes Wearable. Diese Idee hat schon 123'000 USD gesammelt.
Dann fand ich auch noch eine innenbeleuchtete Handtasche mit USB Anschluss (60'000 usd gesammelt), oder mein Liebling: Das schwimmende Plastikkörbli für die Avocadozucht zuhause, das hat auch schon fast 70'000 sFr beisammen.
All diese Produkte kann man dann am Schluss käuflich erwerben. Im besten Fall wird der Erfinder reich und berühmt, den Gönnern bleibt der Genuss des Mäzenentums en miniature.




Man kann also eigentlich für jede Idee sammeln, je kommerziell aussichtsreicher, desto besser. Aber wenn das Schweizer Profimusiker machen empören sich alle?

Ich möchte hier ein paar Dinge aus meiner Sicht klarstellen. Musiker in unseren Breiten rutschen langsam aber sicher ins Prekariat ab, und wir sprechen hier von den Profis, nicht von den musizierenden Lehrern oder Juristen etc.

Mit Ferien oder dergleichen hat Annas Trip nichts zu tun. Der Betrag ist für so ein Vorhaben eher M-Budget statt S-Klasse. Wenn 100'000 sFr für den Film vorgesehen sind, dann bleiben 80'000 sFr für die 5 Kulturschaffenden in diesen, sagen wir, 5 Monaten. Das sind 3'200 sFr pro Monat pro Person. Jetzt mal ernsthaft, das würde bei einem grossen Teil von uns nicht einmal die Fixkosten zuhause decken in dieser Zeit.
Wenn ich also Anna Rossinelli eine Frage stellen würde, dann wäre das ganz einfach: Wie macht ihr sowas mit diesem schmalen Budget.

Wieso machen denn Profis eine Bettelaktion? Hier ein paar Fakten:

Die CD Verkäufe in der Schweiz sind in den letzten 15 Jahren um 75 % zurückgegangen.Viel Musik wird gratis aus dem Internet konsumiert. Das ist ein Problem. Aber das noch grössere Problem ist, dass die Tantiemen der kommerziellen Streamingdienste wie Spotify eher symbolischer Natur sind, wenn man nicht gerade Taylor Swift oder Rhianna heisst.


Die Urheber bekommen bei Spotify ca 0.007 USD pro Play. Anna Rossinelli hätte also knapp 8 Millionen Plays gebraucht für die 50'000 Stutz. 
Zum Vergleich: Rihanna ist diese Woche in den Spotify Swiss Top 50 auf Platz 1 - mit 90'000 Plays.
Die einzigen Einheimischen sind übrigens auf Platz 28: Lo & Leduc, mit 33'000 Plays. Die haben aber richtig Asche gemacht diese Woche, ganze 231.- USD. 

Nun gibt es ja noch die heimischen Radios. Ein substantieller Teil unserer Radio- und Fernsehgebühren gehen zur SUISA (in Deutschland GEMA) und werden so den Künstlern weitervergütet. Dumm nur, wenn das heimische Schaffen nicht gespielt wird. Dann wandern die Gebührengelder halt auch zu Taylor Swift und Rhianna und Co.

Nun kommt die obligate Huhn /Ei Frage: Ist einheimische Musik schlechter? Wird deswegen weniger gespielt und bekommt darum auch weniger vom Kuchen? Oder gibts zu wenig radiophone einheimische Musik, weil es sich schlicht nicht lohnt, darin zu investieren?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich keinen einzigen Schweizer Musiker kenne, der diesen Beruf aus monetären Gründen gewählt hat. Alle, die ich kenne, haben es trotz der finanziellen Risiken gewagt. Und ich kenne einige, die entweder gescheitert sind oder in irgendeiner Form von privaten Gönnern und Spendern abhängig geworden sind. Dass Anna Rossinelli sich entschliesst, ein Crowdfunding zu starten ist nur die logische Konsequenz der Umstände. Dass sie es versucht hat möglichst fluffig zu präsentieren war vielleicht der Fehler, da es den Anschein geweckt haben könnte, es gehe hier ums Spass haben. Gehts wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich geht es darum, weiter von dieser brotlosen Kunst leben zu können.


Samstag, 21. März 2015

Recording Vocals- Take 3: Achtung, Aufnahme!

Heute gehts mal ans Eingemachte.
Wer jetzt noch weiterliest, ist selber schuld, ich habe alle gewarnt:-)

Wie nehme ich Gesang am besten auf?
Was braucht es dazu? Welche Fehler sollte man möglichst vermeiden?

Wer wirklich meint, im Studio hinters Mischpult oder vors Mikro zu gehören, der/die sollte sich dieses Video in voller Länge geben. Was siehst du auf dem Video? Mach ein paar Notizen über deine Beobachtungen.  (Jetzt gibt er auch noch Hausaufgaben, der Tonmaistää...)

https://www.youtube.com/watch?v=P3hW3HukKhg



Wer sich tatsächlich die ganzen 10 Minuten nicht langweilt, darf diesen Berufswunsch ernsthaft in Betracht ziehen. So geht das nicht zehn Minuten, sondern Stunden, Tage, Wochen. Aber in den meisten Fällen eben nicht mit den Michaels dieser Welt, sondern eher mit den Anne-Grets von nebenan. Wer wegen den VIPs ins Geschäft will, sollte Anlageberater oder privat Banker werden. Für mich als Tonmeister macht es überhaupt keinen Unterschied, ob Michael oder Anne-Gret vor dem Mic steht - das Ziel ist immer, die beste Performance einzufangen. Ich finde das in jedem Fall ein Traumberuf.


Was sehe ich darauf?

1. Das Talent! Michael Jackson, wie er arbeitet. Fantastisch. Wir erinnern uns, Fokus! Sobald das Band läuft (JAAA, DAS BAND!!) - schnipp, der Michael geht auf Sendung,  jede Pore singt mit, fühlt mit.  Band aus - Sendepause. On/Off! Immer locker, aber voller Kontrolle, trotzdem verspielt.

2. Ein grosser Raum. Wer auch immer behauptet hat, Gesang nähme man in kleinen Räumen auf, irrt. Je grösser der Raum desto besser.
Man kann tricksen mit Absorbern etc. Man kann auch Gesang gut in kleinen Räumen aufnehmen, das ist aber viel schwieriger. Ein akustisch guter Raum ist durch nichts zu ersetzen, schon gar nicht mit Equipment oder Plug-ins.

3. Das wohl beste Mic, das AKG je gebaut hat. C12. Gibts nicht mehr zu kaufen ausser extrem teuer auf Ebay  (bitte nicht verwechseln mit dem AKG C 12 VR)
Man kann mit vielen Mics eine gute Gesangaufnahme machen, aber es gibt nur wenige, die IMMER gut klingen - sich also für jede Stimme eignen. Das C 12 gehört dazu. Das Neumann U47 und das Neumann M49 gehören auch dazu, meiner bescheidenen Meinung nach. Diese Liste ist nicht abschliessend. Aber wenn ich nur drei Typen auswählen müsste, ich würde mir die drei wünschen, am liebsten als mint maitched pairs :-) Mikrophonporno...

4. Der Popschutz: Da würde ich bescheiden behaupten hat sich noch etwas getan in den letzten 30 Jahren. Ich benutze eigentlich am liebsten gar keinen und wenn, dann eigentlich gerne den hier: . Ein Popschutz hilft auch, den Sänger auf Distanz zum Mic zu halten. Zu nahe beim Mic entsteht häufig ein unausgewogenes Klangbild, es gibt schnell scharfe Sssss und es besteht eben natürlich auch die Gefahr von Pops durch die Plosivlaute und Windgeräusche. Dazu kommt: Je näher der Sänger am Mic, desto stärker ändert sich der Sound schon bei kleinen Körperbewegunen.
Abgsehen davon mag ich es nicht, wenn meine Mics durch nasse Aussprache in Mitleidenschaft gezogen werden. Deswegen ist der Popschutz ein notwendiges Übel.

5. Der Mix im Kopfhörer. Hier ein kleiner Exkurs:

5a. Das wichtigste zuerst: Keine Latenz. Also keine Verzögerung auf dem Kopfhörer.  Nicht alle Recordingsysteme lassen ein latenzarmes Monitoring zu. Ich behaupte nun einfach einmal, mehr als 2.5 ms ist nicht akzeptabel. Es geht nicht darum, dass man ein hörbares Echo wahrnimmt, sondern es geht darum, dass ein Sänger sich immer einmal direkt über den Kopf und die Knochen (!) hört, und dann nochmals über den Kopfhörer. Je grösser die Latenz, desto mehr Interferenzen entstehen zwischen den beiden Signalen. Langer Rede kurzer Sinn - das will man nicht. Böse, böööse Interferenzen.

5b. Je besser und ausgewogener der Mix, desto einfacher ist es für den Sänger, in den Song einzutauchen. Man muss das also mischen, und zwar so, dass es schon Spass macht, mitzusingen. Ich ziehe mir jeweils auch einen Kopfhörer an und höre exakt dasselbe wie der Sänger, bis er happy ist. Das muss sehr schnell gehen, da ein Sänger seine Spannung vor dem Mic nicht ewig halten kann. Es muss schon gut sein, wenn er den Hörer aufsetzt, und dann kann man noch kurz Korrekturen machen - so wie es MJ am Anfang der Sequenz auch kurz sagt.

5c. Die Lautstärke im Kopfhörer. Ist sie zu hoch verschiebt sich die emfpundene Tonhöhe nach oben, der Sänger wird also zu hoch singen. Nichtsdestotrotz, wenn der Sänger ein hohen Pegel haben will, werde ich ihm den Wunsch nicht ausschlagen.

6. Vocals werden gestackt, sprich mehrmals eingesungen. Dabei wendet der Produzent (Quincy Jones in diesem Fall) eine einfache Methode an, indem er MJ in verschiedenen Distanzen zum Mic singen lässt. Das klingt dann etwas anders und es lässt sich besser mischen. Ist das aussergewöhnlich? Nicht seit den Beatles. Ozzy Osbourne hört man meines Wissens nicht ein einziges Mal mit nur einer Stimme auf einer Aufnahme. Ich würde hier einmal die These aufstellen, dass man in der U-Musik heute fast nie nur eine einzige Stimme hört - mit Ausnahmen wie zum Beispiel Damian Rice. Der typische Rhianna-Sound sind  je 3 Vocals rechts und links und dann nochmals drei in der Mitte. So aufeinander gelegt, dass man sie als eine einzige wahrnimmt.

Noch Fragen? :-)







Montag, 16. März 2015

Fangt schon mal ohne mich an.

Der Albtraum schillert in allen Varianten: Die Show beginnt in 10 Minuten und ich stecke fest - auf der Strasse, im Gemenge, im Zug. Pannen, Stromausfall, Pult abgestürzt etc.

Showtime?

"Jetzt" im Sinne von "¡JEETZT!"



Ich irre auf Feldwegen umher und finde das Open Air nicht. Ich verpasse die Abzweigung und fahre versehentlich auf die Autobahn Richtung Paris - da gehts eine halbe Ewigkeit bis ich wenden kann. Oder stehe auf einmal vor der italienischen Grenze obwohl ich nach Graz gemusst hätte - Abzweigung verpasst, Naviverarschung... you name it...

Die verschärft dumme Variante:
Ich hab mich im Datum geiirt, im Wochentag, im Monat, im Jahr... Anruf: "Wo bist du? Wir haben seit 10 Minuten Soundcheck - "...

Der Albtraum jedes Technikers. Ohne sie keine Show. "Fangt schon mal ohne mich an" ist keine Option.

Man ahnt es. Ich habe nicht geträumt. Nicht ein einziges Beispiel ist erfunden. Aber: Keine Show habe ich verpasst, immer war ich pünktlich bereit. Immer bis auf diese verfickte eine Ausnahme. Ein einziges Mal, da habe ich eine Show verpasst. Einmal. Fuck. Auf ca 3000 Shows. Das macht eine Ausfallquote von 0.03 %.
Kollaterale Schäden wie verpatzte Dates, Stress, Blitzerbussen und Selbsthass: 150%

Ich habe mich in den Jahren zu einer Art Termin-Neurotiker entwickelt. Stehe nachts auf und durchforste Mails mit den Spielplänen und doppelchecke, triplechecke, bin Stunden zu früh auf Platz, plane mit Faktor 2 für den Fahrweg und so weiter.

Zum Krankheitsbild gehört auch noch das "Toolsyndrom": Was ich im Auto mit dabei habe würden andere Leute schon bald als Aussteuer bezeichnen: Vom Werkzeugkoffer über Laptop mit Zubehörtasche, 120 Steckadpater für Kabel, 3 Aufnahmegeräte bis hin zu den "persönlichen Effekten" wie Gummistiefel, Stahlkappenschuhe, Kletterhelm, Antibrumm, Arbeitshandschuhe (wie schon einmal erwähnt) ... es nimmt kein Ende.
All die kleinen Lebensretter füllen den Kofferraum für den Fall der Fälle und jeder dieser Fälle ist bis jetzt einmal eingetreten.
Nur die Leuchtweste und die Latexhandschuhe habe ich noch nie gebraucht - für den Fall dass man nachts bei der Heimfahrt als Erster an eine Unfallstelle kommt. Das ist mir zum Glück noch nie passiert - ausser im Traum.


Freitag, 6. März 2015

Vocal Recording - Take 2: Wie finde ich den richtigen Vocal Coach?

Ich habe bei meinem letzten Blog über Vocalrecording von der inneren Haltung des Sängers und dessen Fokus gesprochen. Eigentlich wollte ich mich im zweiten Teil der Aufnahmetechnik widmen, aber dann fiel mir auf, dass die Probleme eigentlich viel früher beginnen. Wenn der Sänger oder die Sängerin im Studio vor dem Mikrofon steht, dann kann man nur noch sehr wenig Einfluss auf das Resultat nehmen. Wurden falsche Dinge eingeübt, dann bringt man diese jetzt in all der Aufregung gewöhnlich auch nicht mehr weg. Ich spreche weniger von Text und Melodie, sondern von Stimmsitz, Atemtechnik, Phrasierung etc.
Hier kommt nun der Vocal Coach ins Spiel. Die Gesangslehrer üben mit den Sängern in Hinblick auf alle obgenannten Kriterien den Song ein und sind manchmal sogar bei den Aufnahmen mit dabei, um dem Sänger während der Aufnahme Tipps zu geben.
Die Frage ist nun natürlich: Wie finde ich den richtigen Coach? Um das herauszufinden habe ich kurzerhand zwei erfahrene Coaches gefragt: Salome Christiani und Noelle Bobst unterrichten beide Gesang und waren so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten.


Ich möchte meine Gesangskünste verbessern, wie gehe ich vor?

SC: Es gibt viel gutes Material auf youtube oder elearning plattformen wie coursera etc. Das Problem dabei ist, dass diese Angebote gezwungenermassen allgemein gehalten werden müssen. Wenn man gezielter arbeiten will bleibt einem nur der Gang zu einem Gesangslehrer.

NB:Als erstes würde ich mir eine Stunde bei einem erfahrenen Gesangs-Coach gönnen. Ein professioneller Coach kann dir nach einer kurzen Kostprobe deines Könnens und nach ein paar Gesangsübungen ziemlich genau sagen was es braucht um auf das nächste Level zu kommen. 

Worauf muss ich achten bei der Wahl des Gesanglehrers?

SC: Das Allerwichtigste ist, dass man sich beim Coach wohl fühlt, da es eine sehr persönliche und individuelle Angelegenheit ist, sich mit der eigenen Stimme auseinanderzusetzen. Über die Stimme kommunizieren wir auf mehreren Ebenen, nicht nur auf der verbalen, sondern natürlich auch auf emotionaler Ebene. Der Stimmsitz ist bei einem Menschen nicht zufällig dort, wo er sich gerade befindet, sondern hat viel mit der eigenen Geschichte, der inneren Haltung und dem Charakter zu tun. An der Stimme arbeiten bedeutet auch an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten.

NB Beim Gesangsunterricht ist es wichtig, dass die Chemie zwischen dir und dem Lehrer stimmt. Wenn man sich nicht wohl fühlst sollte man einen anderen Coach suchen. Aus meiner Erfahrung weiß man nach der ersten Stunde sofort ob es passt!

Inwiefern sind Musikstil, Ziele und Erwartungen, oder aber auch vorangegange Vocaltrainings für die Wahl ausschlaggebend?
 
SC: Es ist wichtig, dass man einen Coach wählt, der im gewünschten Genre zuhause ist. Ein Lehrer mit klassischer Ausbildung ist nicht geeignet um eine Stimme für Popsongs zu schulen und umgekehrt.
Es ist von Vorteil, wenn man nach dem Erwerb der Grundkenntnisse einen Wechesel des Coaches vornimmt, vielleicht auch nur für ein paar Lektionen. Das gibt neue Impulse und erweitert den eigenen Horizont.

Weiter ist auch wichtig zwischen Bühne und Studio zu unterscheiden. Der Lehrer sollte selber Erfahrung im performen haben, nicht nur Unterrichts- oder Studioerfahrung.

NB Natürlich empfiehlt es sich wenn man kontemporäre Stile singen möchte (Pop, Jazz, R'n'b, Rock, Soul, Funk etc) einen Lehrer zu wählen, welcher sich auch in diesem Bereich bewegt. Die Vorkenntnisse spielen insofern keine große Rolle, als dass ein guter Lehrer einem schon bei der ersten Stunde da abholt wo man steht. 
Allerdings habe ich schon öfters erlebt, dass sich Schüler die eine oder andere schlechte Angewohnheit antrainiert hatten, obwohl sie im Einzellunterricht waren. Diese gilt es dann halt wieder auszukorrigieren.
Ich sage immer: Jeder kann singen. Wenn man sprechen kann, dann kann ich auch das Singen beibringen!


Vielen Dank für eure Antworten!

Wer sich über die beiden Coaches informieren möchte, 
findet hier die Webpräsenz von Salomé:

https://www.facebook.com/scuoladicantocanobbio?fref=ts

und von Noelle:

http://www.noelle-bobst.ch/crbst_10.html