Freitag, 20. März 2020

Mutter Natur und ihr enfant terrible

Mutti Natur kam zu einem ihrer Kinder auf Besuch. Das Menschenkind und sie hatten sich in den letzten Jahren zusehends auseinandergelebt und voneinander entfremdet. Im Gegensatz zu allen anderen Kindern, den Tieren und Pflanzen, lebte das Menschenkind zwar auf Kosten der Mutter, wollte mit ihr aber eigentlich nicht mehr wirklich viel zu tun haben. Es beschäftigte sich lieber mit sich selbst. Wenn es dem Menschenkind gelegen kam, nutzte es die anderen Kinder schamlos aus - denn es war ihnen in Vielem überlegen.
Mutti war verletzt und ziemlich wütend. "Ich habe dir Intelligenz gegeben, und einen Körper, mit dem du deine Ideen auch in die Tat umsetzen kannst! Ich habe dir Fantasie und Kreativität gegeben und dich seit deinem ersten Tag versorgt. Aber du bist ein ignorantes Arschloch geworden und machst hier den ganzen Spieplatz für alle kaputt!"

Die Natur führte ihren Monolog fort, ohne auch nur die geringste Reaktion des Kindes erkennen zu können: "Du schadest dir wirklich nur selbst mit deinem Verhalten. Ich werde dich überleben, und wenn  du dich und die anderen Kids zugrunde gerichtet hast, werde ich ganz einfach neue zeugen. Weisst du, ich habe Zeit! Aber du, du siehst wirklich nicht über den eigenen Tellerrand hinaus. Werde endlich erwachsen!"

Das Kind bohrte in der Nase und wandte sich wieder dem Monopolyspiel zu, welches es mit grosser Inbrunst gegen sich selber spielte.

"Ich weiss, du bist noch jung. Die Jüngsten verwöhnt man ja schnell einmal. Aber es wird Zeit, dass du nicht mehr auf meine Kosten lebst. Es kann einfach nicht sein, dass du jedes Jahr ein Vielfaches dessen verbrauchst, was nachwachsen kann. Es kann auch nicht sein, dass du mit deinem Verhalten dir und allen anderen hier die Lebensgrundlage entziehst. Und was mich am Meisten ärgert: Du weisst das alles, aber ignorierst es. Dann verletzt du dich permanent selber, weil du immer noch nicht begriffen hast, dass es hier nicht darum geht, welcher Name ein Land trägt, und welcher Haufen deines Spielgeldes welchem Teil von dir gehört."

Das Menschenkind schaute leicht genervt auf und antwortete: "Diese Erde ist sowieso zu klein für mich. Wenn ich mal gross bin, dann werde ich davonfliegen, und neue Erden finden. Meine Pläne sind noch viel grösser, als du sie dir vorstellen kannst, Mutti."

Mutter Natur verdrehte die Augen. Sie kannte ihren Trotzgoof, sie wusste, es braucht jetzt mehr als nur mahnende Worte.

"Den Teufel werde ich tun und dir einen neuen Spielplatz in Reichweite hinstellen, solange du dich dermassen daneben benimmst! Bevor du hier nicht aufgeräumt hast, bekommst du keine neuen Spielsachen, so sieht's aus!"

"Die Alte ist sowas von gestern", murmelte das Menschenkind und wartete darauf, dass Muttis Standpauke bald vorüber sein würde.

Mutter Natur hatte befürchtet, dass es so enden würde und legte dem Menschenkind etwas auf den Boden. "Schau mal, ich habe dir hier etwas mitgebracht, es ist eines meiner kleinsten Kinder. Es ist noch ganz jung, ihr kennt euch noch nicht. Wenn du nicht hören willst, dann musst du dich nun um dieses kümmern. Es ist ein Virus. Du kannst es nennen wie du willst. Es wird dir zeigen, dass deine wahnhaften Ideen von Globalisierung und Kapitalismus, von Überlegenheit und Kontrolle alle in sich zusammenbrechen, WANN IMMER ICH WILL!"

Einen kurzen Moment lang ignorierte das Menschenkind den Virus, dann erschrak es und verfiel in Panik. Es rannte wild umher und hamsterte Klopapier.

"Schau, der Virus wird dich nicht ganz auslöschen. Darum geht es mir wirklich nicht. Aber du bekommst jetzt Hausarrest. Du bleibst jetzt zwei Monate auf deinem Zimmer und denkst einmal über dich und mich und die Zukunft nach. So kann es wirklich nicht weiter gehen, du spürst dich selbst schon längst nicht mehr. Es wird Zeit, dass du in dem Wettbewerb gegen dich selbst eine Pause einlegst."

Das Menschenkind verkroch sich geschockt, aber widerwillig in die Quarantäne und schaltete Netflix ein.

"So habe ich das nicht gemeint! Wenn du jetzt nicht machst, was ich dir sage, dann schalte ich dir den Strom ab!" Mutti schien es diesmal wirklich ernst zu meinen...

Wie weiter? Zuerst dachte ich an ein apokalyptisches Ende. Danach an ein Optimistisches. Beide und viele Varianten dazwischen scheinen mir plausibel. Wohin soll die Reise gehen? Schreib in den Kommentar!




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