Freitag, 6. März 2020

CoVid19 - Todesstoss oder Geburtsstunde?

Ich denke wir müssen es uns eingestehen: Wir alle waren ziemlich naiv. Nach den Warnschüssen namens Sars, Schweinegrippe und Vogelgrippe haben wir die Gefahr unterschätzt. Und wer hätte trotz den verheerenden Nachrichten aus China noch vor einem Monat daran geglaubt, dass es so unfassbar schnell an die Substanz - ja gar an die Existenz gehen kann.

Ich spreche dabei nicht in erster Linie von einer potentiell tödlichen Erkältung, sondern vom verordneten Berufsverbot einer ganzen Branche - unserer Branche, der Veranstaltungstechnik.
Niemand möchte wohl im Moment verantwortlich sein dafür, gesundheitlichen Risiken gegen die wirtschaftlichen abzuwägen und daraus Massnahmen zu schmieden und auch ich unterstütze selbstverständlich die Verordnungen und Empfehlungen des Bundesrates.

Während hier aber meine frisch gewaschenen, ausgetrockneten Hände über die desinfizierte Tastatur gleiten, denke ich nicht nur an die einschneidenden Folgen des Veranstaltungsverbotes, sondern auch daran, wieso diese Branche derart vulnerabel ist.
Natürlich kann ich das nicht abschliessend beurteilen, aber die Vermutung liegt nahe, dass es wie so oft mehrere Ursachen haben könnte:

Der Hauptgrund ist wohl "the first cut is the deepest",  - beim ersten Mal tut's richtig weh. Es gab ganz einfach noch nie ein generelles Veranstaltungsverbot in der Schweiz. Es gab schon Krisen, Absagen, "harte Zeiten" - klar. Aber es gab noch nie einen totalen "Lock down". Die ziemlich willkürliche Grenze von 1000 Besuchern ist hierbei nur die halbe Wahrheit. Die allermeisten Konzerne haben auch sämtliche  Corporate Events abgeblasen, auch wenn da nur 60 Personen mit dabei sind - in diesen Tagen will sich kein Unternehmen den Vorwurf gefallen lassen, unverantwortlich zu handeln.
Es wird im Moment quasi alles abgesagt, und da aufgrund höherer Gewalt storniert wird, sind auch alle Mietverträge nichtig.

Wir dachten immer, wir seien breit aufgestellt, wenn wir eine diversifizierte Kundschaft haben - auf die Idee eines generellen Event-Verbotes ist irgendwie niemand gekommen. Dabei hätte man mit Sars & Co eigentlich drauf kommen müssen, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

"Spare in der Zeit, so hast du in der Not" ist so ein blöder Besserwisserspruch, der mich immer ein wenig aggro werden lässt, denn definiere: "Not"! Die Branche jammert ja schon jahrelang unter dem wachsenden Konkurrenzdruck - nicht nur aus dem Ausland, und die Konsolidierung der Branche ist ja auch schon jahrelang im Gange.

Etwas besser gehe es denen, welche noch Inneninstallationen realisieren oder einen Webshop betreiben. Nope. Wenn nämlich der neue LED Screen aus Shenzhen nicht verschifft wird, kann er auch schlecht montiert werden.

Eine andere Möglichkeit, rentabler zu werden ist natürlich die Effizienzsteigerung, aber:
Effizienz ist der Feind der Resilienz, dieser Ted-Talk von Margaret Hefferman veranschaulicht, wie ich das meine.

Der Megatrend der Effizienzsteigerung macht auch vor der Veranstaltungsbranche nicht Halt. Kürzlich wurde mir zugetragen, dass in einer Technikfirma seit einiger Zeit ein Monitor über den Mitarbeitern hängt, welcher die Verkäufer/Projektleiter in einer Rangliste nach erwirtschaftetem Umsatz anzeigt.
Die Effizienzsteigerung wird in diesem Betrieb offensichtlich so gross geschrieben, dass man Teamgeist und ein gutes Betriebsklima dafür aufs Spiel setzt.

Es ist sicher auch "effizienter", Kapital in die neueste Technik zu investieren, statt sich ein finanzielles Polster anzueignen für schlechtere Zeiten. Und bei vielen schien es erfolgsversprechender, im Wettbewerbskampf hierfür auch fremde Mittel zu investieren. Dieser kleine Virus hat nun all jene auf dem falschen Fuss erwischt, welche ihre laufenden Kosten mit den zukünftigen Produktionen finanzieren wollten.

Eine Branche, die sich als marktwirschaftlicher Teenager seit Jahren selber das Wasser abgräbt und sowieso schon von der Hand ins Maul lebt, sieht sich jetzt mit einer Siutation konfrontiert, welche weder politisch noch wirtschaftlich jemals zu Ende gedacht wurde, aber im Gegensatz zur Gastronomie oder dem Tourismus sind wir auch nicht sichtbar, geschweige denn politisch vernetzt.
Die vielbeschworene Kurzarbeit ist für Unternehmen natürlich ein segensreiches Instrument und wird viele KMU's vor dem Untergang bewahren. Was aber ist mit den Freelancern?
Irgendwo zwischen Ich-AG und modernem Taglöhner verdingen sich hierzulande Techniker als Freiberufler tageweise. Diese Gruppe fliegt nicht nur unter dem politischen Radar - es gibt sie de facto gar nicht.
Sie ist unsichtbar. Kein Berufsverband, keine politische Lobby, kein Verein  - das erste, was wir wohl sehen werden ist wahrscheinlich eine Selbsthilfegruppe für arbeitslose Techniker.

Eine erwähnenswerte Idee ist sicherlich die Weiterbildungsinitiative https://www.corona4future.ch.
Hier können sich Techniker zu Fortbildungskursen anmelden, damit sie die freigewordene Zeit sinnvoll nutzen können.

Es ist schon paradox, dass Millionen von Menschen in der Schweiz jedes Jahr Veranstaltungen besuchen, welche von Technikern realisiert werden, die politisch schlechter organisiert sind als ein frischgebackener Zimmermann auf Wanderschaft.

Der Berufsverband svbt scheint zur Zeit auch nicht mit politischem Tatendrang zu glänzen - obschon er letztes Jahr bewiesen hat, dass er es kann, indem man den neuen Entwurf der Schall- und Laserverordnung in Bundesbern mit vereinten Kräften in sinnvolle Bahnen mitlenkte.

Aber das hier ist grösser, und akut. Jetzt auf die Schnelle eine Unterschriftensammlung existenzbedrohter Freelancer zu starten ist nicht ganz einfach. Nicht zwingend, weil es so wenige davon gäbe, sondern weil es schlicht kein Verzeichnis gibt. Natürlich haben alle Firmen eine Freelancerkartei, aber keine dieser Firmen war jemals daran interessiert, Hebamme bei der Geburt eines Freelancerverbandes zu spielen - ich würde sogar behaupten, man hat das mehr oder weniger aktiv verhindert. Möglicherweise könnte sich dies nun rächen.
Der Fachkräftemangel im Eventbereich wird sich weiter akzentuieren, wenn nach Covid19 ein paar tausend Freelancer der Technikbranche für immer den Rücken gekehrt haben und wieder als Fensterbauer, Lehrer oder Elektriker arbeiten.

Vielleicht wird diese Krise noch ungeahnte Ausmasse annehmen, hoffen wir es nicht. Im schlechtesten Fall wird sie einigen Unternehmen den Todesstoss versetzen, aber vielleicht wird sie auch zur Geburtsstunde eines Berufsverbandes. Auf jeden Fall wird nichts mehr so sein wie vorher.



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