Montag, 21. Mai 2018

Ein Tag im Leben des Bundesbeamten Aemisegger im Jahre 2045

Leon Aemisegger hatte einen sicheren Job. Solche waren begehrt, nachdem die künstliche Intelligenz und die Robotik dazu geführt hatten, dass die allermeiste Arbeit nicht mehr von Menschen erledigt wurde. Aus juristischen Gründen durften jedoch die amtlichen Kontrollorgane ihre Überwachungsfuntkion nur in Ergänzung eines Kontrolleures aus Fleisch und Blut wahrnehmen. Die Rechtskonservativen wollten partout keine Bussen von Robotern bekommen.

Leon Aemisegger war einer dieser wenigen. Er überwachte die Kontrollinstallationen für öffentliche Veranstaltungen. Auf seinen Bildschirmen wurden alle Events des Landes in Echtzeit dargestellt. Video und Ton sowie ein paar andere Daten wurden aufgezeichnet: Infrarot, Rauchmeldedaten, Analyse der Radiofrequenzen sowie natürlich der Schallpegel.

Nach dem Inkrafttreten der neuen Schallschutzverordnung 2018 waren Lokalbehörden und Veranstalter dermassen überfordert, dass der Bund zwei Jahre später beschloss, ein flächendeckendes Kontrollsystem für öffentliche Veranstaltungen einzuführen.

Bei Unregelmässigkeiten leuchtete das Feld der Veranstaltung auf dem Bildschirm rot auf und Leon sah sich die Sache genauer an. Bei kleineren Delikten löste er die automatisch generierte Busse aus, bei schwereren meldete er es der Polizei.

Auch heute sass Leon wieder etwas gelangweilt vor seiner Bildschirmwand, ab und zu leuchtete ein Feld rot auf, aber seine Schicht näherte sich schon bald dem Ende. So ein Vierstunden-Arbeitstag war schon was Nettes. Der Bund hatte aufgrund der hohen Burnout-Rate unter der arbeitstägigen Minderheit eine 28h-Woche beschlossen. Als Nebeneffekt wurden so auch noch mehr Stellen geschaffen. Es war also allen geholfen. Trotzdem hatte Leon Sorge um seine Stelle. Es fanden nämlich immer weniger öffentliche Veranstaltungen statt, seit die Zulassungsbehörde eine weitere Verschärfung der Schallpegel auf 89 dB vorschrieb. Montags hatte er seither immer frei, und manchmal sogar Dienstags.

„Warum tun sie das?“, fragte Gianluca, welcher neben ihm sass und einen Demeter-Grüntee aus lokalem Anbau trank.
Gianluca war sein Assistent diesen Monat. Eigentlich war er völlig überflüssig, aber Leon war froh um etwas Gesellschaft. Das RAV verloste jeden Monat freie Assistenzstellen als Depressionsprävention, eine Win-Win-Win- Situation. Leon war etwas weniger alleine, Gianluca durfte eine Arbeitslosenpause einlegen und die Politik hatte ein „Instrument zur Durchmischung der Gesellschaft“. 
„Man hat herausgefunden, dass Pegel über 89 dB sich negativ auf die Stressresilienz auswirken “, antwortete Leon mild.
„Naja, mir egal, ich war schon lange nicht mehr an einem Konzert“, entgegnete Gianluca und nippte an seiner Tasse. Dann beugte er sich zu Leon und flüsterte: „Also - an einem Öffentlichen.“
Leon warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Kein Wunder, hast du keine Stelle, bei so einem Lebenswandel“, entgegnete er. „Möglicherweise hast du an deinen privaten Parties sogar Alkohol getrunken, oder … geraucht!“
„Alles legal!“, antwortete Gianluca gereizt, „ich könnte mir mein Max-Havelaar-Koks ja auch in der Drogerie kaufen, wenn ich wollte.“
 „Aha, deswegen macht man ja private Parties, weil es legal ist. Wegen Menschen wie dir funktioniert unser System nicht! Wer sich nicht eingliedern will, soll  auswandern, ich habe dieses Pack satt, welches den Bevölkerungsschutz unseres Landes untergräbt. Egoistische, asoziale Hedonisten seid ihr.“

In der Tat hatte der Staat alle Drogen legalisiert. Die Trennung zwischen privat und öffentlich wurde neu gezogen. Dies war eine Art Ausgleich zwischen den Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Persönliche Sicherheitsbedürfnisse wurden mit strengen Auflagen belegt. Wer medizinische Leistungen versichert haben wollte, der musste seinen Lebenswandel durchleuchten lassen und wurde gegebenenfalls von der Versicherung akzeptiert. Die Kassen durften jedoch bei einem Fehlverhalten des Versicherten Leistungen kürzen oder ihn im Wiederholungsfall ganz aus der Kasse ausschliessen. Der Kunde durfte natürlich keine Hochrisikosportarten betreiben, keine Suchtmittel konsumieren, musste genug schlafen und sich im Allgemeinen gesund verhalten. Alle öffentlichen Veranstaltungen hatten strenge Auflagen zu erfüllen, damit sie die Besucher nicht in ihrer Gesundheit gefährden würden. Algorhithmen auf den Smartwatches erfassten alle Tätigkeiten jedes Einzelnen und ermittelte die Risikofaktoren aufgrund dem Gesundheitsmonitoring.  Ruhe- und Bewegungsphasen, Umgebungslautstärke sowie Puls- und Blutdruckwerte wurden permanent überwacht, vierteljährlich musste man bei einem Blutwertautomaten vorbei und den Arm hineinhalten. Das war keine grosse Sache, denn es gab sie überall. Nachdem die Geldautomaten überflüssig geworden waren, ersetzte man diese einfach durch einen sogenannten Medirob.

Es stand jedem Bürger frei, sich entweder einer Krankenkasse
anzuschliessen und die damit verbundenen Auflagen zu erfüllen, oder seine Privatsphäre zu behalten. Dann konnte er zwar tun und lassen was er wollte, war aber nicht versichert. Für Vermögende gab es noch private Kassen, welche eine Ausnahme bildeten. Für sie galten andere Regeln.

Eine Stelle bekam grundsätzlich nur jemand, welcher beim Gesundheitsscreening keiner Risikogruppe angehörte. Wer sich gegen diese Screenings entschied, der hatte auch kaum Chancen auf Arbeit. Um dies abzufedern bekamen unversicherte eine bedingungsloses Grundeinkommen. Man hatte ausgerechnet, dass die dadurch verursachten Kosten geringer waren, da die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Gruppe ohnehin tiefer lag. 

„Und wenn du keine Stelle mehr hast, weil es keine Veranstaltungen mehr gibt, weil wir uns zu Tode versichert und beschützt haben? Das Leben ist lebensgefährlich. Und wer nicht auf sich selber aufpassen kann, ist unmündig.“ Gianluca sah ihn ernst an.

„Diese Haltung ist in höchstem Masse undankbar! Jeden Monat stolpert mir wieder so ein weltfremder Fatalist in den Kontrollraum und erzählt mir etwas von seinem ach so bunten Leben! Wieso hast du überhaupt an der Verlosung teilgenommen beim RAV?“

„Ich wollte diesen Kontrollwahnsinn einmal mit eigenen Augen gesehen haben, bevor er sich selbst abschafft. Es ist beeindruckend, wie weit es der Staat getrieben hat. Der Schorsch Orwell würde sich im Grab umdrehen.“

Man hatte sich nichts mehr zu sagen. Um die gespannte Stille zu unterbrechen klickte sich Leon durch die verschiedenen Veranstaltungen auf seinem Bildschirm. Ambiencekakophonie plärrte aus seinen Lautsprechern.

Plötzlich leuchtete ein Feld permanent rot auf. Doch bevor Leon darauf klicken konnte, wurden noch mehr Felder rot. Innert kürzester Zeit war der ganze Bildschirm wie in Blut getränkt. Alarm! Scheinbar auf Kommando wurde in der ganzen Schweiz gelärmt, was das Zeug hielt. „Lärmterroralaaarm!“,Leon griff zum Telefon. Doch Gianluca war schneller. Mit einem Spanset zurrte er Leon an seinem Bürostuhl fest und gab ihm einen Tritt. Leon rollte schreiend von dannen. 

„Das sind aber mehr als 89 dB!“, Gianluca kramte ein Taschentuch hervor und stopfte es Leon in den Mund. „Ihr wohlstandssedierten, sicherheitssüchtigen Bünzlibürger meint wohl, wir überlassen euch das Feld kampflos…“
Danach griff er zu seiner Smartwach und textete: Feiert schön, alles ok hier!

Der Bildschirm tauchte das ganze Büro in ein rötliches Licht. Gianluca ging nachhause und wurde dort später verhaftet.

Die Aktion wurde von der Politik als orchestrierter Sabotageakt an der öffentlichen Sicherheit verurteilt und Gianluca mitsamt seiner Guerilliatruppe der Prozess gemacht. 


Leon erholte sich schnell wieder, allerdings wurde er bald darauf entlassen und seine Funktion automatisiert.