Freitag, 23. März 2018

Ich hab's satt- über die Fettsucht im Tonstudio




Der War of Loudness scheint in letzter Zeit abgelöst worden zu sein durch einen War of Fatness.
Die audiologische Fettsucht macht vor gar nix mehr Halt. 

Fett und verzerrt ertönt es landauf, landab aus den Lautsprechern. Röhren-, Transistoren- und Bandemulationen gehören inzwischen zum must-have im Angebot der meisten Plugin Hersteller und definieren ein neues Zeitalter der Klanggestaltung; Sättigung für alles und jeden.

Vielleicht liegt es daran, dass wir seit ein paar Jahren mit der Lautheitsskala "LUFS" dem War of Loudness einen Riegel schieben konnten.
Es ist eine kühne Theorie, aber ich vermute, dass man mit Sättigung - also der Anreicherung des Originalsignals mit harmonischen Obertönen - mehr "Druck", mehr "Lautheit" erzeugen kann ohne im selben Masse technisch höhere dB Werte zu erzeugen und damit den LUFS-Wert zu erhöhen.
Im besten Fall führt das zu einem höheren Musikgenuss, im schlechteren Fall wird einfach verzerrt um der Lautheit willen, und das finde ich absurd. 



Die Streamingplattform Spotify hat erst vor einem halben Jahr die Pegel aller Streamings von -11 LUFS auf -14 LUFS reduziert  und sich damit den anderen Anbietern angeglichen. 
(YouTube -13 LUFS, Tidal -14 LUFS und Apple Music -16 LUFS) - dynamisch ist das neue laut? Nicht ganz. Wer will denn schon die ganze Zeit am Volumeregler rummfummeln beim Musikhören...Abhilfe bei der Durchsetzungskraft des Stückes bringen obgenannte Plugins, welche inzwischen nicht mehr aus der DAW wegzudenken sind.

Der Brickwall-Limiter am Ende der Kette wird dadurch entlastet, der Mix wird nicht unnötig von den Streamingdiensten heruntergerechnet, damit er den LUFS-Vorgaben entspricht. Mehr Druck mit weniger hohem Crest-Faktor. Das ist in etwa meine Vermutung. Ich lasse mich übrigens gerne belehren, wenn es ein Irrtum wäre. Koinzidenz und Korrelation seien ja zwei verschiedene Dinge...

Natürlich kann, ja muss man Sättigung als Stilmittel betrachten. Vielleicht werde ich einfach nur alt, aber manchmal denke ich mir schon - musste das jetzt sein? Andauernd verzerrte Stimmen, Bässe, Loops so weit das Ohr reicht. 
Muss denn immer alles larger than life sein? Ich gebe zu, ich finde die Audiofettsucht zwar das kleinere Übel als eine Lautheit mit Crestfaktor ≃ 1, aber es gibt ja noch etwas zwischendrin. Etwas zwischen dem blutleerbleichen -  und dem Superadipositas Mix.

Ich bin genauso Fan von Sättigungseffekten wie ich ein scharfes Thaicurry mag. Das soll dann mal so richtig scharf sein - gerne. Aber nicht jeden Tag; erstens veröden dann meine Geschmacksnerven und zweitens ist scharf nur in Abwechslung mit anderen Geschmäckern lustig. 
Verzerrt gezielt! Ich bin froh um die neuen Tools, aber nicht jeder fettsüchtige Mix klingt automatisch so wichtig, wie er tut.


1 Kommentar:

  1. Ist Oberton reiche Musik leise! abgespielt sinnvoll für unsere Lautheits- und Bassgeschädigte Ohren? In unserer Gesellschaft werden wir ständig beschallt, sogar im Supermarkt, von den Motoren der Autos, Haushaltsgeräten, Flugzeuge... Wir können sie nicht anatomisch schließen wie die Augen. Unsere Gesellschaft wird zunehmend taub. Die Hörgeräteakustiker erleben einen Boom. Aber wir machen unsere Ohren auch seelisch dicht, um der Überflutung zu entkommen.
    Müssen wir leise werden? Könnte man Oberton reiche Musik, leise eingesetzt als Therapie nutzen, um Lautheits- und Bassgeschädigte Ohren wieder zu öffnen?
    Kann Tontechnik mit Ohrenärzten, Hörgeräteakustkern, Heilpraktikern zusammenarbeiten? Zur Gesundheit der Ohren?

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