Sonntag, 7. Januar 2018

Meine beste Entscheidung seit langem

Es mutet anachronistisch an, oder womöglich gar sentimental: Ich habe mir eine analoge Konsole gekauft.
Vor einiger Zeit habe ich euch gefragt, was für eine analoge Konsole ihr euch kaufen würdet, wenn Geld keine Rolle spielte. Keine grosse Überraschung war, dass die Neve, SSL, MCI oder (die von Übervater Rupert gebauten) Focusrite Pulte an erster Stelle erschienen. Weiter wurden auch wenig überraschend API, Trident, Helios oder auch Studer genannt.

Leider spielt Geld aber eine sehr wichtige Rolle, und so kamen die obgenannten Marken nicht in Frage. Ich gebe gerne zu, dass ich mich deswegen schon vor längerer Zeit vom Gedanken verabschiedet hatte, eine analoge Konsole in mein Studio zu stellen. Nicht in Frage kam für mich eine digitale Livekonsole, oder eine analoge Livekonsole. Rauschen können Plugins ja auch, bei Bedarf.

Die Konsole sollte mindestens so gut sein wie meine  Rackpreamps, soviel war klar. Die Avid C24 arbeitete bis anhin zuverlässig als Controller, aber alles an diesem "Pult" was auf analoger Seite geschah, war für meine Ansprüche seit je her ungenügend - mit Ausnahme der wunderbaren Talk Back Funktion.
Ich hatte mir im Laufe der Zeit ein paar schöne Preamps zugelegt, mit denen ich wunderbar aufnehmen konnte - es gab also keinen triftigen Grund, an diesem Setup etwas zu ändern.
Da ich aber mehrmals die Woche an Livemischpulten arbeitete, vermisste ich in meinem Studio ein paar ganz wesentliche Dinge: Struktur, Übersicht, sprich einen schnellen Workflow.

Weiter stellte sich die Frage nach ein paar weiteren Preamps, analogen EQ's, einem analogen Summing und nicht zuletzt einer schnellen (!) Möglichkeit, mein analoges Outboard einzubinden. Das Budget mit gut 6'000- 7'000 Euro war zwar nicht superklein, aber es fehlte halt doch noch eine Dezimalstelle oder zwei, um ein Pult der oben genannten Marken erwerben zu können, je nachdem, ob man sich für einen Gebrauchtkauf oder einen Neukauf entscheiden würde.

Auch klar war mir, dass es eine gebrauchte Konsole in gutem Zustand sein musste - ich hatte echt keinen Bock, die nächsten paar Jahre mit einem Elektronikworkshop zu verbringen.

Mein Freund Lukas brachte mich auf die Idee: CADAC! Was für Freddy Mercury, die Scorpions oder Andrew Lloyd Webber gut war, konnte für mich ja nur recht sein. Diese Künstler und natürlich viele mehr hatten im Studio und Live auf diese Produkte vertraut. Mein Tonkollege Dani Dettwyler von ideeundklang arbeitet mit einer G-Type von CADAC und scheint davon auch restlos begeistert zu sein.

Lukas hatte sich eine J-Type gekauft und dank seinen Programming-Skills ein Steuerungsprotokoll programmiert, damit er die Konsole aus seiner DAW heraus steuern kann. Hier lag schon einmal ein entscheidender Vorteil von Cadac: Die J-Type gibts als total recall Version. Es ist keine deziedierte Studiokonsole. Das Inline Konzept ist ihr fremd. Es gibt auch keinen Masterbus. Es gibt "nur" 16 Busse und 32 Matrixausgänge - je nach Konfiguration. Diese ist nämlich voll modular, es gibt Frames zwischen 24 und 63 Slots - und wem das nicht reichen würde, könnte mehrere Frames auch noch kaskadieren!
Es gibt verschiedene Einschübe: Mono- und Stereo oder Dualinputchannels, Bus- und Matrixmodule, Auxmodule, Logikmodule und noch einige mehr. Es ist auch keine klassische Livekonsole, denn eine J-Type kostete neu im sechsstelligen Bereich - und klang auch so. Nein, das J-Type ist eine Theaterkonsole -  quasi eine Livekonsole mit Studiospezifikationen. Dieser Industriezweig ist zumindest in der Schweiz unbekannt, denn Theater touren hier eigentlich nicht. In England wurde das Equipment klassischerweise von einer Produktion gekauft und ging dann mit ihr auf Tour.

Für mich waren folgende Punkte wichtig:

1. Der Klang sollte qualitativ im Feld meiner Lieblingspreamps liegen: Noch nie hatte ich eine Live Konsole mit einem THD von  0.009% @ 1kHz, (10dB gain, +4dBu), mit 105dB Rauschabstand und einer Phasenabweichung von max. 9 Grad bei 20 Hertz gesehen. 

Übersetzt heisst dasin etwa: unverfärbter Klang, direkte Bässe und sehr, sehr wenig Rauschen. Das sind heutzutage keine Traumwerte, aber es zeige mir mal jemand eine andere analoge Konsole in dieser Preisklasse mit diesen Werten.

2. Kompakt und übersichtlich sollte meine Konsole sein. Was ich an analog immer geliebt habe: ein Blick aufs Pult und alles ist klar, das gilt auch hier, jeder EQ, jeder Filter und auch die gesamte EQ-Sektion sowie alle 12 (!) Auxwege lassen sich einzeln ein- und ausschalten. Alle aktivierten Kreise werden mit einer dezenten Status-LED angezeigt. Kompakt bedeutet: auf gut 1.2m finden in meiner Konfiguration 36 Preamps und eine Mastersektion bequem Platz.

3. Die Einbindung auf meine Patchbay und das Pro Tools System soll problemlos möglich sein. Dies ist aufgrund aller vollsymmetrierten Ein- und Ausgänge mit XLR und Jack- Buchsen problemlos möglich und schnell bewerkstelligt.

4. Das Budget muss eingehalten werden - was soll ich sagen:-)

5. Servicefreundlichkeit und Zugang zu Experten. Channels sind hot-swapable, absolut geräuschlos. Alle IC's sind gesockelt. Das Design der Platine ist quasi mustergültig. In der geschlossenen Facebook-Gruppe "Cadac Desks" tummeln sich andere Studiobetreiber und ehemalige Ingenieure der Firma.

6. Weniger profan als es klingt: Man muss das Pult ein- und ausschalten können, ohne dass sich aufgrund der Hitzeenwicklung das Frame verbiegt und Wackelkontakte auftreten.
Dazu eine kleine Anekdote: Vor Jahren hatte ich einmal eine 56 Kanal Konsole eines anderen Herstellers im Studio. Da dieser empfahl, die Konsole grundsätzlich immer in Betrieb zu halten wegen dieses Problems, war es in der Regie immer kuschlige 30 Grad warm - trotz laufender Klimaanlage. Die Stromrechnung nach einem Quartal war dann rund 3'000 Euro höher als vorher - denn nicht nur die Konsole blieb ab dem Moment dauernd in Betrieb, sondern natürlich auch die Klimaanlage ohne welche man es gar nicht mehr ausgehalten hätte in der Regie.



All diese Kriterien werden von der J-Type problemlos erfüllt. Auch wenn nun in meinem Studio kein prolliges SSL oder Neve steht profitieren meine Produktionen nun von all den Vorteilen, welche die Cadac bietet, und der Spass, welcher beim Mischen ohne Maus entsteht, der ist unbezahlbar.

Ironischerweise las ich drei Monate nach dem Kauf diesen Artikel im TapeOp, für alle, die des Englischen mächtig sind und noch eine weitere Meinung lesen möchten.

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