Samstag, 11. Februar 2017

On the road again



Manchmal dauert die Fahrt zu einem Gig länger als der eigentliche Job selbst. Wer in der Veranstaltungstechnik erfolgreich sein will hat ja im Grunde mindestens soviele  Herausforderungen in der Logistik wie im Gewerk selber. Nicht umsonst bezeichchnen wir Techies uns spasseshalber häufig als (Achtung: lustiger Helvetismus!) "technisch versierter Zügelmann" (Umzugshelfer).

 Ich fahre eigentlich gerne Auto. Ich würde lieber elektrisch, CO2 neutral und AKW-frei fahren, aber das ist zur Zeit einfach noch nicht möglich. Ich mache zwischen 30'000-40'000 km pro Jahr und das zu den ungünstigsten Tageszeiten. Und immer wieder mit ordentlich Gepäck - ÖV ist deswegen leider selten eine Option.

Früher fuhr ich nur 4WD, irgendwann entschied ich mich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, darauf zu verzichten. An mindestens 350 Tagen im Jahr bin ich zufrieden mit meinem jetzigen Wagen. Die Wege in der Schweiz sind zwar nicht weit - aber lang. Sie werden im Winterhalbjahr leider manchmal noch viel länger. Es sind solche Nächte wie diese eine kürzlich, bei welcher ich dachte, ich käme nie mehr an.Und in solchen Nächten, mit wildem Schneetreiben, verfluchte ich meinen Entscheid gegen 4WD. Es stand eine Strecke von lächerlichen 220 km an und das Navi rechnete mit 2.5 Stunden.

Irgendwo zwischen Chur und St. Moritz wurde die Strasse weisser und weisser, bis sie im allgemeinen Schneeweiss der Umgebung quasi verschwand. Die Leitpfosten lugten hilfesuchend aus der Schneedecke, scheinbar dem Ertrinken nahe. In meinem Kopf begann Bono zu singen: "Where the streets have no lane..." und ehe ich mich versah, verwandelte sich die Passstrasse zu einem Schleuderkurs für Fortgeschrittene.

Jetzt. Nur. Nicht. Anhalten! Vor allem nicht in Steigungen... Der Tacho zeigte lustige Zahlen zwischen 30 und 100 km/h während ich im Schritttempo durch die Kurven rutschte.

Ich bin nicht Jeremy Clarkson und meine Produktionsfirma bezahlt auch keine Totalschäden. Deswegen entschied ich mich für einen defensiveren Fahrstil, zumal sich die nächtlich-romantische Winterstimmung 2000 m.ü.M  augenblicklich in ein Szenario mit Pannenhilfe oder Blaulicht verwandeln konnte. Ich erinnerte mich an die Zeiten als Fahrer bei der Armee, als ich in den schweizer Bergen regelmässig 4 Ketten an den Mercedes-Puch heftete, um meine Mannschaft und den Anhänger dank 4WD und Differentialsperre durch den Schnee pflügen zu können. Ich habe in dieser Zeit eine gewisse Abneigung zu Schneeketten entwickelt; man will sie nicht montieren, aber man kann nicht ohne sie fahren. "I can't liiive...with or withoout you", flötete Bono seine Zeilen in mein Kopfradio.

Trotz mehr als 20 unfallfreien Jahren und reichlich Erfahrung mit widrigen Strassenzuständen war ich ein paar Tage vor dieser Passrally im Flachland in eine üble Schneeverwehung gefahren, kam ins Schleudern, mähte einen Leitpfosten um und rutsche eine Böschung hinunter auf einen Acker. Da kam mir dann der Schneekettendrill der Dienstzeit wieder zugute, so dass ich nach ein paar Versuchen ohne fremde Hilfe den Weg auf die Strasse zurückfand. Solche Manöver galt es jedoch jetzt zu verhindern, ich wollte auf keinen Fall steckenbleiben auf dem Julierpass. Nachts um halb zwölf. Im Schneetreiben. Als einziger Verkehrsteilnehmer weit und breit...

So übte ich mich im Zen des Schleichtempos und wurde dafür mit einer unfallfreien Fahrt belohnt. Vor St. Moritz begegnete ich dann doch noch weiteren Verkehrsteilnehmern. Diese hatten weniger Glück; ein Auto war in einer Kurve auf eine Leitplanke hinaufgerutscht, was sicher besser war, als wenn es diese verfehlt hätte (daneben gings steil bergab...), 500 m weiter unten begegnete ich einem weiteren Unfall zweier Fahrzeuge.

"Where the streets will be paiin..."  - mein innerer Bono war in Höchstform, wenn auch mit zynischem Einschlag.

Nach etwas über vier Stunden war ich einfach heilfroh darüber, gesund angekommen zu sein. Soundcheck war erst am Folgetag.

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