Freitag, 20. Januar 2017

Lieber Tonmeister, kann man mit einem Knalltrauma Tontechniker werden?

Kürzlich erreichte mich die Frage um eine Zweitmeinung eines Berufskollegen, welcher in der Ausbildung als Medienpädagoge mit syrischen Flüchtlingen arbeitet. Ein 23 jähriger Flüchtling wurde Opfer eines Bombenangriffs und musste in der Folge am Gehör operiert werden. Auf den Audiogrammen sind deutlich die Beeinträchtigungen zu sehen. Ich muss gestehen, wenn die Folgen dieser Kriegskatastrophe in solcher Weise an die eigene Türe klopft, geht es einem nochmals näher, als wenn man es "nur" im TV sieht. Ich finde es eine bestialische Tragödie, und meine Hilflosigkeit macht mich wütend. Aber zurück zu unserem bedauernswerten Flüchtling.



Hier unser kurzer Briefwechsel:

Hallo, ich hätte gerne von Dir mal einen kollegialen Rat/ Einschätzung? Ich bin Mediengestalter Bild und Ton und habe 15 Jahre als EB- Tontechniker beim WDR in Köln gearbeitet. 2010 bin ich dann aus dem Beruf ausgestiegen, und habe mich beruflich neu orientiert. Ich bin jetzt Medienpädagoge, und arbeite zur Zeit mir einer Gruppe von syrischen Kriegsflüchtlingen. 

Einer meiner Gruppenteilnehmer möchte gerne eine Ausbildung als Mediengestalter Bild und Ton oder Veranstaltungstechniker absolvieren. Da er aber aufgrund einer Bombenexplosion ein Knalltrauma hat und hier in Deutschland deswegen auch an den Ohren operiert wurde, habe ich ihm gesagt, dass er einen Hörtest machen und mir das Diagramm davon mitbringen soll. Der junge Mann ist 23 Jahre alt, und bevor ich ihm sage wie seine Chancen sind, hätte ich gerne von einem Berufskollegen eine "Zweite Meinung" vielen Dank im Voraus😀



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Hi Mike, vielen Dank für deine Frage! Ich kenne mich mit Hörtests wenig aus, habe zweimal in meinem Leben selber einen gemacht und war zum Glück immer überdurchschnittlich hörvermögend.

Das Hauptproblem besteht für mich wohl in der Asymmetrie des Hörschadens. Ich weiss, dass das Gehirn fähig ist, Hörverluste bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren. Es interpoliert sozusagen das Defizit bis zu einem Stück weit. Ich würde aber eine berufliche Karriere nicht auf einem derart geschädigten Gehör aufbauen, da es unsicher ist, wie es sich entwickelt (bzw sehr wahrscheinlich, dass es mit dem Alter massiv schlechter wird.)

Es gibt aber sehr viele Tätigkeiten in der Veranstaltungsbranche, bei welcher ein hoch entwickeltes Hörvermögen und Hörbewusstsein zweitrangig ist. Ich würde empfehlen eine Auslegeordnung der verschiedenen Gewerke zu machen und mit dem jungen Herrn zu diskutieren, in welche Richtung es gehen könnte. Gewisse Arbeiten als Systemtechniker, Backliner und natürlich auch alles was mit Licht und Video zu tun hat, stellt keine allzu hohen Anforderungen an das Hörvermögen. Auch das immer komplizierter werdende Frequenzmanagement der UHF Mikrofone wäre geeignet, vor allem auch weil hier ein Mangel an Fachkräften herrscht. Ich würde davon abraten, bei solch schwierigen Voraussetzungen in eine Ausbildung für den kompetitiven Markt der Audiomischer zu investieren. Ich denke, berufsnahe Alternativen gibt es genug.
Ich hoffe, das deckt sich einigermassen mit deiner Meinung und wollte dich freundlich Fragen, ob ich diesen Austausch veröffentlichen darf, Liebe Grüsse, Philipp

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Hallo Philipp, vielen dank für deine schnelle Antwort🙂! Ich habe die Situation ähnlich Bewertet wie Du. Ich denke auch, das es mit Blick auf eine weitere Berufliche Entwicklung, schwierig sein kann, wenn das Gehör schon geschädigt ist. Ich denke das seine Möglichkeiten z.B. als Mediengestalter Bild und Ton gar nicht so schlecht sind wenn er sich auf den Bereich Bildschnitt/ Cutter Konzentriert. Auch die anderen von Dir Angesprochenen Berufsfelder, könnten eine Alternative sein, aber der junge Mann ist Hip- Hop Musiker und sein Wunsch ist es als Toning/ Produzent zu Arbeiten. Du weißt ja, wie das ist, wenn dein Herz für eine Sache Brennt!🙂



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Lieber Mike,
ich kenne einen Produzenten, der auf einem Ohr vollständig taub ist, aber dieser ist schon jetzt ein gefragter Bassist und Musical Director. Man kann auch mit diesem Hörvermögen gute Beats produzieren und Vocals recorden, editieren und vormischen, einfach den Endmix und das Mastering würde ich bestimmt einem routiniereten profi überlassen. Trotzdem, ob man in diesem schwierigen Markt damit jemals in eine Gewinnzone kommt mit derart schlechten Voraussetzungen halte ich für mehr als fraglich. Ich würde empfehlen, die Musik nicht monetarisieren zu wollen und in eine berufsnahe Alternative zu investieren.


Ist das Gehör und das eigene Hörvermögen ein Ta(u)bu für uns Tontechniker?
Wie seht ihr das? Eigentlich müsste man, bevor man einen Beruf in der Audiobranche wählt,  als Erstes einen Hörtest machen, nicht?
Die Diskussion ist eröffnet.


Kommentare:

  1. Meiner Meinung nach ist es sehr wohl möglich den Beruf fortzuführen, wenn man einen Hörverlust dieser Art hat, da handwerkliche Komponenten und Erfahrung durchaus die Höreinschränkungen kompensieren können. Obgleich es natürlich auch für diesen Fall eine schwierige Situation ist und die Existenzfrage im Raum steht. Noch drastischer sehe ich es wenn der junge Mann erst am Beginn der Ausbildung steht. Genau die wichtigen Phasen der Gehörbildung werden für ihn wahrscheinlich eine phsychologisch schwierige Zeit werden und ihn möglicherweise vor subjektiv unüberwindbare Hürden stellen. Ich denke auch wenn der Wille stark ist, sollte man die Möglichkeit eines Versagens schon als gegeben einschätzen und das Stresspotential dadurch nicht noch unnötig verstärken. Ich denke aber, dass nichts dagegen sprechen würde wenn er das nebenbei erlernt. Das ist ja durchaus möglich. Aber ebene nicht als Hauptstandbein...

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    1. Vielen Dank für deinen Beitrag! Lieber ein erfolgreiches Hobby als eine geschiterte Existenz...

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  2. Hi, leider reden wir gerade ohnehin von einer Sparte die überlaufen ist. Meiner Meinung nach, wird mit Faktor 3 gerade überausgebildet. Also Vorraussetzungen, in denen Menschen ohne Handikap schon ihre Schwierigkeiten haben.
    Doch bietet diese Branche mehr als genug Möglichkeiten, in der Sparte zu arbeiten ohne hinter dem Pult zu sitzen. Video, Licht, Netzwerktechnik, Organisation, Logistik, Rigging, alles Bereiche in denen eher gesucht wird, als im Tonbereich. Mein Rat wäre in dieser Richtung.
    P.S. Ich würde im Moment auch jedem Berufseinsteiger genau das gleiche sagen, da in meinen Augen die Plätze hinterm Pult in den Studios alle vergeben sind und auch bestimmt nicht mehr werden.

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    1. Lieber Hubert,
      vielen Dank für deinen Input! Ich teile deine Einschätzung, allerdings möchte ich auch darauf hinweisen, dass in allen Techniksparten - also auch der Tontechnik und hier vor allem im Veranstaltungsbereich - eine hohe Fluktuation herrscht. Viele meiner Mitvierzigerkollegen tauschen den FoH mit dem Schreibtisch. Sie werden Planer, Projektleiter, Verkäufer oder Lektoren.
      Ich glaube jedoch auch, dass vor allem bei Berufseinsteigern die Ansprüche ans Operating unterschätzt, und der "Hollywoodfaktor" überschätzt wird. Genau darüber möchte ich in meinem Blog aufklären, um die idealisierten Vorstellungen unseres Berufes etwas ins richtige Licht zu rücken.

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  3. Ich würde sagen ein learning by doing reicht um die lehre zu absolvieren und den beruf auszuüben. Ich weiß nicht wie viele stunden ich in meiner lehre mit meinem mitazubi im lager eine tonanlage aufgebaut haben, der erste musste eine frequenz via geq pfeifen lassen (mal leiser mal lauter) und der andere musste diese dann bestimmen. Immer abwechselnd.
    Haben es zum spiel gemacht und frequenzen versenken (angelehnt an Schiffe versenken) getauft

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    1. Es gibt bzw gab übrigens eine App, auf welcher man "Frequenzen versenken" spielen kann!!
      Der Danley Real Feedback Trainer. Leider gibts keine Version für das aktuelle iOS. Falls jemand eine Alternative kennt: bitte melden! :-)
      Ich bin allerdings der Meinung, dass es noch einiges mehr braucht, als Frequenzen zu kennen.

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    2. @Tonmeister

      hearEQ (http://www.tenkettles.com/heareq/) ist eine äusserst gelungene iOS App fürs Frequenzen-Training.

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  4. Hi Phil
    Ich habe letzten Herbst ein Knalltrauma erlebt. Mir hat's auf der Bühne beim Soundcheck ins InEar geknallt, da der Monitor-Mischer den einen Kanal nicht gemutet hatte. Keine Ahnung wieviel dB es waren, jedenfalls wurde mir schwindlig und übel. Beim ersten Hörtest hatte ich auf dem linken Ohr einen Verlust von 30%, was bei meinem vorher überdurchschnittlichen Gehör eine wahnsinnige Einbusse ist. Ebenfalls hatte ich einen Tinnitus bei ca. 3,4kHz, der aber glücklicherweise nach 3 Wochen wieder verschwand. Therapiert wurde ich mit 14 Tagen Kortison-Tabletten. Nach 2 Monaten musste ich wieder einen Hörtest machen und siehe da, aus den 30% sind nur noch 3% geworden! Auch für den HNO-Arzt ein rechts Wunder und unerwartet!
    Für mich als Berufsmusiker ist es schon mega von Vorteil, ein nicht beeinträchtigtes Gehör zu haben. Den Bassisten den du erwähnt hast kenne ich selber gut und hab schon einige Male mit ihm gespielt und über seine Tätigkeit als Produzent geredet. In beiden Bereichen ist er eine Granate! Ich denke, wenn man etwas wirklich will, dann kann man es auch schaffen.

    Weisst du, wann der Flüchtling das Knalltrauma erlebt hat, also wie lange das her ist?

    Liebe Grüsse
    Simon

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    1. Lieber Simon,
      vielen Dank für deine Nachricht! Ich bin sehr froh, dass es deinem Gehör wieder gut besser geht. In Ear Systeme sind für das Gehör mindestens so gefährlich wie Monitorlautsprecher. Aber du hattest Glück, das Gehör muss sich nicht zwingend regenerieren nach einem Knalltrauma. Leider habe ich keine Angaben darüber, wie lange es her ist seit diesem Audiogramm. Grüss mir den Granatenproduzenten ;-)

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  5. Hallo Tonmeister Philipp.

    Zunächst mal möchte ich Dir dafür danken dass Du dich dem Thema überhaupt annimmst, viele aus unserer Branche sind leider zu arrogant bzw eingefahren dafür.

    Ich kann Dir aus eigener Erfahrung, der Erfahrung einiger Kollegen, den Erfahrungen und Meinungen meines und anderer HNO Ärzte sowie Hörgeräteakustiker eines berichten: Es ist durchaus möglich als Tontechniker zu artbeiten und gute Arbeit abzuliefern.

    Zwischenzeitlich "geheilt" hatte ich einige Jahre lang einen Tinnitus (ca. 6 kHz) auf dem linken Ohr. Mein Ton-Audiogramm war zu der Zeit sehr ähnlich dem vom rechten Ohr auf der Abbildung in Deinem Artikel.

    Mal ganz ehrlich, wie oft sitzen wir im Studio und müssen auf einelne (Sinus)-Frequenzen hören? So gut wie nie, und wenn dann kann man die heute auch messen. Wesentlich wichtiger ist die Fähigkeit Sprache, Musik, Geräusche usw im Gesamten beurteilen zu können. Ich habe, wie viele andere Kollegen, jahrelang mit meinem Tinnitus gelebt und gearbeitet. Das grösste Problem am Tinnitus ist in 90% der Fälle ein psychisches - für den Betroffenen, die Belastung kann enorm sein, gerade wegen der damit verbundenen Angst. Trotzdem kann man lernen damit umzugehen und dann auch Musik zu geniessen, zu beurteilen und zu bearbeiten. Das Gehör kann ausserdem trainiert werden, mit oder ohne Beeinträchtigung.

    Ein weiterer Punkt bei der Beurteilung von Musik den man nicht ausser Acht lassen sollte ist die Gewohnheit. Wenn ich meine Referenz kenne kann ich mich auch danach richten. Das ist fast so wie bei Studiomonitoren. Es gibt Leute die auf Monitore wie JBL Control 1 mischen und erstklassige Arbeit abliefern (hab da sogar mal was von einem Filmkomponisten/Mischer gelesen). Dass die JBL C1 deutliche "Behinderungen" haben im Vergleich zu dem was wir von ATC, Dynaudio, Genelec usw kennen dürfte keine Frage sein. Womit wir wieder bei meinem Hautargument sind: Das Beurteilen von Musik.

    Du glaubst gar nicht was man trotz Pfeiffen im Ohr oder anderer Schäden noch alles hören kann. Viele in unserer Branche wollen das nur nicht wahr haben, und die anderen (Betroffenen) trauen sich in der Regel nicht darüber zu reden.

    Lies mal in Wikipedia nach über "Evelyn Glennie". Sie ist zwar Musikerin und keine Technikerin, für mich aber trotzdem und gerade wegen ihrer Geschichte sowas wie eine Heldin.

    LG

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    1. Lieber anonymer Beitragsschreiber,
      mit großem Interesse habe ich deinen Beitrag gelesen.
      Ich bin Musikproduzent und habe seit einem halben Jahr auch eine Hörkurve, die der oben beschriebenen sehr ähnlich ist; außerdem einen Tinnitus in der Gegend von 6kHz.
      Du schreibst, du seist mittlerweile geheilt - mich würde sehr interessieren, wie es dazu gekommen ist?
      Alle Ärzte sagten mir bislang, ich müsse mich mit meinem schlechten Gehör abfinden.
      Durch das Lesen deines Beitrags keimt bei mir Hoffnung!

      Und vielen Dank für deinen Hinweis zu "Evelyn Glennie"; ich habe mir den Film "Touch the Sound" angesehen; wunderbar und sehr berührend!

      LG

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  6. Hi und vielen Dank für den interessanten Post! Das lese ich gerne mal nach über Evelyn Glennie.
    Ich möchte deine Aussage gerne bestätigen, es ist verblüffend, welche Dellen im Audiogramm das Gehirn interpolieren kann. Vielfach unterschätzt werden jedoch die Hörschäden, welche sich im Laufe der Zeit ergeben. Man spricht hier vom Verlust der Diskrimantionsfähigkeit, das ist die Fähigkeit, die Nebengeräusche zu "diskriminieren" und die gewünschte Information zu dekodieren. Etwas weniger schwurblig: In der lauten Bar den Tischnachbar verstehen. Diese Fähigkeit nimmt mit dem Alter ab. Es geht also nicht nur darum, dass man bei einem Hörschaden leise Signale nicht mehr wahrnimmt, sondern dass man Signale nicht mehr auseinanderhalten kann. Weiter erträgt man sehr hohe Pegel immer weniger. Man wird also nicht generell unempfindlicher, sonder der Pegelbereich, welchen man für sich nutzen kann wird gegen unten und oben eingeschränkt, und die Pegeldifferenz zwischen der gewünschten Information und dem "Störsignal" muss höher sein.
    Ich erinnere mich an meinen Grossvater, der sich mit zunehmendem Alter über die Fernsehmischungen beschwert hat, bei welchen man "ja kein Wort versteht, wenn die Hintergrundmusik so laut ist". Ja, der Grossvater hatte im zweiten Weltkrieg noch die Flubabwehrkanone bedient - ohne Gehörschutz, versteht sich...

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  7. Auch wenn das Thema schon älter ist. Die oben dargestellte Hörkurve kommt mir sehr bekannt vor. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass dieses "Defizit" ohne große Probleme mit einem Hörgerät ausgeglichen werden kann. Zu beachten wäre hier nur die richtige Wahl der Hörgeräte. Es gibt aber sehr hilfreiche Akustiker oder HNO Ärzte bzw. das Deutsche Hörzentrum kann hier auch unglaubliche Unterstützung leisten. Trauriger ist nur, dass unsere "Profis" dieses Thema gern ausblenden oder "von oben herab" beurteilen. Die Probleme auf die der Flüchtling stoßen wird werden sich eher in Form von Ausbildern, Arbeitgebern und Berufskollegen darstellen.

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Liebe Grüsse, der Tonmeister!