Mittwoch, 27. April 2016

"Wie bekommt man als junger Produzent eine Chance?" Der Tonmeister antwortet:

Immer wieder bekomme ich Rückmeldungen zu Posts oder Fragen. Das freut mich natürlich und ich werde hier ab und an die eine oder andere Frage beantworten.




"Hey. Wie bekommt man eine Chance als unbekannter Produzent? Ich habe eine gute Spürnase bei verschiedenen Stilen. Pop, EDM, Metal, Hip Hop, Latin usw. Ich mag alles Gute.
Ich bin selber auch Tontechniker und Musiker seit Jahrzehnten."

Lieber Thomas,

vielen Dank für deine Fage. Obwohl dieser Blog "Tonmeisterblog" heisst und nicht "Producerblog" werde ich versuchen zu Antworten: Eine Chance bekommt man nicht, man schafft sie sich selber. Doofe Antwort erstmal, ich weiss. Deswegen hier ein paar Erklärungen.

Vielleicht zuerst einmal: Was funktioniert eher nicht:

1. Sich ein Studio zusammenkaufen und denken, mit dem passenden Equipment kommen auch die passenden Kunden. Im besten Fall und mit viel Geld wirst du dann Studiobetreiber, aber nicht erstinstanzlich Produzent. Viel wahrscheinlicher ist es, dass dir auf halbem Weg die Kohle ausgeht und du dich mit anderen Jobs über Wasser halten musst.

2. Eine Schule besuchen und dann behaupten, man hätte Produzent gelernt. Nichts gegen Schulen! Aber die beste Ausbildung nützt nichts ohne Erfahrung. Kein Diplom ist in dieser Branche soviel wert wie Arbeitsreferenzen. Am besten besitzt man beides. Deine Frage zielt natürlich darauf ab, wie man die Referenzen erhält. Dazu später. Nur noch eines hier:
Ich empfehle eine Schule im Ausland. Nicht weil unsere schlechter wären, sondern, weil ein Auslandaufenthalt immer persönlichkeitsbildend ist. 

3. Tontechnik studieren und dann hoffen, man hätte Musik verstanden, oder umgekehrt Musik studieren und dann glauben man könne danach im Studio hinter dem Mischpult sitzen. (Also man kann da schon sitzen, aber.. du verstehst). 

4. Professioneller Livetechniker sein und glauben, man könne ohne Weiteres im Studio mischen, und dann in der Folge auch produzieren. Nur weil man auf der Bühne und im Studio XLR-Kabel braucht und mit Lautsprechern und Mikrofonen zu tun hat, heisst das noch lange nicht, dass man einfach switchen kann. Diese Tätgikeiten sind weniger artverwandt als man denken würde.

Die Liste ist nicht abschliessend. Als ich mit 16 Jahren das erste Mal eine Band aufgenommen habe auf mein Vierspur-Kasettendeck von Fostex wusste ich davon überhaupt nichts und hab den einen oder anderen Fehler auch selber gemacht. Deswegen schreib ichs ja auf - es muss ja nicht jeder zwingend jeden Fehler selber nochmals machen.

Nun also, was hilft auf dem Weg zum Produzenten? Die Voraussetzungen dazu sind ziemlich hoch. 

Verstehe Musik
Vor allem die, die du produzieren willst. Verstehen heisst für mich, den theoretischen Hintergrund zu haben, aber auch Musik machen zu können, selber Instrumente spielen können. Also doch Musikstudium? Kann sein, muss aber nicht. Kommt darauf an, wie man sich selber bilden kann. Auf jeden Fall muss man selber Musik auf hohem Niveau machen können, je nach Stil auch am Computer. Aber ohne ausserordentliches musikalisches Talent sucht man sich besser einen anderen Beruf.

Werde Stilsicher
Entwickle den Instinkt für guten Stil und Kommerzialität. Aua. Ich hab lange gesucht, wie ich das schreiben soll. Aber letzten Endes ist es halt so, dass sich nur Musik verkaufen lässt, für die sich auch ein Publikum findet. Ich muss zugeben, dass ich nicht sicher bin, ob man das überhaupt lernen kann und soll oder ob es einem einfach gegeben ist. Man muss diese Fähigkeit aber auf jeden Fall besitzen und permanent weiterentwickeln. Es ist aber eben so klar, dass kommerzielle Überlegungen ein Todfeind der Kreativität sein können. Ohne den inneren Drang, im richtigen Moment der Kreativität Raum lassen zu können  wird man nicht erfolgreicher Produzent, glaube ich.

Werde Menschenkenner
Musiker, Künstler und Interpreten sind häufig ambivalente, sensible und eher komplexe Menschen. Wer keine Antennen hat für Befindlichkeiten, Stimmungen und Gruppendynamik (gerade bei Bands herausfordernd), der wird es schwierig haben, das Vertrauen zu finden. Wer kennt den Running Gag nicht: "Heute feiern wir unsere CD-Taufe und geben auch gleich die Bandauflösung bekannt." Mehr als einmal vorgekommen. Die Scheibe ist zwar veröffentlicht, aber die Band hat sich im Studio zerstritten. Das nützt dir dann als Produzent auch nichts, wenn sich die Referenz quasi in Luft auflöst. Die grösste Herausforderung als Produzent ist, den Laden zusammenzuhalten und dabei noch originelle und möglichst erfolgreiche Produkte abzuliefern.

Sei sattelfest in Musiktechnik
Verstehe Musiktechnik, nicht zwingend elektrotechnisch in jedem Detail, aber musikalisch. Was macht dieses Tool, wie klingt was? Je differenzierter, desto besser. Das ist mehr aus der Not geboren. Früher haben Produzenten mit der Technik nix am Hut gehabt. Das geht heute glaube ich nicht mehr. Ein Grundverständnis und ein schneller Worklfow sind zwingend. Viele Produzenten können aufnehmen, arrangieren, mischen und so weiter. Aber dies hat mehr mit dem Kostendruck zu tun. Wenn ich produzieren darf, versuche ich, den Mix auswärts zu geben. Aber wenn das nicht geht, dann zumindest das Mastering.

Zurück zu deiner Frage, wie kommt man nun ins Spiel?
Geh raus, an Konzerte, in Proberäume, lerne Musiker kennen.  Schau dich um auf Musikpages wie mx3.ch etc. Trete in Erscheinung, knüpfe Kontakte in der Branche, besuche M4Music etc. Besuche viele Studios, versuche dich als Assistent oder Co-Produzent nützlich zu machen. Biete deine Hilfe an. Investiere in deine Skills, beobachte genau, sei Gast oder Mitmusiker bei Sessions. Erwarte nicht, dass du in den ersten fünf Jahren substantiell verdienst. Es ist eine gute Idee, zu Beginn nicht finanziell von dieser Arbeit abhängig zu sein. Sehe es als Investement. Ich meine nicht generell gratis zu arbeiten. Dein Gespür wird dir sagen, wann es Zeit ist, für deine Arbeit welche Entlöhnung zu verlangen. Unter Wert verkaufen ist genauso gefährlich wie Hochstapelei. Aber es gilt der Satz: Tue Gutes und sprich darüber. 

Auch als "junger Produzent" muss man also schon über einiges an "eisernem Rüstzeug" verfügen - viele Stunden investiert haben und einen gewissen Erfahrungsschatz besitzen. Der Künstler oder die Band, die sich einem anvertraut geht ja zu einem Produzenten, weil dieser über diese Fähigkeiten verfügt - und diese erlernt man am besten in den eigenen Lehr- und Wanderjahren.  Es ist alles gleich wichtig; Know-How, Stil und Persönlichkeit, und dann braucht es auch etwas Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aber man kann seine Chancen erhöhen, wenn man nicht im eigenen Kabäuschen bleibt, sondern frisch und fröhlich auf die Menschen zugeht.







Kommentare:

  1. Hmm, dieser Text gibt mir das nachdenken. Obwohl ich persönlich da vielleicht nicht so schwer hätte.
    Ich bin Hauptberuflich Computerfachmann und Nebenberuflich (aber noch keine Einnahmen) komponiere für mein elektronisches Orchester. Dort spiele ich auch, und allgemein ein gutes Konzept steht da schon. Jedoch denke ich derzeit das ich etwas mehr in die Tasche nebenbei bekommen könnte, und somit auch für andere Genres der Musik produzieren könnte. Verbindungen habe ich da gut, weil ich auch hier in der Stadt einen großen Künstlertreff leite, wo fast immer +50 Gäste sind. Und auch durch meinen Computerberuf kenne ich viele Musiker. Und da ich eh für mein Orchester komponiere, dachte ich eben: Auf ein Orchester Lied sollte in Zukunft ein Fremd-Lied folgen.
    Und somit war bislang das Konzept dort: Ein paar Demo-Songs produzieren, Webseite aufmachen und bei meinen Verbindungen Hallo sagen.
    Gewerbe als Musik-Produzent habe ich schon 2013 eröffnet, weil ich da mir mein Studio einrichtete und damals die ersten Gedanken kamen wegen Orchester usw.
    Tja mal schauen was draus wird. Trotzdem werde ich mir deinen Text mal ausdrucken, und an die Wand hängen. Danke!

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  2. Lieber Christian, vielen Dank für deine schönen Worte. Ich denke, du bist auf dem richtigen Weg, so wie du das angehst. Solange du dich nicht als Newbie abhängig machst vom Einkommen als Produzent wirst du dir die Freiheit behalten, das zu tun, was sich gut anfühlt und nicht aus der puren Not heraus auch noch volkstümlichen Schlager produzieren, ohne es mit dem nötigen Herzblut zu wollen. Alles Gute und viel Erfolg

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Vielen Dank für deine Anmeldung!
Liebe Grüsse, der Tonmeister!