Samstag, 19. März 2016

Das Home Studio - des Tonmeisters Kaufberatung

Auf die Gefahr hin, dass sich vielleicht einige Leser jetzt dann gerade klar werden, dass ein Tonstudio nicht mehr zwingend nötig ist um gute Aufnahmen zu machen, schreibe ich heute von den essentiellen Tools, die für ein Homestudio nötig sind. Um im Proberaum eine ganze Band aufzunehmen braucht es natürlich einiges mehr an Equipment und da mag es sich schnell nicht mehr lohnen alles anzuschaffen, aber Vocal- oder Sprachaufnahmen lassen sich zuhause gut bewältigen. Ich nehme immer wieder Bands im Studio auf, welche dann die zeitaufwändigen Vocalrecordings zuhause oder im Proberaum selber machen, und mir dann die Tracks zum mischen wieder übermitteln.

Was braucht es?

1. Einen Computer: Für Recording braucht es inzwischen keine besonders starken Rechner mehr. Die meisten bewältigen diese Aufgabe im Halbschlaf. Wichtig ist, dass er keinen Lüfter hat und eine leise Hard Disk (z.B. SSD). Dann kann man ihn auch gleich selber bedienen, wenn man sich selbst aufnimmt und braucht ihn nicht in einen anderen Raum zu stellen.

2. Eine Software: Die üblichen verdächtigen sind hier Pro Tools, Logic/Main Stage, Cubase/Nuendo, Ableton Live, Pyramix und viele mehr. Mir hat es vor allem Reaper angetan. Auch wenn ich nicht regelmässig damit arbeite finde ich dieses Tool fantastisch im Handling - und es ist fast gratis (Lizenz kostet ca 60 Euro).
Für alle, die sich ernsthaft mit der Software auseinandersetzen wollen sei dieses Forum empfohlen.
Wichtig! In den Einstellungen die Audio Buffer Size auf Minimum stellen. Low Latency ist King!

3. Ein Audiointerface: Da gibt es tatsächlich schon USB Interfaces für unter 100 Euro, die alles können, was man braucht: Mic-Input/Kopfhörerausgang etc. Ich werde mich hüten, hier eine Kaufempfehlung abzugeben, aber dies ist auf jeden Fall ein Gerät, in welches ich etwas mehr Geld investieren würde. Vor allem ist zu prüfen, wie gut die dazugelieferte Software und die Treiber sind. Mit renommierten Marken wie RME, Motu, Apogee etc kann man eigentlich nichts falsch machen.

4. Das Mikrofon: Man kann es nicht genug oft sagen. Es gibt nicht DAS MIC. Es gibt ein paar wenige, sündhaft teure, die klingen immer gut, aber es gibt viele günstige, die für die eigene Stimme oder die jeweilige Aufgabe vollends den Zweck erfüllen können. Die Kunst ist also, das Richtige zu finden. Das ist schwierig, weil man es wirklich in der eigenen Umgebung ausprobieren und vergleichen können sollte. Gerade in einer akustisch weniger optimalen Umgebung kann ein dynamisches Mic wie das Shure SM7B grossartige Dienste für Sprache und für Gesang leisten, da es solide klingt und wenig Umgebungsgeräusche aufnimmt. Es wird häufig in Radiostudios benutzt und auch ich nehme damit viel Sprache und manchmal auch Gesang auf. Wer sich doch lieber für ein Kondensator Mic entscheiden möchte, sollte sich zwei Dinge klar sein: Ein teures Markenmic kann man nach Jahren auch noch zu einem anständigen Preis weiterverkaufen, ein günstiges Mic wird seinen Wert unter Umständen schnell verlieren auf dem Gebrauchtmarkt. Als Novize ein gebrauchtes Mic auf Ebay zu kaufen kann auch ziemlich in die Hose gehen, da man wissen muss, worauf zu achten ist. Ich empfehle entweder eine ausgedehnte Kaufberatung in einem oder besser mehreren Geschäften. Aber auch hier, mit ein paar bekannten Grössen kann man nichts falsch machen. Das AKG C414 oder das Neumann TLM 103 sind sichere Werte und werden immer solide Ergebnisse liefern, aber es kann sich auch lohnen, unbekannte Marken auszutesten. Empfohlen sei an dieser Stelle Advanced Audio.


5. Mic Preamp. Auch da gibts schon Geräte für wenige Euro. Ich muss es leider sagen - ich hasse billige Preamps. Diese vermaledeiten, rauschigen, harten, kratzigen Dinger...
Drei einfache Dinge kann man sich merken beim Preampkauf: Wie viel dB Verstärkung machen sie? Je mehr, desto besser: 40 dB ist das Minimum, 60 dB sind sehr gut, 70 und mehr sind astronomisch.
Man wird diese Verstärkung kaum je brauchen, aber sie klingen dann im Standgas einfach neutraler ;-)
Das zweite Qualitätsmerkmal ist das Rauschen. Man schliesst KEIN Mic an, dreht ihn langsam ganz auf und hört sich mal an, was jetzt aus dem Micpreamp kommt. Rauscht es gar nicht - hat man etwas falsch gemacht und hört sich den Preamp gar nicht an :-)  - jeder rausch irgendwann!
Ansonsten: Je weniger er rauscht, desto besser, man lasse sich jedoch nicht von Datenblättern täuschen; ausprobieren und hinhören.

Das letzte Merkmal ist: Wie verzerrt er, wenn er in den roten Bereich gefahren wird? Das kann man sehr einfach ausprobieren, indem man ein Mic anschliesst, dein Eingang aufdreht und den Ausgang runterdreht. Dann reinsprechen und aufdrehen bis er übersteuert. Achtung, bitte mit Kopfhörer arbeiten bei diesem Versuch und dessen Pegel zurückstellen  - Aua aua...

Also: Wieviel dB Gain, wie rauscht er und wie klingt er, wenn er verzerrt. Einige Preamps klingen richtig richtig toll, wenn sie etwas zerren (jaaa, das sind die teureren) und bei manchen wünscht man sich, dass man dieses Geräusch nie mehr erlebt (ja, das sind die billigen).
Müsste ich mich für einen Bezahlbaren entscheiden, würde ich wohl einen Portico wählen. Aber auch hier ist vieles Geschmackssache.

6. Die Akustik: Für Sprache und Gesang eignen sich Absorber wie diese von Aston oder solche von sE Electronics. Diese Dinger sind leider wirklich fantastisch und machen so manchen Studiojob überflüssig. Ein Muss für jeden, der zuhause aufnehmen will. Es lohnt sich, nicht im Badezimmer sondern in der Stube oder dem Schlafzimmer aufzunehmen, wo die Akustik dank Möbeln schon trockener ist - es sei denn, man will klingen wie auf'm Klo...

7. Der Kopfhörerverstärker. Ich hasse billige Kopfhörerverstärker. Wirklich. Weg damit. Zuwenig Pegel, schlechter Klang, rauschig, schlechte Anschlüsse, billige Potis... Nein, zu hülf!
Wer wirklich einmal den Unterschied gehört hat zwischen einem Lake Poeple und einem xxx-superbillig, dem wird die Entscheidung leicht fallen. Es gibt noch mehr gute Produkte neben dem obgenannten, aber auch hier gilt, was bei den Micvoverstärkern gilt - Qualität hat hier ihren Preis.

8. Der Kopfhörer: Man komme mir nicht mit diesen grossen farbigen Modeteilern mit dem "b" oder den Iphone Earplugs. Es ist aber letztendlich Geschmackssache. Einen der beliebtesten Studiokopfhörer ist der hier von monorpice für 39 USD. Er ist unglaublich robust, laut, leicht und schliesst gut. Mehr muss ein Kopfhörer nicht können. Für meinen Geschmack hat er etwas viel Bass, was beim Einsingen ein Nachteil sein kann. Ansonsten sind Sennheiser und Beyerdynamic sichere Werte, auch wenn man da schnell zehnmal soviel ausgibt für einen Kopfhörer.

9. Zubehör: Einen massiven Micständer (Tama oder K&M), ein Popschutz, eine anständige Verkabelung, vielleicht ein robuster Notenständer mit Lochplatte (!!), eine Mikrofonspinne (Halterung wie auf dem Bild) und je nachdem einen geräuscharmen Stuhl  - und schon hat man eigentlich alles beisammen, um absolut professionelle Aufnahmen zuhause machen zu können.

ABER: Know-How lässt sich nicht kaufen. Das professionelle Studio in der Umgebung wird einem gegen ein kleines Entgeld  bestimmt beim Setup helfen. Diese Jungs wissen meist mehr über Recording als der lokale Musikhandel. Das ist gut investiertes Geld. Man muss sich auch bewusst sein, dass das Handling der Recordingsoftware und auch die  richtige Nachbearbeitung verstanden und gelernt sein will. Noch Fragen? Der Tonmeister hat immer ein offenes Ohr :-) Happy Recording!

P.S. Ich pflege keine Beziehung zu einer der genannten Firmen und  bekomme auch keine Kohle. Wer andere Tipps hat für Equipment schreibe dies bitte in den Kommentar - man lernt ja nie aus!

Mittwoch, 2. März 2016

Die Wahl des Produzenten: Max Martin vs. Rick Rubin

Wer ein Album aufnehmen möchte, sollte sich gut überlegen, ob er dies mit oder ohne Produzent machen möchte. In der Popmusik auf einen zu verzichten vergleiche ich gerne damit, einen Film ohne Regisseur zu drehen. Das kann für den Heimgebrauch funktionieren, aber dass es ein Blockbuster wird, ist eher unwahrscheinlich. (Natürlich kommen jetzt all die Beispiele wie Lenny Kravitz, dass es auch ohne geht, verdammt- Lenny's a fuckin' genius you know?)

Um Produzenten ranken sich immer wieder Mythen, denn mit welcher Tätigkeit sie genau ihr Brot verdienen bleibt häufig unklar. Und ab und an ist es ziemlich viel Brot, welches sie da so verdienen...
Die weniger erfolgreichen (die mit den kleinen Brötchen) bleiben zwar zwangsläufig unbekannt, die erfolgreichen jedoch scheuen das Scheinwerferlicht ganz bewusst.
Sie bevorzugen es den Stars ihren Ruhm zu lassen. Denn sie kennen die Rollenverteilung  - und diese ist klar: Es gibt Songwriter, Interpreten und Produzenten. Der mit Abstand lukrativste Job hat der Songwriter; mit Bleistift, Papier und einer guten Idee Millionen scheffeln - das kann nur der Songwriter. ABER: Dazu braucht es zwingend einen Produzenten, der die Idee umsetzt und einen Interpreten, der sie glaubhaft verkauft. Für den Konsumenten sichtbar wird nur der Interpret.
Wer wissen möchte, wie Interpreten in Wirklichkeit heissen, oder wer welchen Song geschrieben und produziert hat, dem sei folgende Webseite empfohlen: Etwas versteckt auf der SUISA Hompage findet sich  ein Link zu einer Datenbank mit den Namen derer, welche man nicht auf dem roten Teppich sieht.

Nun, was machen Produzenten denn nun genau? Dass man diese Frage nicht pauschal beantworten kann wird einem sehr schnell klar, wenn man zwei der erfolgreichsten betrachtet. Rick Rubin und Max Martin. Beide sind im Olymp der Popmusik längst verewigt. Ihre Arbeitsweise aber könnte verschiedener nicht sein. Sie unterscheiden sich jedoch auch in ihrer Vision. Rick Rubin sagt in diesem Making of mit Black Sabbath: : "Mein Ziel ist es, etwas zu erschaffen, das man FÜR IMMER anhören kann." Musik für die Ewigkeit - bei seinen Zielen soll man ja nicht zu bescheiden sein...
Da lümmelt er mit einen Talk Back Mic auf seiner Couch rum und sagt der Band O-Ton:"Das war schon gut, aber das könnt ihr noch besser" (Wie ich das auch schon beschrieben habe). Das sieht einfach aus - ist es aber eben nicht. Richtig zuhören können ist bei seiner Arbeitsweise essentiell.  Ein guter Psychiater stellt die richtigen Fragen und kann gut zuhören - ähnlich funktioniert das bei Rick Rubin im Studio - die Musiker finden im Prozess zu sich selbst. Dann entseht authentische Musik und diese überdauert dann auch eher den Test der Zeit.

Das Streben nach zeitlos gültiger Musik jenseits des Stils wird bei ihm sichtbar, wenn man seine Diskographie anschaut: Von Eminem über Slayer bis zu Johnny Cash. Bei letzterem wird das Wirken eines guten Produzenten überdeutlich. In diesem Video erzählt Johnny Cash über seine Arbeit mit Rick Rubin.  Es war sein 81. (!!) Album, aber das erste mit Rick Rubin und es brachte ihm nach eher harzigen Jahrzenten seinen Ruhm der 50er zurück. Weitere Alben folgten, und wenn man sich "One" von Johnny Cash anhört dann steckt da  SEINE Essenz UND die des Songs drin. Mehr kann man als Zuhörer nicht erwarten und als Produzent nicht wollen.
Auch den jetzigen Hype um Mindfullnes - Achtsamkeit - hat er hier schon einmal vorweggenommen. 3 Minuten youtube, die sich lohnen.

Ganz anders Max Martin. Alter Schwede! Der Typ ist wohl in denselben Zaubertrank gefallen wie Björn und Benny von ABBA, deren Anteil am schwedischen BSP Ende 70er Jahre höher war als jener der dortigen Stahlindustrie.
Ob sich seine Werke für immer anhören lassen, sei dahingestellt. Seine Musik ist für das Jetzt. Jetzt jetzt. Die Smash Hit Maschine funktioniert mit einem Heer von Songwritern, Arrangern und Sound Designern. Er verdient sich sein Brot nicht - er hat sich eine ganze Bäckereikette zugelegt und bleibt als Person trotzdem quasi unsichtbar.
Dieser Zusammenschnitt zeigt eine Zeitreise des Plastickpops von 1990 bis Justin Bieber und Taylor Swift. Martins Diskographie ist angsterregend. Seit er durch die Decke ging kann man kein einziges Popradio hören ohne zwangsläufig über seine Werke zu stolpern.


Dass nun Rubin oder Martin eine Kollaboration mit Annegreth vom Thurbental eingeht,  ist also eher unwahrscheinlich - wenn auch nie ausgeschlossen. Vielleicht hat Annegreth ja das gewisse Etwas und ist unglaublichst talentiert. Aber die Resourcen solcher Titanen sind begrenzt und Annegreth wäre wohl gut beraten, sich erstmal einen Produzenten aus der Gegend zu suchen. Und auch bei der lokalen Produzentengarde könnten die Unterschiede nicht grösser sein. Zwei Beispiele:

Roman Camenzind, dessen Studio sinnigerweise Hitmill heisst, beschäftigt ein stattliches Team an Mitarbeitern und prodziert quasi am Laufmeter  lokale Hits.
Thomas Fessler, der seinen Arbeitsplatz "Playground" genannt hat, ist seit dreissig Jahren ein fester Bestandteil der Schweizer Musikszene und darf sich zugute halten lassen, den einen oder anderen Mundart- Evergreen erschaffen zu haben.
Zumindest in der Deutschschweiz kann man kein Popradio hören ohne diesen beiden jeden Tag zu begegnen. Ob Annegreth bei ihnen eine Chance hätte, hängt von ihrem Können ab.

Nun wird folgendes klar. Der Interpret wählt nicht den Produzenten, sondern umgekehrt. Oder etwas weniger extrem - die Zusammenarbeit muss gegenseitig erwünscht sein.
Wie also finde ich den passenden Produzenten, bzw wie findet er mich? :-)

Ganz einfach: Sich schlau machen ("was macht der so?"), anrufen, Demo verschicken, vorbeigehen. Wenn man nicht weiss wo suchen, dann hört man sich am besten lokale Musik an und sucht nach deren Produzenten. Den Link hab ich ja weiter oben geschrieben. Und dann empfiehlt es sich, zwei oder drei verschiedene zu besuchen und danach zu entscheiden. Immerhin geht es um die Frage: Wem vertraue ich meine Musik an?