Montag, 25. Mai 2015

Firmware Update from hell

Ich kann den Post nicht anders beginnen: Früher war alles besser.
Da hatte man ein ein analoges Mischpult mit 48 Inputs (350 kg), ein paar Sideracks (200kg) ein analoges Multicore (je nach Länge auch nochmals 200kg).
Ein Fader, ein Taster oder ein Poti hatten je eine Funktion, ein Blick aufs Pult beantwortete alle Fragen. Input 1 war auf Kanal 1 (was sonst?),  Input 2 war auf Kanal 2 etc ... Ich denke, diese Logik ist, ähm - logisch. War auch nötig, weil es sonst schnell etwas unübersichtlich wurde:


Man wusste: entweder es spielt, oder es spielt nicht. Wenn nein hatte man zwei Möglichkeiten: Voltmeter und Lötkolben rausholen oder ganz einfach neues Equipment ordern. Soweit so gut. Dann kam digital. Das Zeug ist zwar keine 200 kg mehr schwer, kann aber zehnmal soviel und kostet dafür  nur einen Viertel. Sehr geil! Aber wehe, weeehe, es spielt nicht.

Wir Tonmeister haben uns daran gewöhnt, dass ein Fader auf einem digitalen Pult knapp 200 Parameter anzeigen kann. Wir haben uns an Touchscreens gewöhnt, welche unlesbar sind bei Sonnenschein, wir haben uns halbwegs daran gewöhnt, dass wir neben dem analogen Patch nun noch eine digitale Matrix managen, die auf jedem einzelnen Gerät nochmals einzeln gepatcht werden will. An was ich mich irgendwie nicht gewöhnen kann: dass ich zum Third Level IT Supporter werden muss, um Ton auf meinem Pult zu haben.

Da hatten wir kürzlich diese Produktion, da war ein digitales Setup mit zehn Komponenten. Das Pult kam aus Norddeutschland, die Switches von der Firma W, die Wandler von den Firmen X und Y und der Ü- Wagen von der Firma Z. Die Marke der Audiokomponenten war zwar überall die gleiche - wir sind ja nicht blöd -  aber was nun folgte war eine Workshop zur Erweiterung der Frustrationstoleranz.
Da wir ja wie gesagt nicht blöd sind, haben wir das Firmware Update 3.0  (nagelneu ;-) ) im Vorfeld nicht aufgespielt auf unsere Komponenten, weil a) 2.0 sich bewährte und man b) einen Termin bestimmt hatte, an welchem dann alle Firmen gleichzeitig updaten, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Guter Plan. Hatten leider nicht alle Firmen mitbekommen, doof aber auch.

Das Pult war halt nun doch schon auf 3.0 und hatte überhaupt keine Lust mehr, mit der eigenen Peripherie zu sprechen. Das arme Pult litt an digitalem Autismus. Es sah die anderen Teile, aber man konnte diese nicht fernsteuern, wie man das hätte können müssen... und so blieb uns nur eines, nämlich alles andere auch mit 3.0 zu versehen. Irgendwo in der Pampa mit Internet über Iphone ging die Suche nach den Firmwares los. Pro Device vergeht dann gut und gerne auch einmal eine halbe Stunde bis es aufgespielt ist - wenns denn läuft. Bei gewissen Teilen gings dann erst beim zweiten oder dritten Anlauf - oder überhaupt nicht. Gulp. Auszug aus der Anleitung: "Wenn das Update nicht erfolgreich war wenden sie sich bitte an den Händler"  - am Freitag Abend um 22.00 Uhr ein etwas schwieriges Unterfangen.

Nachdem wir dann schlussendlich die nötigsten Teile am Start hatten kam die grosse Überaschung: Es lief nicht. Nun ging die Fehlersuche erneut los. In der Gegend rumtelefoniert, Krisensitzungen abgehalten, Plan B und C abgecheckt, Setup auseinandergenommen, verkleinert, Fehler suchen, langsam an sich selber zweifeln und den Soundcheck verpassen...
12 Stunden später entscheiden, dass man jetzt doch mal schlafen geht, ein nicht funktionierendes Setup in der Halle stehen hat und weiss, dass es in zwölf Stunden laufen muss.

Anderntags reservierten wir ein Ersatzsetup, und dann wurde weiter rumprobiert. Irgendwann kam mein Kollege auf die Idee, das Pult nochmals mit der 3.0 zu bespielen... 11.30 Uhr, Tadaaah, es funktionierte! Man hatte uns offensichtlich ein Pult mit korrupter Firmware geliefert.
An das hatte niemand gedacht. Und es war ja auch nicht offesnichtlich - das Pult lief! Es war nur etwas autistisch und dies wegen inkompatibler Firmware der Peripherie - das war aber offensichtlich nur ein Teil der Wahrheit. (Murphy, wenn ich dich mal treffe, dann... dann... grmbl)

Und genau hier liegt das Problem bei dieser Art Arbeit - die Grenze zwischen Equipment Maintenance, Support und Setup verschwimmen. Wo fängt bei dieser Art Problemen meine Pflicht an und wo hört sie auf? Und wer löst denn das Problem auf Platz wenn nicht die Tonmenschen, die eigentlich ganz etwas anderes zu tun hätten? An dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön an all die lieben Kollegen, welche die eigene Arbeit haben liegen lassen um mir aus der Patsche zu helfen!
Wer glaubt, digital läuft oder läuft nicht, irrt. Digital verarscht einem. Läuft so ein bisschen, zeigt mal ein Error hie und da. Man rebootet und der Fehler ist weg, oder man rebootet und es läuft schlechter. Und so weiter. Bei gewissen Pulten freezed das Surface während der Show für ein paar Sekunden, dann heisst es "Finger weg". Es erholt sich dann wieder und man darf weiterarbeiten... Ein analoges Mischpult hab ich noch nie abstürzen sehen. (Ausser beim Truck beladen - aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Liste ist endlos. Die Systeme werden immer grösser und dafür auch instabiler. Der Wettbewerb der Mischpultfirmen macht den User zum Betatester und es gibt kaum noch eine Produktpräsentation, welche nicht mit dem Satz endet: "Zur Zeit kann das Pult leider noch nicht ... bla bla bla, aaaber beim nächsten Firmware Update kann das Pult dann auch noch x, y, und z, Kaffee kochen, staubsaugen und die Lottozahlen vorhersagen...."

Das ist alles sehr lieb von euch. Ich möchte aber eigentlich nur eins: dass es läuft. stabil läuft.verlässlich und unkaputtbar. Ohne dass ich mich um solchen Kram kümmern muss.

Dabei gings doch mal um Musik, ums Klangbild, um Tiefenstaffelung, Räume und Levels. Ach, ich Romantiker. Es geht um IP-Ranges, Device ID's und Firmware Versions. Um digitale Matrix, Routing, Patches und Setups.

Ja früher, früher war alles...








Kommentare:

  1. 1A geschrieben! so true! ;)

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  2. Jürgen Broger25. Mai 2015 um 21:26

    Ja, das hat was.... Seitdem alles Digital läuft ist man zwar flexibler in der Anwendung, aber man hat Probleme zu lösen, die man früher gar nicht kannte.
    Ein Hoch auf den Fortschritt. ;-p

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  4. Aber besser anzuschauen ist es (1. Bild)! Oder?

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  5. Kein Problem! Zahl einfach wieder das 4fache für ein Zehntel der Features und 1t Material. Unter diesen Bedingungen könnte man übrigens auch hervorragende Digitalpulte bauen...

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  6. Dann lieber gleich ganz analog:-)

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  7. Also ich als Musiker vermisse die klangliche Eigenwärme, die ein analoges Setup hatte.Toll, digital kann ich mit meiner Kapelle sämtliche Mixes als Presets abspeichern und einen Furz klingen lassen, als käme Thor aus Midgard auf nen Prosecco vorbei, aber es fehlt mir das Leben. Und ich sag mal, lebt der Tonband nicht mit der Musik, dann kannst Du noch soviel Kohle ausgeben, vorne kommt nur Kacke raus!

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  8. Also ich als Musiker vermisse die klangliche Eigenwärme, die ein analoges Setup hatte.Toll, digital kann ich mit meiner Kapelle sämtliche Mixes als Presets abspeichern und einen Furz klingen lassen, als käme Thor aus Midgard auf nen Prosecco vorbei, aber es fehlt mir das Leben. Und ich sag mal, lebt der Tonband nicht mit der Musik, dann kannst Du noch soviel Kohle ausgeben, vorne kommt nur Kacke raus!

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    1. ... also ich befürchte, Dirk, die klangliche Eigenwärme musst DU liefern, mit Deinem, Instrument, Deinem Verstärker, und natürlich mit Deiner musikalischen Seele. Alles was danach kommt, ist Konservierung dieser Wärme; egal ob analog oder digital, es ist und bleibt Konservierung!

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  9. jeder der einmal die Halle verlassen hat ohne ein spielfertiges System, weiss das es keinen geruhsamen Schlaf geben wird!!!

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  10. jeder der einmal die Halle verlassen hat ohne ein spielfertiges System, weiss das es keinen geruhsamen Schlaf geben wird!!!

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  11. Klangliche Eigenwärme? Meintest Du "Tiefpassfilter", "Harmonische Verzerrung" oder "Noise Floor"? Ein Mischpult sollte (wenn alles auf "neutral" steht) das rauslassen, was reingeht. Und Mikrofonvorverstärker hat ein Digitalpult auch. Effekte gehören ins Siderack. Die Sache mit den unreifen Softwareständen ist ein Dilemma, welches Tonmeister schon treffend auf Wettbewerbsdruck zurückgeführt hat. Dazu kommt noch das chronische Unterschätzen von Entwicklungsaufwänden für Software ("Das ist doch nur Software"). Findet übrigens in allen Bereichen statt, nicht nur in der Tontechnik. Der Kunde hätte es in der Hand, aber z. Zt. zählt halt in allen Bereichen nur der Preis. Eins noch: Vergleicht bitte nicht die klanglichen Eigenschaften eines GUTEN Analogpults mit denen eines BILLIGEN Digitalpults. Ich habe den Verdacht, dass das oft der Fall ist.

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  12. Tja... das Problem liegt in diesem Fall eher beim Lieferanten. UND bei dem, der digitale Komponenten quer durch die Landschaft zusammen bucht ohne nach zu denken. Die Problematik der Versionen ist nicht erst seit gestern bekannt. Digitale Pulte gibt es auch nicht erst seit gestern.

    Leute, die die "Wärme" vermissen (egal ob bei digiatales Pult oder digitales Amping) würd ich gern mal auf eine Art Blindverkostung einladen. Ich bin überzeugt und weiss es schon aus Erfahrung: Die am meisten jammern können NIX unterscheiden. Wie Bietrinker ohne Label ihr Lieblingsbier nicht erkennen (schmecken).

    Aber trotzdem: ein hervorragender Text zum mit leiden und mit schmunzeln :)

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  13. Hmmmm yeap genau so ist es... In vielen Bereichen gehts nicht mehr um die eigentliche "Sache" sondern darum das Ganze "Spielzeug" stabil zum laufen zu bringen .... 😐

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  14. Wohl wahr! Und dass eine nicht allzu kleine Anzahl Engineers Analog- und Röhren-Outboards mitbringen ist auch so ein Unding. Mehrfach-Wandlung und Latenz lässt Grüssen! :-)

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  15. Jaja...die wunderbare Welt der Bits und Bytes...eins ist sicher...auf nem analogen Pult bin ich viel schneller..klar hat es evtl. weniger Features...aber ich bin einfach schneller...und habe viele weniger Probleme! Und falls doch mal der Fehler Teufel seine Finger an der Elektronik hatte...wird das Teil einfach fix repariert....alles kein Hexenwerk! Toller Artikel mit viel Wahrheit! Viele Grüße von einem Analogfreund und Betatester ;) www.eventakustik.de

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  16. Ein oder mehrere Plugins konnten nicht geladen werden...

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  17. Danke für den Artikel. Konnte sehr gut "mitfühlen" und hab mich beim Thema analog/digital spontan an die Umbruchzeit der Bandmaschinen zu Digital erinnert:
    ein bekannter Produzent (ich bin so fair und lasse den Namen weg), der bei uns im Studio nur mischen wollte, kam mit einem 48-Spur DASH-Band. Um einen "wärmeren" Sound zu bekommen, kopierte er alle Einzelspuren auf unsere beiden verkoppelten A800 mit 2x 24-Spur analog, um erst dann zu mischen... So weit kann Sehnsucht nach Analog-Sound gehen !

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    1. Das hatte ich auch mal, eine A80 mit 24 Spuren, eine A80 mit 16 Spuren, ein 56 Kanal analog Mischpult und ein Pro Tools HD 3. AUdio hin und her spielen und so. Ist schon schön! Aber wer will heute noch 400 Euro für ein 2" Band ausgeben, auf das er dann 15 Min Musik aufnehmen kann? Von der Stromrechnung und der Maintenance ganz zu schweigen. Ich werde nicht sentimental, aber stabil war das analoge Zeugs - das hochwertige ;-)

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  18. I couldn't resist commenting. Very well
    written!

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Vielen Dank für deine Anmeldung!
Liebe Grüsse, der Tonmeister!